Tim jeiht noh Ujanda

Hätzlich Willkumme /Tuba sanyukidde auf meinem Blog!

Andersrum

Vor zwei Monaten? Idylle. Ich habe einen Alltag und fest definierte Aufgaben gefunden, die Menschen und insbesondere die Kinder vertrauen mir und ich habe das Gefühl, ein fest integrierter Bestandteil des Projekts geworden zu sein. Immerhin – das ist nämlich gar nicht so selbstverständlich, wie ich mir das zu Beginn meiner Zeit in Bombo vorgestellt hatte. Ich habe Pläne, stelle mir vor was ich welcher Gruppe von Jugendlichen noch alles beibringen kann, verbringe jede freie Minute mit Freunden. Ich laufe abends glücklich und die letzten Sonnenstrahlen genießend barfuß durch das Projekt, verabschiede hier und da noch jemanden der nach dem Oratorium nach Hause geht und freue mich schon auf das mäßig gut zubereitete Abendessen mit meiner neugewonnenen Familie der Salesianer. 

Und dann? Abbruch. Ein einfaches Wort, das sich so leicht aussprechen lässt – etwas abbrechen. Aber wie sehr es auf das zutrifft, was mir und all den anderen Volos passiert ist, das ist mir erst aufgefallen als ich wieder hier war: Etwas, das stabil, geplant und gleichmäßig vor sich hinfließt, wird ab-ge-brochen. Kracks! Und schon hört es auf. Ungeplant, ohne Vorwarnung, und alles was danach hätte kommen sollen ist futsch. Unwiderruflich.  

Und dann stand ich zuhause. Dort, von wo ich aufgebrochen war, stand ich nach viel zu kurzer Zeit wieder und stand doch gute 6000 Kilometer neben mir. Und ja – das war scheiße. Richtig scheiße, verletzend, schwer hinzunehmen. Aber darüber möchte ich nicht schreiben! 

Ich weiß selbst nur zu gut, wie schwer das ist, aber machen wir doch mal das was einem eh immer geraten wird und sehen das Ganze einfach mal positiv. Betrachten wir es doch mal andersrum. Ich bin aufgebrochen. Ohne Komplikationen, vom Staat bezahlt, geimpft und so gut vorbereitet wie man nur sein kann. Ich bin angekommen und wurde so offen und herzlich empfangen wie man sich es nur wünschen kann. Ich habe gute sieben Monate in einem Land verbringen dürfen, dessen Name bei vielen Menschen hierzulande nur Assoziationen wie „Busch“, „Ureinwohner“ und „Hunger“ hervorruft und durfte anders als eben diese Menschen erfahren, wie es dort wirklich ist! Ich habe unendlich tolle Freundschaften dazugewonnen! Ich habe so viel über mich selbst, Kultur, Menschen und die Welt gelernt wie während meiner gesamten Schulzeit nicht. Ich habe mein Englisch trainiert, handwerklich dazugelernt, kann jetzt mit den Händen waschen, Menschen mit lustigen Wörtern einer ostafrikanischen Stammessprache verwirren…. 

Natürlich ist das, was ich jetzt hier schreibe, vereinfacht. Man kann leider nicht mal eben so zusammenfassen „wie es war“ und ein Fazit ziehen! Insbesondere dann nicht, wenn man jeglicher Möglichkeit zur emotionalen Vorbereitung des Abschieds sowie der anschließenden Reflektion beraubt wurde. Aber trotzdem versuche ich das, was ich im Nachhinein denke und fühle, hier zum Ausdruck zu bringen. 

Das, was ich in Bombo und an anderen Orten in Süd- und Ostafrika erleben durfte, ist jetzt nämlich nicht futsch. Weil wenn man einen Balken abbricht, dann löst der sich auch nicht einfach in Luft auf. Er ist halt abgerochen und das ist nicht besonders toll, aber er ist trotzdem noch da. Klar, es hätte noch mehr kommen sollen. Aber wenn über einen langen Zeitraum im Herzen Schätze anhäuft, dann sind sie nicht weg nur weil man irgendwann damit aufhören muss. Sie sind noch da und werden das auch immer sein – als Teil von mir, der mich sehr stark geprägt hat und mich mit allem, was davor war, zu dem gemacht der ich jetzt bin. 

Ich habe gelacht, geweint, beobachtet, gelernt, geschlafen, durchgemacht, gefaulenzt, geackert, gesungen, getanzt, Bälle geschmissen, unterrichtet, gebuddelt, geschmückt, gepflanzt, gekocht, gegessen, zugehört, Blasen gehabt, umarmt, geredet, belehrt, geschimpft, gelobt, unterstützt, Ärger angestiftet, Französisch, Englisch, Luganda, Deutsch und Kölsch gesprochen, geschlachtet, ausgenommen, diskutiert, Holz gehackt, mich gestritten, geschwitzt, gefroren, geweckt, gebetet, Gitarre gespielt, Sport gemacht ohne Ende. 

Ich wurde belehrt, nicht für voll genommen, für einen Milliardär gehalten, wie jemand Besonderes behandelt, vom Präsidenten angesprochen, eingeladen, bewirtet, beschenkt, bereichert.

Ich bin gesprungen, gerannt, gekrabbelt, ins Fettnäpfchen getreten, ausgelacht worden, vor Lachen fast erstickt, auf vergrabene Knochen gestoßen, früh aufgestanden, von den Kindern immer wieder aufgeheitert worden, voll in meinem Projekt aufgegangen. 

Das war ein Bruchteil des Schatzes, den ich in Bombo angehäuft habe und den mir keiner jemals wird abkaufen können. Ist ein ganz schön krasser abgebrochener Balken oder? Und wenn man so etwas tolles sein Eigen nennen darf, dann bleibt einem am Ende nur noch eins übrig, das man loswerden sollte…

DANKE an alle und für Alles / Weebale Nyo!

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Mzungu op jöck

  1. Avatar

    Sophie Tigges

    Hallo Tim,
    du wunderst dich wahrscheinlich, wer dir auf einmal einen Kommentar unter deinen so emotionalen Blogeintrag schreibt. Ich bin Sophie und war ein Jahr vor dir mit Don Bosco in Togo. Heute bin ich zum ersten Mal seit meiner Rückkehr auf die Blogseite der Volunteers und bin direkt auf deinen Eintrag gestoßen, der mich so traurig, aber auch glücklich gemacht hat. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es dir/euch geht, plötzlich rausgerissen aus einem doch ganz anderen Leben, plötzlich wieder da, wo man doch eh schon alles kennt und plötzlich ohne die Menschen, die doch eigentlich den ganzen Tag um einen herum waren. Ich bin so begeistert, was du für eine Stärke zeigst und deine Gedanken teilst und am Ende trotzdem auch glücklich bist mit dem, was du erleben durftest und was du in den Monaten deines Aufenthalts gelernt hast. Und das wird dir nie wieder genommen.
    Ganz viel Kraft an dich und deine Mitfreiwilligen & die aller liebsten Grüße,
    Sophie

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