Ich möchte zur Post gehen, um einen Brief abzuschicken und mache mich auf den Weg. Sobald ich vom Gelände auf die Straße abgebogen bin, beginnt es. „Bye Muzungu!! Bye Bye!!!“ wird mir zugerufen, Kinder laufen mir nach und manche fassen mich an. Als ich ein paar Minuten später im örtlichen Postamt ankomme, habe ich auf der kurzen Wegstrecke bestimmt zehmal einen „Boda Boda“ (ein Motorradtaxi) abgelehnt und mehreren Imbissbudenverkäufern nachhaltig versichert, dass ich heute nicht bei Ihnen essen werde.
Seit ich vor circa dreieinhalb Monaten hier angekommen bin, bin ich ein Fremder. Während ich in Köln, davon gehe ich zumidestens aus, optisch ein ganz normaler Teil des Stadtbilds war, falle ich hier im wahrsten Sinne des Wortes auf wie ein buntes Huhn. Das ist zwar ein merkwürdiges und manchmal ehrlich gesagt auch einfach nur nerviges Gefühl, ich habe mich aber mittlerweile ganz gut daran gewöhnt. Ich bin hier nunmal ein (langfristig bleibender) Gast und es gehört dazu, aufzufallen und herauszustechen, auch wenn das einem in manchen Situationen Unbehagen bereiten kann. Dieser eine Teil des Fremdseins ist aber relativ offensichtlich und etwas, dessen ich mir vorher bewusst war. Ich möchte Euch heute allerdings noch von einem anderen Aspekt des Ganzen erzählen.
Wenn, meine lieben Blogleser, einer von Euch hier in Bombo durchs Dorf laufen und sich umhören würde, dann käme er zu dem Schluss, dass ich reich bin. Und, wenn man das ganze als Studie betrachten würde, mit wahrscheinlich ziemlich eindeutigen Umfrageergebnissen. Ihr fragt Euch, warum? Hat Tim etwa entgegen aller Vernunft angefangen, sein Privatgeld an die Leute zu verteilen, gönnt er sich zu viel oder geht er etwa jeden Tag in den Restaurants Bombos essen? Ich muss Euch enttäuschen, meine Lieben, tatsächlich habe ich bisher von meinem Taschengeld grade mal einen Bruchteil ausgegeben. Nein, mein Ruf hier in Bombo, genau wie der von Simon, hat eine viel simplere Ursache: unsere Hautfarbe ist weiß. Eine einfache Tatsache, die aber unsere Rolle in der Gesellschaft hier und das, was die Leute von uns denken, undendlich stark beeinflusst. Nun ist es ja auch objektiv gesehen durchaus begründet wenn man davon ausgeht, dass der Durchschnittseuropäer über ein weitaus größeres Einkommen und Vermögen verfügt als der Durchschnittsafrikaner. Dementsprechend würde ich mich niemals darüber beschweren, dass man bei jeder Gelegenheit versucht uns mit den Preisen übers Ohr zu hauen oder uns Dinge anzudrehen. Wären die Rollen andersherum, ich täte genau dasselbe.
Gut, vermeintlich-reich-sein ist also Punkt Nummer Eins. Es kommt aber noch etwas dazu: irgendwie scheinen wir wichtig(er) zu sein. Ich könnte jetzt tausend kleine Beispiele aus dem Alltag erzählen aber ich belasse es bei zweien, die mir die Intensität und Falschheit dieses Vorurteils am extremsten vor Augen geführt haben.
Beide habe ich an vergangenem Samstag auf einer Feier zur „Nationalen Jugendkonferenz“ auf dem Diözesengelände erlebt. Nachdem im großen Stil im freien Messe gefeiert wurde, gab es auf einmal große Aufregung denn offenbar stand ein Besuch des Präsidenten Musseveni kurz bevor. Zu diesem Zeitpunkt saßen Simon und ich links von der Bühne in einem der Zuschauerzelte in der vierten oder fünften Reihe, ganz normale Plätze inmitten der Menge halt. Unmittelbar nach der Ankündigung, dass seine Exzellenz gleich eintreffen werde, wurden Simon und ich vollkommen unerwartet zusammen mit zwei Amerikanern, die in unserer Nähe gesessen hatten, auf einmal von zwei Mitarbeitern dazu aufgefordert, doch bitte im Zelt des Präsidenten Platz zu nehmen. Und zwar nicht irgendwo, sondern in der ersten Reise, Luftlinie circa fünf Meter von dem thronartigen Stuhl Mussevenis entfernt. Simon und ich hatten an diesem Tag nichts, aber auch wirklich gar nichts, mit dieser Veranstaltung zu tun. Wir haben nicht zu Ihrer Verwirklichung beigetragen, waren an keinerlei Aktivitäten geschweige denn an der Arbeit der Jugendlichen beteiligt und waren, um erhlich zu sein, nicht einmal offiziell eingeladen. Wir haben nicht einmal den Eintritt bezahlt, da wir uns am Morgen mit einem der Salesianer reingeschmuggelt hatten. Es hätte dutzende Menschen gegeben, die es verdient gehabt hätten, auf diesen Ehrenplätzen zu sitzen- nur nicht wir.
Die zweite Situation ereignete sich dann beim auf die Präsidentenrede folgenden Mittagessen. Wir hatten ein paar Leute aus Bombo entdeckt die wir kannten und stellten uns mit ihnen in eine der langen Warteschlangen, um das Mittagessen zusammen einnehmen zu können. Keine Minute später kam ein Mitarbeiter und fischte uns aus der Schlange raus. Er wolle uns zur Essensausgabe der Priester bringen, sagte er, dort wäre es besser für uns. Als ich daraufhin höflich ablehnte und sagte, ich würde lieber mit meinen Freunden esse, wurde ich fast schon zwingend am Arm genommen und zur besagten anderen Schlange geführt. Da ich keinen Vergleich habe, kann ich nicht sagen, welches Essen besser geschmeckt hat oder hätte- jedenfalls ist klar, dass die „gewöhnlichen Besucher“ sich nicht einfach so hätten aussuchen können, wo sie essen wollen. Und zum zweiten Mal an diesem Tag und zum was-weiß-ich-wievielten Mal in meinem Freiwilligendienst hinderte mich meine Hautfarbe daran, als ganz normaler Typ durchzugehen.
Ihr dürft jetzt allerdings bitte nicht denken, dass es mir deswegen schlecht geht, ich genieße meine Zeit hier nach wie vor sehr und bin froh über jede neue Erfahrung und Erkenntnis. Vielleicht ist Euch aufgefallen, dass ich das Wort „Rassismus“ in meinem Text bewusst vermieden habe. Ich finde nämlich, dass das Beschriebene zwar durchaus eine unterschiedliche Behandlung verschiedener Menschen aufrgund ihrer Hautfarbe darstellt, der Begriff Rassismus jedoch vorallem von einer schlechteren Behandlung jemandem gegenüber geprägt ist. Da bei uns eher das Gegenteil der Fall ist (außer vielleicht beim Feilschen) würde ich mich niemals über „Rassimus“ beschweren.
Mir wird hier einfach nur bewusst, wie tief Vorurteile und Beurteilungen von Personen, sei es in Europa oder Afrika, auf den Äußerlichkeiten eben dieser beruhen und ich finde mich derzeit dass erste Mal in der Situation, selber der fremde Außenseiter zu sein der niemals als Otto Normalbürger durchgehen wird- und das nur wegen Farbpartikeln in meiner Haut. Diese neue Erfahrung, das mal-fremd-sein, das Auffallen und irgendwie anders sein, finde ich total spannend und aufschlussreich. Hoffentlich, denke ich in solchen Situationen oft, verstehen irgendwann alle Menschen auf dieser Erde das, was die Brings schon so lange erkannt haben: „Mir sin all all all nur Mensche, et Hätz am rechte Fleck…“