Timo in Togo

Mein Jahr in Westafrika

Menü Schließen

Das Schicksal von Eweka

Hallo, liebe Leser!

Heute erzähle ich von einer Lebensgeschichte, bei der ihr Euch wundern werdet, dass einem Menschen in einem so kurzen Leben so viel Unglück widerfahren kann.

Der Junge, den ich interviewt habe, ist für mich ein besonderer: als ich gerade in Togo angekommen war, haben wir den ersten Monat miteinander verbracht und die Ferien genossen! Noch waren nur vier Kinder im Foyer, sodass die Zeit mit ihnen natürlich um so intensiver war. Wir redeten viel, spielten, lachten und sangen.

Eweka* ist schon einer der ganz Großen im Foyer Immaculée. Er will keinen Ärger, respektiert die Erzieher, erfüllt seine Pflichten und lässt während der Schulzeit keine Minute ungenutzt verstreichen. Wenn man ihn sucht, so findet man ihn in einem der Klassenräume. Er schreibt dann etwas an die Tafel oder liest ein Buch. Zu jedem Thema hat er das passende Zitat einer geschichtlichen Größe parat und erzählt am liebsten von Königen in Afrika vor der Kolonialzeit.

Dieser Blogeintrag besteht aus drei Abschnitten:

  1. Un enfant avec des problèmes d’adultes (Die Lebensgeschichte von Eweka*)
  2. Steckbrief
  3. Ein Brief von Eweka* (Eine Nachricht von ihm persönlich an meine deutschen Leser)

Ihr werdet merken, dass er eine bescheidene Wut auf die ehemalige Kolonialmacht Frankreich hat. So geht es sehr vielen Menschen hier. Durch die regionalen Nachrichten kriegen sie auch wirklich noch deutlich mehr von der Einmischung europäischer Regierungen in afrikanische Politik, Kriege und Wirtschaft mit. Ganz vorne dabei ist im frankophonen Afrika natürlich Frankreich. Auch der Hexenglaube klingt an manchen Stellen heraus. Wie ich schon in einem anderen Artikel erläutert habe, ist an diesem Credo zunächst nichts verwerfliches und er darf auch nicht als primitiv abgestempelt werden.

Ich nehme hoffentlich nicht zu viel vorweg. Fangen wir also an.

Un enfant avec des problèmes d’adultesDSCN7415

Guten Tag aus Togo! Ich heiße Eweka* und erzähle Euch meine Geschichte.

Nigeria

Geboren wurde ich einst in Nigeria. Wo genau, das habe ich vergessen. Nigeria ist ein riesiger Bundesstaat und das bei weitem bevölkerungsreichste Land Afrikas. Nach allem, was ich so über diesen Staat höre, ist eines klar: wenn ich erwachsen bin, kehre ich dorthin zurück und versuche mein Glück. Das Leben dort ist lauter und schneller. Zwar ist die Kriminalität dort gefährlicher und organisierter als in Togo und das Land ist auch nicht überall stabil, aber wenigstens findet man Geld. Vielleicht möchte ich auch in den Gabun. Nur in Togo bleiben ist eher keine gute Idee, es gibt viel zu wenig Arbeitsplätze, selbst für studierte Leute.

Aufgewachsen bin ich mit meinen drei Schwestern und meiner Mutter in Ahiara, Nigeria. Ich selbst bin nur Halbnigerianer, denn meine Mutter stammte aus Togo. Sie war eine waschechte Kabiyè und glaubte sehr fest an ihre Naturreligion. Mein Vater dagegen war ein Muslim und nur sehr selten bei uns. Wo er war, wussten wir nicht. Vielleicht vergnügte er sich mit anderen Frauen. Als Soldat hatte er viel Geld und wirkte auf Frauen deswegen enorm anziehend.

Wenn ich mich an meine Heimat zurück erinnere, so denke ich an feuchte Reisfelder, in denen man als Kind auch versinken kann. An manchen Orten gab es undurchdringlichen Regenwald. Dort durfte ich nicht spielen, denn er ist voll von Schlangen und Stechfliegen. Meist spielte ich mit meinen Schwestern vor dem Haus. Die Erde war rot und fein, ohne spitze Steine.

Bei uns gab es immer genug zu essen, denn meine Mutter verkaufte Coco (ein dickflüssiger Hirsebrei, der gut sättigt). Das kaufen die Leute gerne und viel. Ich mag es auch. Wenn ein bisschen übrig blieb, durfte ich es mir mit meinen Schwestern teilen. Zusammen haben wir ein bissen Zucker gekauft, dann war es schön süß.  Ansonsten gab es fast jeden Tag schwarzes Pâte. Das wird aus der sonnengetrockneten Schale von Yamswurzeln hergestellt und schmeckt sehr gut. Das Fleisch, was wir einmal in der Woche aßen, war nicht immer gut. Einmal hatte ich einen Ténia-Wurm. Wenn ich den nicht mit Naturmedizin losgeworden wäre, wäre ich vielleicht verhungert. Solche Würmer töten!

Krieg und Krankheit

Ich war zwar noch klein, aber ich erinnere mich ein bisschen an den Krieg. Der nigerianische Bürgerkrieg endete zwar schon 1970, doch seitdem gehen die Unruhen weiter. Heute weiß ich, dass der ganze Konflikt auf der Luft- und Wasserverschmutzung in der Region basiert. Damals wusste ich von solchen Problemen noch nichts.

Ahiara liegt in der Nähe des Nigerdeltas. Hier herrscht seit vielen Jahren ein Streit: Die örtliche Bevölkerung des Igbo-Stammes leidet unter der massiven Umweltweltverschmutzung aus der Ölförderung vor der Küste. Jedoch wird sie von westlichen Ölfirmen (vor allem Shell) und der nigerianischen Regierung in keinster Weise unterstützt, sondern eher noch unterdrückt. Die Menschen leiden also unter den Folgen der Erdölförderung, aber die Profite aus dieser kommen nur der muslimischen Mehrheit im Norden und den westlichen Erdöl-Unternehmen zugute. Eine große Unzufriedenheit ist verständlich. Regelmäßig gibt es Entführungen von Shell-Mitarbeitern, Angriffe auf Ölplattformen und bewaffnete Unruhen.

Anmerkung von Timo: Ahiara liegt in der Nähe des Nigerdeltas. Hier herrscht seit vielen Jahren ein Streit: Die örtliche Bevölkerung des Igbo-Stammes leidet unter der massiven Umweltweltverschmutzung aus der Ölförderung vor der Küste. Jedoch wird sie von westlichen Ölfirmen (vor allem Shell) und der nigerianischen Regierung in keinster Weise unterstützt. Die Menschen nehmen an den Folgen der Erdölförderung Schaden, aber die Profite aus dieser Industrie kommen nur der muslimischen Mehrheit im Norden des Landes und den westlichen Erdöl-Unternehmen zugute.

Die Ölpest, die sich durch Lecks der maroden Pipelines täglich verschlimmert, entzieht den ortsansässigen Bauen und Fischern die Lebensgrundlage.

Die Ölpest, die sich durch Lecks der maroden Pipelines täglich verschlimmert, entzieht den ortsansässigen Bauern und Fischern die Lebensgrundlage. Eine große Unzufriedenheit ist verständlich. Regelmäßig gibt es Entführungen von Shell-Mitarbeitern, Angriffe auf Ölplattformen und bewaffnete Unruhen. Bildquelle: bbc.co.uk

Von heute auf morgen hörte man Schüsse in der Stadt. Meine Mutter musste mir erklären, was die lauten Geräusche zu bedeuten hatten. “Jeder Schuss hat die Kraft, einen Menschen zu töten“, sagte sie. Manchmal sah man auch ernste Menschen mit Waffen herumlaufen. In solchen Situationen mussten wir uns verstecken und durften nicht aus dem Fenster schauen. Gegen wen sie kämpften, wusste ich nicht. Heute vermute ich, dass es christliche Rebellen waren, die sauer auf die muslimische Mehrheit des Landes waren. Wir hatten große Angst und meine Mutter hat sich nach einer Fluchtmöglichkeit umgesehen. Es musste furchtbar für sie gewesen sein, nicht zu wissen, wie sie ihre Kinder beschützen kann. Irgendwann hörten wir laute Flüche und Schreie der Nachbarn. Schnell rannten wir aus dem Haus und sahen, wie eine Planierraupe das ganze Viertel Zongo plattwalzte. Zongo, das ist oft der Name des muslimischen Viertels in westafrikanischen Städten. Auch unser Haus wurde dabei komplett zerstört. Barfuß stand ich also neben meinen Schwestern und meiner Mutter auf der roten Erde. Die Luft roch nach beißendem Rauch und Asche. Das schnaufend schwere Fahrzeug zog weiter und zerstörte das Leben weiterer Familien. Am Steuer saß eine junge Frau mit Militäruniform und strengen Augen, sie gehörte zu den Igbo-Rebellen.

Ab dann haben wir in einer alten Hausruine gewohnt. Naja, so schlecht war es dort gar nicht. Die Besitzer sind wahrscheinlich vor dem Krieg geflohen. Wir wohnten lange hier und ernährten uns von Yamswurzeln, die die Nachbarn uns schenkten. Viele Dinge konnten wir aus den Trümmern unseres Hauses retten. Ich habe zu dieser Zeit schon viel gebetet – das gab mir Kraft.

Als sich die Unruhen beruhigt hatten, wurde meine Mutter sehr krank. Man sagte ihr, sie solle nur noch Milch trinken. Auch magerte sie immer weiter ab, bis die Knochen und Adern gut sichtbar waren. Sie wurde schwach. Ich kenne ihre genaue Krankheit bis heute nicht. Für die Behandlung in einem Krankenhaus war kein Geld da. Also starb sie vor meinen Augen.

Ich habe nicht viel geweint. Jedenfalls nicht so viel wie meine Schwestern. Vielleicht habe ich es auch gar nicht verstanden. Wie gesagt, ich war noch sehr klein. Eine Verwandte hat mich und meine drei Schwestern zu sich geholt. Über meine Onkel und Tanten hat auch mein Vater vom Tod meiner Mutter erfahren. In Afrika gibt man sich solche Informationen weiter. So also kam mein Vater und wollte die Leiche meiner Mutter sehen. Er weinte und weinte. Ohne Unterlass und ohne Ausruhen. Warum war ihm meine Mutter auf einmal so wichtig?

Nach ein paar Tagen starb auch er. Ich habe nicht genau verstanden, woran er gestorben ist. Ich selbst habe es nicht miterlebt. Es war auch für ihn noch zu früh, er war nämlich sehr jung. Eigentlich werden alle Leute in meiner Familie sehr alt. Es wurde ein großer Familienrat einberufen, der die Todesursache meines Vaters klären sollte. Sie kamen zu dem Schluss, dass er beim Weinen seinen Atem heruntergeschluckt hatte und somit einfach erstickt ist. Mir war es gleichgültig, er war ja eh nie da. Er war nur der Vater von meiner kleinsten Schwester und mir, die beiden anderen Mädchen waren also die Töchter eines anderen Vaters. Ab jetzt war ich ein Vollwaise.

Zwei Waisen in Togo

Eine Verwandte meiner Mutter brachte meine kleine Schwester und mich nach Bassar, das liegt in Togo. Um dorthin zu gelangen, nahmen wir einen uralten kaputten Taxibus mit 15 Sitzen. Unsere Route verlief direkt durch Benin, also kenne ich die Städte Lagos (Nigeria) und Lomé (Togo) gar nicht. In Bassar arbeitete ein Onkel von uns, an dessen Arbeitsplatz wir nun kurzzeitig leben sollten. Er war Wachmann bei der staatlichen Stromversorgungsfirma.

Er ließ uns sehr hart auf dem Feld schuften. Manchmal mussten wir dort sogar übernachten, damit wir morgens früher anfangen konnten.

Bei ihm zu leben war die Hölle. Er gab uns nicht genug zu essen, schlug uns ständig und trank ohne Ende Alkohol. Wenn er mich prügelte, dachte ich manchmal, er wolle mich töten. Ich dachte, er wolle die finanzielle Last abschütteln, die man ihm aufgebürdet hatte. Als seine Arbeit in Bassar zuende war, zogen wir mit ihm in eine Wohnung in Kara. Mir ging es dort nicht besser. Er schlug uns zu sehr! Es tat mir leid, aber ich ließ meine Schwester alleine bei diesem Scharlatan zurück.

Drei Jahre als Straßenkind

Ich muss etwa sieben Jahre alt gewesen sein, als ich vor meinem Onkel floh. Zunächst wollte ich einfach nur raus – weg von ihm und der harten Arbeit. Wohin ich gehen sollte, wusste ich nicht. Also wanderte ich in der Stadt umher, wie so viele andere Kinder. Ich fiel niemandem auf. Es gibt keinen Grund sich zu wundern, wenn ein Kind meines Alters allein und ohne Eltern in Kara unterwegs ist. In Togo gibt es zu viele Kinder!

Essen und ein sicherer Schlafplatz – auf der Straße ist man ununterbrochen auf der Suche nach diesen beiden Dingen. Schnell hatte ich Freunde gefunden, die mir ihre Tricks zeigten, um ein bisschen Geld zu verdienen. Wir konnten noch nicht die Lastwagen am alten Markt entladen, da die großen Straßenjungs uns wegschicken würden und die Arbeit auch ohnehin zu anstrengend für uns wäre. Also blieb uns das Sammeln von Eisen, Kupfer und Aluminium. Überall liegen diese Schätze in der Stadt herum, sie müssen nur aufgehoben werden.

Sobald man eine volle und hoffentlich auch schwere Tüte voller Metall in der Hand hält, geht man einfach zur Topffabrik oder verkauft es dem Eisenhändler. Ein paar alte Vorhängeschlösser und dicke rostige Schrauben machen schon ein bisschen satt.

Der Eisenhändler wiegt die Tüte und gibt Straßenkindern für ein Kilo Eisen exakt 50 Francs (7 Cent).

Der Eisenhändler wiegt die Tüte und gibt Straßenkindern für ein Kilo Eisen exakt 50 Francs (7 Cent).

In der Topffabrik gibt man Straßenkindern für ein Kilo Aluminium exakt 400 Francs (60 Cent). Aluminium ist also wertvoller, aber leider auch leichter. Es ist schwierig, ein Kilo leere Getränkedosen zu sammeln.

In der Topffabrik gibt man Straßenkindern für ein Kilo Aluminium 400 Francs (60 Cent). Aluminium ist also wertvoller, aber eben auch leichter. Es ist schwierig und langwierig, ein Kilo leere Getränkedosen zu sammeln. Bei der Arbeit an der Kurbel kann man sich für einen ganzen Tag 300 Francs (45 Cent) verdienen.

Ich habe für mich allein auch noch eine andere Art des Geldverdienens entdeckt: Ich half manchen Boutique-Besitzerinnen beim Fegen, Putzen und Aufbauen. Dann brachte ich noch den Müll des Vortages weg und kam wieder, um mein Geld abzuholen. Die netten Damen kannten mich nach einer Weile sehr gut und gaben mir immer zwischen 50 (7 Cent) und 100 Francs (14 Cent). Mit diesen Beträgen kommt man in Togo aber schon recht weit. Niemals bin ich auch nur auf die Idee gekommen, eine der Boutique-Damen zu beklauen. Das hätte mir ein lukratives Geschäft zunichte gemacht.

Jetzt wisst ihr also schon, wie ich mir mein Geld verdient habe. Aber die eigentliche Herausforderung war nicht das Essen, sondern der Schlafplatz. Es gibt hier in Kara viele Gefahren, vor denen man sich nachts verstecken muss. Das Gefährlichste sind ganz klar die Polizisten. Sie gehen gezielt auf die Suche nach obdachlosen Kindern, um sie mit Stöcken zu schlagen und zu treten. Straßenkinder sind in ihren Augen faul und kriminell. Sie sollen bloß zurück in ihre Familien fliehen. Besonders bei kleinen Kindern erhoffen sich die Polizisten Erfolgschancen. Weniger gefährlich, aber ebenso ärgerlich sind die anderen Straßenkinder. Besonders, wenn man mit vielen Kindern in einer Gruppe schläft, ist am nächsten morgen jede noch so kleine Münze weg, die man in der Tasche hatte. Angeblich soll es auch Männer geben, die Straßenkinder mitnehmen und nach Nigeria verkaufen. Tatsächlich sind auch ab und zu Freunde von mir verschwunden, vielleicht sind sie aber auch einfach zu ihren Familien in den Nachbardörfern zurückgekehrt.

Ich schlief am liebsten alleine unter leeren Marktständen. So fanden mich die Polizisten seltener und die anderen Jungs konnten mir nicht mein Geld klauen. Mir gehörte nichts anderes als das zerrissene graue T-Shirt und die löchrige blaue Hose, die ich am Körper trug. Jeden Tag wusch ich mich mit oder ohne meine Freunde im Kara-Fluss. In der Regenzeit konnte man sich gut amüsieren, hinspringen und sogar schwimmen. In der Trockenzeit verblieben nur noch ein paar dreckige Pfützen im Flusslauf, in denen es viel Müll gab.

Das Leben auf der Straße ist in Kara gar nicht immer so schlecht wie ihr vielleicht denkt. Man isst genug, man kann jede Nacht draußen schlafen und niemand schreibt einem vor, was man tun soll. Ich war weit genug weg von meinem Onkel und immer in der Nähe meiner Freunde. Leider denkt man als Straßenkind nur an das Jetzt und Hier, die Zukunft ist egal. Wirklich schlimm ist die Straße, wenn man krank ist. Einmal hatte ich Malaria, und zwar mit starkem Fieber, Erbrechen und Durchfall. Eine Woche lang konnte ich fast nichts essen und ich fühlte mich, als würde ich verdursten. Arbeiten und dadurch Geld verdienen war nicht möglich. Nach einiger Zeit hat mich eine nette Frau, für die ich manchmal arbeitete, gefunden und mich ein bisschen versorgt. Man hilft sich hier gegenseitig; man lässt niemanden einfach so sterben.

Weg von der Straße

Irgendwann ging es mir auf der Straße nicht mehr gut. Zwar aß ich ausreichend, aber die großen Jungs schlugen uns zu oft und klauten uns unser hart verdientes Geld. Sie waren einfach nur zu faul, um selbst zu arbeiten! Ein Studentenpärchen hat mich genau dann gefunden, als mir alles zu viel wurde. Die beiden brachten mich zum Don-Bosco-Foyer. Ich weiß noch genau, wie sie mir den Weg dahin zeigten. In ganz Kara gab es damals noch keine asphaltierten Straßen. Die wurden erst vor fünf Jahren gebaut. Es war nicht weit bis zum Foyer, aber mir war der Weg unbekannt. Es gab zu jener Zeit noch keine Sillonages und auch noch keine Baracke, weswegen ich den Namen Don Bosco nie zuvor gehört hatte. Ich muss etwa 10 Jahre alt gewesen sein, als ich in das Foyer Jean Paul II gebracht wurde. Früher war es das Empfangsfoyer. Hier versorgte man mich und brachte mich ab und an ins Krankenhaus, denn ich hatte eine große eiternde Wunde am Knie. Die war dort schon seit vielen Monaten und heilte schlecht.

Drei Jahre lang wurde ich von einer Mitarbeiterin bei Don Bosco in der sogenannten informellen Schule unterrichtet. Ich sollte ein gutes Grundniveau haben, um dann auf die richtige Schule gehen zu können. An die Zeit auf der Straße dachte ich nicht mehr zurück. So viel besser gefiel mir mein neues Leben mit vielen Pflichten, aber auch vielen Rechten.

Meine Schwester war irgendwann auch im Foyer, aber ich sprach nicht viel mit ihr. Entweder ist sie geflohen oder Mitarbeiter von Don Bosco haben meinen familiären Hintergrund geprüft und sie unter sehr schlechten Lebensbedingungen vorgefunden. Wisst ihr, mein Onkel ist wirklich ein Scharlatan. In Togo gibt es viele Menschen, die mit Hexerei ihr Geld verdienen. Er besitzt keine schwarze Magie und tötet auch nicht, aber klärt für verzweifelte Menschen Mordfälle oder auch Krankheitsfälle auf. Er selbst hat einen Geist namens Gris-Gris, der nur bei Provokationen tötet. Mein Onkel kauft kein Essen von dem Geld, was er als Scharlatan verdient. Denn dieses Geld muss vorerst dem Teufel präsentiert werden. Meine Schwester hatte immer große Angst vor meinem Onkel und seiner versteckten Arbeit.

Die echte Schule gefiel mir noch besser und ich stieg in die CP2 (dritte Klasse) ein. Die nächsten vier Jahre habe ich mich so gut benommen, dass ich auf das Collège im Centre Don Bosco gehen durfte. Daraufhin habe ich ein ganzes Jahr im örtlichen Internat gewohnt. In dieser  Zeit ist etwas passiert, das ich sehr bereue.

Zwei Kilo Eisen

Es war ein schöner Tag, an dem wir alle schulfrei hatten. Ich spazierte ein bisschen durch die Nachbarschaft. Kein Mensch kann immer am gleichen Ort bleiben. Ich passierte ein freistehendes Haus ohne Mauer. Auf dem Grundstück erspähte ich eine kurze, aber dicke Eisenstange. Wenige Sekunden später hatte ich das Metallstück in der Hand und war im Begriff, meinen Weg fortzuführen. “Halt, bleib stehen! Komm sofort her!“, rief der Hausbesitzer. Verdammt! Ich wurde gesehen! Da ich kein abgebrühtes Straßenkind mehr war, ging ich zu ihm. Es war so dumm, zu ihm zu gehen. Denn jetzt drohte er mir mit richtigem Ärger, alles aufgrund von weniger als zwei Kilo Eisen. Er hielt mich am Arm fest und rief die Polizei. Der Mann erzählte den Beamten, dass ich jeden Tag bei ihm stehlen würde und dass er mich endlich auf frischer Tat ertappt hätte. Dieser Lügner! Er wollte an meinem Leid Geld verdienen!

Die übelgelaunten, weil stark unterbezahlten Polizisten nahmen mich mit auf die Polizeistation. Dort musste ich sechs Tage in der Kinderzelle schlafen. Die hygienischen Bedingungen und auch das Essen waren nicht gut, aber auszuhalten.

Anschließend wurde ich ohne Prozess in das Gefängnis von Kara verlegt, um dort meine Strafe von zwei Monaten Haft abzusitzen. Ich muss sagen, dass es mir dort gar nicht so schlecht gefiel. Anders als die Erwachsenen war ich ja im Kindertrakt, sodass ich viele meiner alten Freunde von der Straße wieder sah! Die Kinderzellen waren nicht so prall gefüllt wie bei den Älteren und auch hatten wir Toiletten, Duschen und genug Nahrung. All das hatten wir einer Nicht-Regierungs-Organisation namens Creuset Togo zu verdanken. Die Zustände bei den Erwachsenen mit über neun Inhaftierten in einer kleinen Zelle mit Eimer möchte ich mir nicht ausmalen.

Nach zwei Monaten und drei Tagen wurde ich vom Direktor des Foyer Immaculée Don Bosco abgeholt. Er hat die 50.000 Francs (76 Euro) Strafe an meinen Kläger bezahlt. Er war nicht sauer auf mich und schimpfte nicht mit mir. Schließlich war die Haft in seinen Augen schon Strafe genug.

Seit meiner Zeit im Gefängnis wohne ich wieder im Foyer Immaculée und habe zwei Schuljahre beendet. Nun bin ich in der 4ème (8. Klasse). In Geschichte und Biologie bin ich immer Klassenbester gewesen, in Englisch leider nur Viertbester.

Die einzige Familie, die mir verblieben ist, besteht aus meinem Onkel. Ab und zu besucht er uns im Foyer, aber dort kann er uns nichts tun. Ich möchte nicht zu ihm zurück, sondern bei Don Bosco mein Bac (gleichbedeutend mit Abitur) machen. Dann möchte ich Geschichte oder Archäologie studieren. In Togo gibt es nur eine einzige Archäologin, aber auch sie braucht ja bald bestimmt einen Nachfolger.

DSCN7375Steckbrief

Name: Eweka*

Alter: 15 Jahre, doch vom Staat wurde das Alter auf 14 herabgesetzt.

Sprachkenntnisse: Französisch muttersprachlich, Kabiyè muttersprachlich, Kotokuli fließend, Yoruba geringfügig

Lieblingsgericht: weißer Reis, gekochte Yamswurzel

Hassgericht: Pâte (Maisbrei)

Lieblingssport: Fußball

Hobbies: Lesen, Verstecken spielen, Internet-Recherche

Lieblingsbuch: Frasque d’Ebinto, Sous l’Orage, La Mort de Ehoka

Lieblingsfächer: Geschichte, Englisch, Informatik, Musik

Traumberuf: Archäologe, Soziologe

Lieblingstier: Hund, als Helfer und Beschützer

Lieblingsfarbe: Gelb bzw. Gold. Das steht für die Arbeit. Man muss fleißig sein, bevor man Gold findet.

Ein Brief von Eweka

Hier spricht die Seele von Afrika

Ich mag Europa sehr, vor allem, weil wir alle Lebewesen sind. Wir verfolgen die gleichen Ziele, um vorwärts zu kommen. Wirklich, ich mag Europa nicht nur als neuen, unbekannten Kontinent für mich, sondern auch als Kontinent der Solidarität. Deutschland, Spanien, Italien und andere tolle Länder spielen eine wichtige Rolle hier in Afrika und vor allem auch bei uns in Togo.

Togo ist ein kleines Land mit einer Fläche von 56.600 km², eingegrenzt von Burkina Faso im Norden, vom Atlantischen Ozean im Süden, von Benin im Osten und von Ghana im Westen. Das wisst ihr bestimmt, Hm!

Togo ist ein Land des Friedens, obwohl es früher vom Krieg der Franzosen, Engländer und Deutschen betroffen war. Heute geht es Togo besser als damals. Aber arme Kinder fallen überall aus den Wolken.

Frankreich hält uns noch. Uns wird erklärt, dass wir unabhängig sind. Es ist eine dunkle Unabhängigkeit. Das will sagen, dass wir in der Realität in keinster Weise unabhängig sind.

Frankreich spielt noch hier in Togo. In Afrika hatte es mehr Kolonien als die anderen Länder. Es hatte ein unsauberes Verhalten, es teilt uns, hält uns mickrig, Kriege überall in Afrika, in Libyen, in der Elfenbeinküste, in Mali, im Niger und in weiteren Ländern. Wirklich, Frankreich ist ein blutiges Land, das auf dem Rücken des Teufels schläft. Aber im Gegensatz dazu versuchen andere Länder wie Deutschland, Italien und Spanien, friedliche Bedingungen herzustellen. All diese Länder finzanzieren die Hilfe für Kinder in Schwierigkeiten. Ich gebe euch ein kleines Beispiel: Timo, Connis, Grégor, Kathi, Dominique, Jacob und Hanna haben einen umfangreichen Eindruck im Foyer Immaculée hinterlassen.

Ich, Eweka, verehre Deutschland nicht als reichen Staat oder Paradis auf Erden, aber vor allem wegen seiner Erholung nach den zwei Weltkriegen und der Fähigkeit, wieder seine Macht zu erlangen, ökonomisch, industriell, finanziell. Deutschland hat gekämpft, um die stärkste Macht in Europa zu sein, das macht mich so stolz auf dieses Land. Zahlreiche Deutsche kommen nach Togo, um das Land wieder aufzurichten. Sie helfen den Straßenkindern, den Armen. Wirklich, ein großes Dankeschön, der Mensch kann niemals ausreichend danken, aber einzig und allein Allah kennt alle Sorgen und Nöte der einzelnen.

Liebe Deutsche, haltet Togo fest, weil das Land Euch braucht, um weiterzukommen und vorwärts zu gehen. Denn wir Tomaten, unorganisiert, zerrissen, rennend, lassen unseren Kontinent verkümmern.

Ich, Eweka, hasse Frankreich, weil es keinen guten Willen zeigt, sondern ausschließlich Attentate auf afrikanische Führungspositionen, Diebstahl, Krieg und Lügen, alles aus wirtschaftlichen Interessen heraus. Es will die Vormachtsstellung an sich reißen. Gott sagte: “Fragt, und euch wird gegeben, klopft, und euch wird geöffnet.“ Was wäre, wenn Frankreich und andere Länder mit schlechten Absichten das so machen würden? Wir wollten nicht die französische Kolonisierung, aber die von Deutschland, denn das Gedankengut von Louis XIV ist nach wie vor lebendig in Frankreich und will uns zerstören. Afrika war immer ein Ort der Menschlichkeit, respektiert das ein bisschen.

Oh Afrika, mein Afrika, ich liebe dich auf meiner langen Reise des Lebens. Das Schwarz ist kein Monster, sondern es ist die Natur, die Gott schuf. Sie ist es, die uns Farbe gab.

Ob ich arm bin oder reich, nach allem ist es der Staub, der mich zu sich holt, weil ich niemandem gehöre. Diese Zeile ist an Euch, die Franzosen, adressiert.

Meinung über Timo und Connis

Wie schon die großen Weisen Afrikas sagten: “Man erntet, was man säht, niemals das Gute durch das Schlechte.“ Es ist klar, dass die Hexerei in Afrika existiert, gegen Feind und Feind, trotzdessen, dass die Kirchen es verbieten.

Afrika ist wirklich reich genug, aber es sind die Verrückten, die es stören. Präsidenten mit einer Amtszeit von 25 bis 38 Jahren, zuviel für einen Menschen, um seine Erfahrungen an den Nachfolger weiterzugeben.

Connis und Timo sind meine guten Freunde, weil wir die Ferien zusammen verblieben sind. Man redet, man lacht, man spielt und man feiert. Heute reparieren sie das Foyer für uns, die ihnen nicht genug danken können. Viele Sachen sind verändert, die Bibliothek, die Organisation des Weihnachtsfestes, die Musik. Das und auch Schatzsuchen mit HARIBO prägten das Leben und die Freude am Weihnachtsfeiertag und an Neujahr 2016.

Oh! Oh! Timo, Connis, ihr seid sehr freundlich. Aber leider muss erst ein guter Tag kommen, an dem ich Euch wiedersehe, während ich Togo verlasse. Meine Freunde im Foyer, der Direktor und die Erzieher sind stolz auf Euch.

Ihr, die Ihr in Deutschland seid und mir zuhört, ich grüße auch Euch und bestärke Euch mit beiden Händen. Ich mag auch Euch. Timo sagt mir, dass Ihr viel für uns getan habt. Timo ist mein Lehrer in Englisch und in Erziehung.

Niemand wäscht schneller und gründlicher als Eweka*

Niemand wäscht schneller und gründlicher als Eweka*.

Es brodelt in der Ferienküche.

Es brodelt in der Ferienküche. Eweka* war etwa für einen Monat unser Koch.

Wir haben die Bibliothekswand gestrichen, um eine schöne detailreiche Afrikakarte zu malen.

Zusammen haben wir die Wand der Bibliothek gestrichen, um danach eine schöne detailreiche Afrikakarte zu malen (Nächster Blogeintrag!).

Alle Kornkäfer müssen aus dem Mais geschüttelt werden! Eweka* und ich übernehmen das!

Alle Kornkäfer müssen aus dem Mais geschüttelt werden! Eweka* und ich übernehmen das!

 Schlusswort

Liebe Leser, für mich ist nicht nur Azmi*, sondern auch Eweka* ein sehr inspirierender Charakter. Er hat Krieg, Krankheit, Tod, Flucht, knochenharte Arbeit, Misshandlung und sogar eine Inhaftierung durchgemacht. Und trotzdem redet man bei Gesprächen mit ihm nicht mit einem abgestumpften, gleichgültigen oder vielleicht sogar psychopathischen Menschen, sondern sieht in seinem Gegenüber einen aufgeweckten, stets interessierten und hochintelligenten jungen Mann.

Sein Leben war voll von unglücklichen Zufällen und Kontrollverlusten. Doch jetzt gerade nimmt er seine Zukunft fest in die Hand.

Eweka* würde Euch gerne seine E-Mail-Adresse geben, aber da sie seinen echten Namen beinhaltet, darf ich sie hier nicht veröffentlichen. Alle, die sich für eine E-Mailfreundschaft in französischer Sprache interessieren, können seine E-Mail-Adresse bei mir erfragen.

Ich mache an dieser Stelle Schluss. Es ist ein textlastiger Blogeintrag geworden, aber Eweka* hatte auch viel zu erzählen und zu sagen.

Liebe Grüße aus Togo wünschen Euch: Eweka* und Timo

© 2019 Timo in Togo. Alle Rechte vorbehalten.

Thema von Anders Norén.