Einführung:

Da dies mein erster Blogeintrag ist, ist eine kleine Einführung wohl angebracht. Ich heiße Ingmar Wetzel, ich bin 19 Jahre alt, ich komme aus Berlin, ich habe die letzten paar Jahre in Brüssel gewohnt. 

Ursprünglich plante man, mich für mein Auslandsjahr nach Südindien zu schicken; doch das indische Konsulat in München versäumte mein Visum und ließ mich vollkommen im Stich. Nach ungefähr drei Monaten Wartezeit, in denen ich mir wir Josef K. aus Kafkas Der Prozess – also vollkommen ohnmächtig und untätig – vorkam, beschloss man mich dann nach Bolivien zu schicken, nach Santa Cruz de la Sierra. Nun bin ich also eher wie Christoph Kolumbus; ich wollte nach Indien, landete schließlich in Amerika. (Witz von Richard Wetzel) Hier in der neuen Welt arbeite ich im Hogar Don Bosco, einem Kinderheim für Jungen im Alter von ca. 5-17 Jahren. Ich begleite die mittlere Gruppe, Jungen im Alter von ca. 9-14 Jahren. 

Dieser Blog wird wohl keine genaue Erzählung meiner Erfahrungen hier, ich werde nicht schreiben, was ich jeden Tag mache, es wird nichts chronologisch. Stattdessen wird es eine einfache Sammlung an Beobachtungen, Geschichten, und generell Sachen die mir Auffallen und die ich für schreibenswert Halte. Was ich hier schreibe ist keineswegs empirisch bewiesen, sondern rein subjektiv. Der Titel meines Blogs ist eine doppelte Hommage an Roger Melis und Wolf Biermann, beides Künstler, die mir sehr nahe liegen. Roger Melis veröffentlichte 2007 einen Fotoband mit Bildern aus der DDR, eines meiner liebsten Fotobücher. Dieses Buch heißt In einem stillen Land, ein Titel, der an Biermanns Lied Noch angelehnt ist, indem Biermann singt, “Das Land ist still, noch.” Das Buch sowie das Lied handeln von einer schläfrigen Landschaft und einem mattes Volk, die auf bessere Zeiten warten. Insofern finde ich, dass dieser Titel auch in gewisser Weise zu Bolivien passt. Übrigens werde ich wohl jede Woche oder alle zwei Wochen einen neuen Beitrag schreiben. 

Hogar Don Bosco:

Ich arbeite im Hogar Don Bosco. Hier gibt es einen lieben alten Padre namens Octavio – einen Italiener von mindestens 85 Jahren. Es gibt eine Cheffin namens Wilma, eine etwas konfuse, aber durchaus angenehme Frau. Es gibt die Educadores, die ich als Volontär unterstütze. Mario, Jose Carlos, Luís Fernando, Lourdes, um nur die zu nennen, mit denen ich oft zu tun habe. Es gibt einen Theatersaal in dem die Jungen manchmal Filme gucken oder Karaoke singen, es gibt einen großen Fußballrasen, zwei kleine Betonbolzplätze. Es gibt eine Küche, in der Huhn und Reis zubereitet werden, es gibt zwei Essensräume, in denen Huhn und Reis gegessen werden, es gibt zwei furchteinflößende Schäferhunde in einem Zwinger, die abgekaute Hühnerknochen zu essen bekommen. Es gibt sechzehn Schlafsäle und noch viel mehr. Und hier alles ist umrundet mit hohen Mauern und einem kilometerlangen Drahtverhau, der selbst einen Pioniersoldaten im Ersten Weltkrieg neidisch machen würde.

Insgesamt gibt es an die 90 Jungen hier, aufgeteilt in drei Gruppen. In der meinen sind momentan 18, im Alter von ca. 9-14. Ich wecke sie morgens auf, gebe Zahnpasta aus, dann frühstücken wir. Danach müssen die Kinder oft sauber machen, fegen, wischen, Müll aufsammeln. Dennoch liegt immer Müll herum, fast überall im Hogar. Dies scheint mir nicht wie fehlende Sorgfalt der mit der Räumung des Abfalls beauftragten Kinder, sondern eher wie grundsätzlich fehlende Bildung. Man bringt den Kindern zwar bei, den Müll aufzuheben, aber sie lernen nie, ihn nicht in die Gegend zu schmeißen.

Dies hängt auch mit einem scheinbar entscheidenden Element der Mentalität der Heimkiner zusammen – der Impulsivität. Diese Impulsivität ist bei den meisten Jungen omnipräsent und lässt sich in einer Vielzahl von Situationen beobachten. Da sind es die – eigentlich oft eng befreundet – die sich bei jedem Konflikt erstmal kräftig prügeln, statt vernünftig zu bleiben. Oder aber die, die in jeglichen sportlichen Aktivitäten vollkommen individualistisch geprägt sind. Generell ist Sport und besonders Fußball eine gute Repräsentation für die mentale Einstellung der Jungs. Das Ziel des Spieles ist, primär die eigene sportliche Exzellenz zu beweisen, nicht um den Belang der Mannschaft voranzubringen. Apropos, Sport wird meist nach dem Aufräumen betrieben. Irgendwann gibt es dann auch Mittagessen, Huhn und Reis, danach wird in der Regel eine Art Siesta gemacht. 

Essen:

Die bolivianische Küche – oder die, die man hier in Santa Cruz zu Gesicht bekommt – stellt für mich eine Enttäuschung dar. 

Ich vermute, dass durch jahrhundertelange Armut und Ausbeutung besonders die Kaufkraft des Volkes auf ein Minimales reduziert wurde. Natürlich übt sich dies auch auf das hier verfügbare Essen aus. Dieses scheint mir eher dazu gemacht, den Körper mit ausreichenden Nährstoffen zum Arbeiten zu stopfen, als ein geschmacklich anspruchsvolles Erlebnis abzuliefern. Reis, Kartoffeln, Huhn – jeden Tag mehrmals. Dazu wird auch so gut wie nie Wasser getrunken, immer Cola oder Fanta oder zuckrige Fruchtsäfte. 

Man muss den Bolivianern jedoch auch einige kulinarische Volltreffer zumuten, zum Beispiel Saltenas. Eines der besten Frühstücke, die ich je essen durfte, besteht aus einem süßlichen, mit salziger Hühnerfleischfüllung gefüllten Teig. Gegessen wird vertikal, von einem spitzen Ende zum Anderen. Doch ist die bolivianische Küche insgesamt nicht besonders vielfältig, deswegen kochen wir im Casa de Voluntarios auch oft Tag zu Abend. 

Ein weiterer Segen, der uns hier aufgrund unserer zivilisierten Lage zukommt, ist, dass es doch eine beachtliche Auswahl an internationalem und auch geliefertem Essen zur Verfügung steht. So kann man zu einem durchaus nachvollziehbaren Preis etwas bestellen und auch mal etwas außer Huhn und Reis bekommen.

Im Hogar reicht das Essen scheinbar willkürlich von haarsträubendem Fraß zu anständiger Heimküche. In der Regel gibt es natürlich Huhn mit Reis und Kartoffeln, oft auch diverse Eintöpfe, zum Beispiel mit Linsen. Wenn man großes Pech hat, muss man sich jedoch Kutteln oder frittiertem Panser ergeben – ein grauenhaftes Schicksal, das bis zum Feierabend schrecklichen Hunger garantiert. 

Santa Cruz: 

Bolivien scheint für mich ein Land unendlicher Wiedersprüche und Probleme zu sein, und Santa Cruz scheint dies ausgesprochen gut zu verdeutlichen. Für mich ist es wie in Belgien, wie in Brüssel, nur dass alle Probleme bis ins fast Absurde verzerrt sind. 

Da ist zum Beispiel die Infrastruktur in der Stadt. An jeglichen öffentlichen Diensten scheint es vollkommen zu mangeln, stattdessen gibt es private Unternehmen, die der wohlhabendsten Schicht der Bevölkerung vorbehalten sind. Die Straßen strotzen vor Dreck und Vermüllung, das Volk ist das ärmste in Südamerika, das Land steckt tief in einer scheinbar hoffnungslosen Wirtschaftskrise. Aber wenn man hinter den Mauern und dem Stacheldraht genug Geld übrig hat, dann kann man diese Engpässe so gut wie umgehen – mit genug “Plata” kann man hier sehr gut leben. Auch Zugang zu guten Schulen, Krankenhäusern, Sicherheit, usw. hängt primär vom Wohlstand ab. 

In Santa Cruz wird die unsichtbare Mauer, die die sozialen Welten trennt, sehr schnell sichtbar. Das Casa de Voluntarios befindet sich im Stadtviertel 3 de Mayo, einer eher wohlhabenden, doch gemischten Gegend. Direkt gegenüber von uns liegt der Mercado 4 de Noviembre, ein großer aber durchaus regulärer Markt. Da gibt es eine ungekühlte Fleischstraße, eine Gemüsestraße, eine Eisenwahrenstraße. Da verkaufen uralte indigene Frauen diverse Wurzeln, da liegen ein paar Bettler und Obdachlose. Irgendwo rennt auch eine Ratte herum. Im Obergeschoss kann man sich für umgerechnet ca. 1,30€ Huhn mit Reis und Kochbanane oder ein okkultes Suppengebräu kaufen. Alles ganz normal, alles ausreichend. 

Läuft man nun zehn Minuten die Straße hoch, kommt man nach Equipetrol, eines der wohlhabendsten Viertel in Santa Cruz. Dort befindet sich der IC Norte. Dies ist ein riesiger Supermarkt, der mich sehr an die in den USA erinnert, inklusive Foodcourt und co. Das ist eine andere Welt. Hier ist alles spiegelblank poliert – spiegelblank poliert von uralten indigenen Frauen. Auf dem Parkplatz stehen teure Importwagen, Marken wie Volvo, Cadillac, Mercedes. Aus den Autos steigen schick angezogene Menschen, oft Hellhäutige, die sehen aus wie Europäer – wohl ein fernes Erbe der Kolonialzeit. Drinnen gibt es alles was das westliche Herz begehrt, vor allem amerikanische Markenprodukte. Westliche Produkte zu westlichen Preisen. In einem Land, in dem mehr als ein Drittel der Bevölkerung mit unter vier Euro am Tag ist, ist das ganz schön teuer. Hier kann der Durchschnittsbolivianer nicht einkaufen. An den Kassen stehen Jungen und packen Einkäufe in Plastiktüten ein, schieben Einkaufswagen zu teuren Importwagen. Sie sind teilweise alarmierend jung, und sie bekommen keinen Lohn vom IC Norte – nur Trinkgeld von dem einen oder anderen Kunden. IC Norte

Santa Cruz ist eine komische Stadt. Hier herrscht ein heilloses Durcheinander, hier herrscht die Gegenüberstellung zwischen Neu und Alt, zwischen Tradition und Fortschritt. Diese Konfrontation erinnert mich auf viele Weisen an meine zwischenzeitliche Heimat, Brüssel. Dort wird – besonders im architektonischen Sinne – die Tradition auf eine fast barbarische Art und Weise zerschmettert. Die brutalen Strukturen der Europäischen Institutionen, oder die im Quartier Nord, wurden in ein existierendes städtisches Netz gestampft und koexistieren jetzt mit ihm. In Santa Cruz zeigt sich dieses Zusammentreffen von Alt und Neu eher auf der kulturellen Ebene. Denn das im spanischen Kolonialstil erbaute Stadtzentrum ist mehr oder weniger intakt. Der Kampf wird zwischen Mercado 4 de Noviembre und IC Norte gefochten, zwischen Pique Macho und Burger King, zwischen Papayasaft und Coca Cola. In Santa Cruz werden nicht plastische Strukturen ersetzt, sondern gesellschaftliche.

Auch wird in Santa Cruz der Gesamtzustand Boliviens klar. Hier wohnen fast zwei Millionen Menschen – es ist die größte Stadt des Landes. Es ist das wirtschaftliche Zentrum Boliviens, die größten Unternehmen und Banken sind hier angesiedelt. Doch wirkt die Stadt an vielen Ecken seltsam provinziell. Der historische Stadtkern ist sehr beschaulich, alles dreht sich um den zentralen Plaza 24 de Septiembre, der auch nicht wahnsinnig viel zu bieten hat. Santa Cruz fehlt jegliche Grandeur, die man in einer europäischen Stadt vergleichbarer Größe finden würde, oder für die viele andere südamerikanische Großstädte bekannt und gar berühmt sind. Die Straßen in den Barrios sind oft verschlafen und wirken eher, als liegen sie in einem Dorf oder in einer Kleinstadt, als in einer Millionenstadt. Vielleicht hängt dies aber auch mit dem generell recht gemächlichen Tempo des Lebens zusammen.  

Die Menschen stehen langsam auf, sie bewegen sich gemütlich – wie in Belgien. Abends sitzt man vor den Häusern auf der Straße oder spielt Billard. Man schaut den Straßenhunden zu, die einem über den Weg laufen. Man isst spät zu Abend; spät Huhn und Reis. Die Einwohner von Santa Cruz, oder Cruceños, reden mit einer lässigen, oft langsameren Mundart als Bewohner anderer Großstädte. Sie sind freundlich, hilfsbereit. 

Santa Cruz ist ein raues Pflaster mit viel Stacheldraht und Graffiti; es ist ein angenehmer, heißer, dreckiger Fleck voller leidenschaftlicher Menschen die einfach nur versuchen im skrupellosen Spätkapitalismus des modernen Boliviens zu überleben.

Ihr könnt gerne an mich spenden, es würde mich sehr freuen!

DON BOSCO MISSION
LIGA BANK MÜNCHEN
IBAN: DE66 7509 0300 0102 1418 76
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Ingmar Wetzel, S25VB021