In Deutschland habe ich einige Monate bevor ich nach Uganda aufbrach mein Abitur absolviert. Um dies erfolgreich tun zu können, hatte ich natürlich schon viele Wochen vorher angefangen mir Wissen anzueignen- ich habe gelernt. Größtenteils natürlich theoretischen Stoff, den ich durch simples Wiederholen, Abfragen und Aufschreiben auswendig lernte. Ich habe mich also, abstrakt betrachtet, an einen Tisch gesetzt, Inhalte, von denen meine Regierung glaubt sie seien wichtig, vom Papier in meinen Kopf geholt und mich so in gewissen Maße weitergebildet. Und was war nicht alles dabei! Ganzrationale Funktionen berechnen, uralte Gedichte und Dramen auseinanderklamüsern, den Werdegang meines Landes analysieren und verstehen, auf Englisch die Digitalisierung als globalen Prozess diskutieren… Ich glaube, rückblickend behaupten zu können, aus dieser Zeit der Vorbereitung und Prüfungen so manches mitgenommen zu haben. Wie man lernt, sich selber organisiert und motiviert, wie man Prüfungsstress aushält oder wie man sich sechs Stunden lang auf einen einzigen Text konzentriert zum Beispiel. Inhaltlich ist bestimmt auch das eine oder andere hängengeblieben. Durch diese Zeit bin ich also (hoffentlich) geistig und intellektuell etwas an und mit meinen Herausforderugen gewachsen.


Hier in Uganda, wo ich übrigens mittlerweile seit fast fünf Monaten bin, bemerke ich einen ähnlichen Prozess wie in dieser Abiphase. Nur dass dieser Prozess sich nicht auf theoretisches Wissen und Methodik beschränkt, sondern komplett lebenspraktisch, unvorhersehbar und spannend ist. Zwar würde ich lügen wenn ich jetzt, zu einem Zeitpunkt zu dem ich weitgehend eingelebt bin, behaupten würde dass ich jeden Tag etwas Neues lernte. Grade am Anfang war dieser Zustand unglaublich aufregend und neu für mich, aber mit der Zeit hat man dann eben doch die meisten Dinge schonmal erlebt und nimmt sie nicht mehr als etwas Besonderes war. Aber trotzdem, auch nachdem nun knapp die Hälfte meines Freiwilligendienstes vorbei ist, geht es noch weiter mit dem Lernen. Ihr fragt Euch, wovon ich konkret spreche? Unmöglich das alles aufzuführen, aber da wäre zum Beispiel die Tätigkeit des „100-afrikanische-Kinder-trotz-Sprachbarriere-in-Sport-unterrichten“. Etwas, das ich nur gelernt habe, weil ich von den Leuten hier einfach radikal und ohne Gnade ins kalte Wasser geworfen wurde. Da stehst du auf einmal vor 100 kleinen Gesichtern die dich anstarren und wollen, dass du ihnen etwas beibringst. Ohne dass du ihre Sprache kannst und ohne, dass es einen Lehrplan gibt. Aber siehe da, man beißt die Zähne zusammen und nach einigen Wochen ist man an seiner Aufgabe gewachsen und kriegt es irgendwie hin. Oder aber das Handwerk der Feldarbeit. Genau wie das Schlachten ist das etwas, was ich aus eigenem Antrieb heraus mache, die Priester der Kommunität haben mir diese Aufgaben nicht zugewiesen. Aber weil ich nunmal jemand bin der immer alles ausprobieren will habe ich losgelegt und stand auf einmal in der prallen Sonne auf einem Dschungel von einem Maniokfeld, mit einer Hacke in der Hand, und versuchte essbare Wurzeln auszubuddeln ohne sie dabei kaputtzumachen. Oder aber saß auf einem Holzpflock und schärfte eine Machete während der Farmarbeiter ein Schwein fesselte und wusste, das ich mir gleich keinen Rückzieher und kein Zögern würde erlauben können. Da wäre das „Chauffeur-spielen-auf-afrikanischen-Feldwegen“, das mich in einigen Situationen, gepaart mit einigen anderen Faktoren wie Unfähigkeit der Navigierenden und katastrophalem mechanischen Zustand des Autos wirklich an den Rand meiner Belastbarkeit gebracht haben. Aber durch genau diese Abenteuerfahrten habe ich gelernt, mit einem schleudernden oder feststeckendem Auto, durchdrehenden Reifen und anderen Überraschungen umzugehen. In Deutschland konnte mir zuweilen schon die Geräuschkulisse meiner Familie im Auto zuviel werden, hier schrecken mich auch keine 15 Mann im Pickup und auf der Ladefläche (ja, 15 bis 20 Leute auf / in einem Auto, ohne Anschnaller, ohne asphaltierte Straße, ohne Versicherung) mehr ab. Mit den Händen essen kann ich jetzt nur, weil ich mir irgendwann beim Abendessen einfach mal kein Besteck genommen und drauflosgekleckert habe.
Und ganz abgesehen von all diesen praktischen Dingen habe ich ja auch noch die Chance, mental ganz neue Erfahrungen zu machen. Ganz abgesehen davon dass ich gerade dabei bin eine afrikanische Stammessprache zu lernen, erfahre ich am eigenen Leibe wie es ist fremd zu sein. Auf einmal, nach einer Reise von circa 14 Stunden, waren alle Menschen um mich herum anders- fremd, andersfarbig und mit ganz anderem Verhalten. Jetzt, nachdem diese Anfangsphase vorbei ist, weiß ich wie es sich anfühlt in einer anderen Kultur zu sein, sich dieser zu öffnen und sich in sie zu integrieren. Wie es ist gewisse meine Weltanschauung betreffende Dinge nicht laut auszusprechen und wie es ist, aufgrund von seiner Hautfarbe anders als andere behandelt zu werden. Ich kenne jetzt die Bedeutung des Wortes Heimweh und habe die Möglichkeit, mal aus einer ganz anderen Perspektive auf mein Vaterland zu schauen.


All diese Dinge, seien sie in meinem Kopf, meinen Händen oder in meinem Herzen, sind derart umfassend und zahlreich dass ich schon jetzt glaube behaupten zu können, in den vergangenen Monaten mehr gelernt zu haben als ich es bei der Vorbereitung auf egal welche Abschlussprüfung der Welt getan hätte. Ich finde diese Chance und all diese Erfahrungen immer noch unglaublich spannend und bereichernd. Ich habe hier schon viel endeckt und noch viel mehr zu entdecken. Ich entwickle mich, sammle neue Eindrücke und Perspektiven. Lerne unglaublich viele tolle Menschen kennen, knüpfe Freundschaften und baue mir ein soziales Umfeld auf. Und all dieses Wissen, diese Bilder, Erfahrungen und Erinnerungen, die nehme ich dann im August mit nach Hause. Diesen Schatz häufe ich an wie die vermeintlich glücklichen Milliardäre dieser Welt ihr Geld und, obgleich auch wahrscheinlich wenige Menschen aus Deutschland ihn jemals verstehen werden, wird dieser Schatz für immer mir gehören und ein Teil von mir sein.