Timo in Togo

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Das Schicksal von Azmi

ηloallε, lieber Leser! Alafιwε? ηlι mpu lε?
Sonoγo moyodo Kapιyε. ηñεyo? Mεwε Foyer daa. Nι ñεndε bere Djama daa?

Ich hoffe, es geht euch allen gut! Mir und meinen Jungs geht es jedenfalls sehr gut, bis auf ein paar Malariafälle und Streit aufgrund eines zerissenen T-Shirts. Heute Abend muss ich mich dann schon von ihnen verabschieden und meinen Rucksack packen. Zum Glück aber nur für zwei Wochen 🙂

Morgen früh nehmen wir den Taxibus nach Lomé, um uns dort um das Visum für Ghana zu kümmern. In der Hauptstadt von Ghana, also Accra, wird unser Zwischenseminar mit allen deutschen Volontären auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden. Danach haben Cornelia und ich noch eine Woche frei. Wir lassen die Zeit einfach mal auf uns zukommen und schauen, wo der Weg hinführt.

Heute möchte ich mit einem neuen Format in der Kategorie Schicksale beginnen. Dafür habe ich ein paar meiner Jungs gefragt, ob sie denn nicht meinen Verwandten, Freunden und Bekannten etwas aus ihrem Leben erzählen möchten. Sobald die Rückmeldung den kleinsten Anschein von Zweifeln in sich birgt, bohre ich natürlich nicht länger nach.

Jedoch hat Azmi* (Name anonymisiert) der Sache sofort zugestimmt und mir sehr detailreich erzählt, wie sein Weg ihn zu Don Bosco führte.

Hinweis: Keines der Kinder, mit denen ich hier bei Don Bosco arbeite, ist zum Spaß im Foyer Immaculée. Sie hatten im Elternhaus ernsthafte Probleme. So auch Azmi*. Seine Geschichte beinhaltet Armut, grausame Strafen und Misshandlung. Ich bin niemandem böse, wenn er diesen Blogeintrag nicht lesen möchte.

Darf ich vorstellen?

Der Junge neben mir auf dem Bild heißt Azmi*.

Der Junge, mit dem ich gerade Fröbelsterne falte, ist Azmi.

Mein bester Schüler im Herstellen von Fröbelsternen.

Als ich mich das erste Mal mit ihm unterhalten habe, machte er mir eines sofort klar: “Ich bin nicht so ein Bandit wie die anderen!“. Und ja – damit hat er Recht.

Die Kindheit von Azmi*

Hallo! Ich bin Azmi* und möchte Euch meine Geschichte erzählen.

Aufgewachsen bin ich bei meinen Eltern und meinen Geschwistern, bis ich etwa sieben Jahre alt war. Meine Mutter und mein Vater sind Muslime und gehören zum Volk der Kutukuli, die in der Region um Sokodé (80 Kilometer südlich von Kara) leben. Wo genau wir gelebt haben, weiß ich nicht mehr.

Eines Tages ist meine Mutter einfach verschwunden. Ihr könnt Euch sicher vorstellen, wie furchtbar das für mich war. Sie hat keine Nachricht hinterlassen und auch meinen Vater traf das wie einen Schlag. Er war verzweifelt und konnte nun nicht mehr genügend Geld und Nahrung für meine Brüder und Schwestern heranschaffen. Hier müssen in der Regel alle Familienmitglieder mit anpacken, sonst reicht es nicht.

Mein Vater brachte ein paar von uns zu unterschiedlichen Verwandten, die sich um uns kümmern sollten. Mich brachte er zu meinem Onkel in Ketao (20 Kilometer nordöstlich von Kara).

Zunächst waren mein Onkel und seine Frau sehr nett zu mir und haben mich sofort eingeschult. Ich habe viel mehr und viel besser gegessen als bei meinen Eltern. Mein Großvater, der im gleichen Haus wohnte, gab mir regelmäßig frische Kuhmilch! Das gibt es hier nur ganz selten und ich habe mich jedes Mal gefreut. In der Schule war ich nicht lange, denn nach der CP2 (zweiten Klasse) fehlte dann plötzlich das Geld, um die Schulgebühren zu bezahlen. Für Euch in Deutschland sind 1000 Francs (etwa 1,50€) vielleicht nicht viel, für uns war es damals aber eine unheimlich hohe Summe. Zur gleichen Zeit verstarb dann mein lieber Großvater, für den mein Onkel die Bestattung bezahlen musste. Denn auch wir Kutukuli vergraben unsere Toten.

Mein Onkel steckte mich sofort in eine KFZ-Werkstatt. Dort sollte ich eine Lehre machen, die mir aber schon nach kurzer Zeit sehr schwer fiel. Es war ja ganz interessant, an Motorrädern in allen Formen und Farben herumzuschrauben und Autos mit Holzbrettern aufzubocken, um an der Unterseite arbeiten zu können. Die großen Schraubenschlüssel, Hebebühnen, Autoreifen und Metallteile waren aber auf Dauer zu schwer für mich. Hättet ihr die Arbeit als neunjähriges Kind geschafft? Mein Chef war nicht sehr nett und ließ mich oft niederknien, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Irgendwann wurde es mir zuviel und ich floh.

Zuhause angekommen, half ich dann der Frau meines Onkels bei ihrer Arbeit. Sie bereitete jeden Tag Reis, Bohnen, Fisch, Nudeln, Fleisch und Piment-Soße zu, um auf der Straße Wacii zu verkaufen. Wenn ich nur daran denke, bekomme ich schon wieder Hunger! Nyoso woum gbιm! Ich war damals ja noch kleiner und konnte nur an Essen denken!
Sie gab mir als Belohnung für meine Hilfe immer ausreichend Nahrung, um meinen knurrenden Bauch satt zu machen.

So hätte es ewig weitergehen können, wäre mein Onkel nicht gewesen. Er hat sich mit seiner Frau immer heftiger gestritten. Zuerst flogen Worte durch die Luft, dann Beschimpfungen, dann Schüsseln und zuletzt auch Fäuste. Ich konnte es nicht mit ansehen, wie er sie schlug. Ihre Schreie jedoch konnte ich überall hören, ganz gleich wie weit ich gerannt bin. Damals habe ich mir die Schuld dafür gegeben, oft ging es nämlich darum, dass seine Frau mir zu viel von dem wertvollen Fisch und den Tomaten gegeben hat. Er hat mir verboten, ihr zu helfen und Essen von ihr anzunehmen.

Natürlich habe ich ihr heimlich trotzdem noch geholfen, ganz einfach deswegen, weil ich den Hunger nicht aushalten konnte. Es gab zwar jeden Abend Pâte mit Sauce Gombo, aber mir hat das nicht gereicht. Als ich für etwa drei Stunden in der Küche geholfen hatte und meine Mutter mir gerade einen knusprigen gegrillten Fischkopf in die Hände gelegt hat, knallte es mit einem Schlag. Was war das? Ich drehte mich um und hob die Hände in die Luft, um mein Gesicht vor den Stockschlägen meines Onkels zu schützen.

Er packte mich am Arm und zog mich brutal aus dem Haus. Ab und zu habe ich es geschafft, mich mit den Beinen etwas vom Boden abzustoßen, ansonsten hat mein Onkel mich im wahrsten Sinne des Wortes nach draußen geschliffen.

Er zwang mich dazu, mich in die pralle Sonne neben unserem Stall zu knien. Dann musste ich eine große Fufu-Stampfschüssel auf dem Kopf balancieren, die von ganz allein schon viel zu schwer war. Zu allem Überfluss legte mein Onkel aber auch noch drei große Steine hinein. Das Balancieren war für mich gar kein Problem, aber das Gewicht und die Hitze machten mir sehr zu schaffen. Ich schätze mal, dass ich etwa eine Stunde durchgehalten habe, bevor ich vor lauter Rücken- und Knieschmerzen zusammenbrach. Es brannte wie Feuer.
Mein Onkel schlug mich und belud mich aufs Neue mit den Gewichten. Ich bettelte um Wasser, aber ich sollte es nicht bekommen – Strafe ist Strafe.

Den ganzen nächsten Tag verbrachte ich noch in der prallen Sonne und die ganze Nacht in der Kälte. Selbstverständlich habe ich die Schüssel zwischendurch heimlich abgesetzt, aber ich habe die ganze Zeit lang gekniet. Als die Nachbarn mich am nächsten Morgen auf dem Weg zu ihrer Arbeit bemerkten, halfen sie mir beim Aufstehen. Dafür hatte ich selbst nicht mehr die Kraft. Sie haben meinen Onkel beleidigt, beschimpft und ihm gedroht.

Ein paar Wochen lang ließ mein Onkel mich in Ruhe und würdigte mich keines Blickes. Ich schämte mich, weil er wegen mir so große Probleme mit den Nachbarn hatte. Ich habe auch wirklich versucht, den Hunger auszuhalten, aber ich fühlte mich nicht wohl damit. Eines Tages habe ich es dann doch wieder getan: Ich habe meiner neuen Mutter geholfen und mit ihr Reis gekocht. Wie er es rausgekriegt hat, weiß ich nicht. Jedenfalls weckte er mich nachts unsanft und schliff mich in gleicher Façon aus dem Haus. Meine Schlafmatte blieb im Haus.

Er warf mich förmlich in den Stall zu den Ziegen und suchte ein altes Seil, um mich damit an einen Pfahl zu fesseln. Als er wieder weg war, befühlte ich das Seil. Es war dick, grob und roch modrig. Der Knoten war nicht wirklich fest gebunden und war mit Hilfe der Zähne gut zu öffnen. Nach zwei Stunden war ich frei. Sollte ich wieder ins Haus zurück? Natürlich nicht, das käme ja Selbstmord gleich. Und so lief ich, so schnell ich irgendwie konnte. Barfuß über die unasphaltierte, steinige Straße. Der Boden war kalt und staubig.

Ich wusste, dass es Kinder gibt, die auf dem Markt von Ketao leben. Sie helfen beim Aufbau von Marktständen, betteln und klauen.
Alles kein Problem, dachte ich mir! Außer das Klauen, das finde ich nicht gut, sowas macht man nicht – die Leute sind doch meistens selber arm!
So lebte ich ein paar Tage auf dem Markt von Ketao, fand immer mal wieder ein bisschen Geld und schlief unter den Marktständen. Genügend Zuessen hatte ich nicht, aber es war schon besser als Zuhause. Eines Nachts schlief ich also zusammengerollt unter einem Verkaufstisch, als mein Onkel mich dort fand. An meinem Ohr zog er mich wieder nach Hause. Ich dachte schon, es würde abreißen, aber es hielt der Prozedur stand. Noch nie wurde ich so geschlagen wie in dieser Nacht.
Erneut wurde ich gefesselt, diesmal wieder draußen vor dem Stall. Den Strick kannte ich schon, aber diesmal wurde er fester zugeknotet – viel fester! So fest, dass meine Hände blau wurden und fürchterlich schmerzten. Den ganzen Tag verbrachte ich in der prallen Sonne, aber die Hitze, der Durst und die Verletzungen von der Prügel waren nicht mein Hauptproblem! Es waren die Hände, die ich mittlerweile nicht mehr bewegen konnte.

Als mein Onkel abends nach Hause kam und meine Hände sah, hat er mich sofort losgebunden. Er war erstaunlich nett zu mir, als hätte er alles vergessen. Vielleicht hatte er ja Schuldgefühle. So wurde ein Naturheiler gerufen, der sich meinen Händen annehmen sollte.Er rieb sie mit traditionellen Salben und gemahlenen Kräutern ein, aber diese Medikamente stießen schnell an ihre Grenzen. Während der Bestrafung hatte der Geruch von Urin eine bestimmte parasitäre Fliegenart angelockt, die ihre Eier in lebendigem Fleisch ablegt. Meine Hände, besonders die Bereiche um Ring- und kleinen Finger, waren von Maden befallen.

Der Wunderheiler rief daraufhin sofort die Polizei, die meinen Onkel festnahm und mich auf einem Motorrad zum Krankenhaus von Ketao brachte. Dort konnte man nichts für mich tun, auch deshalb, weil es keinen Menschen gab, der für meine Behandlung bezahlen wollte. Ein Arzt hat dann dafür gesorgt, dass ich in das große HCU-Krankenhaus von Kara gebrachte wurde. Dort hat man dann versucht, meine Eltern ausfindig zu machen und lokale Nicht-Regierungsorganisationen wie Don Bosco oder Action Sociale zu fragen, ob sie die Behandlungskosten nicht übernehmen könnten. Nach meiner Verlegung in das Krankenhaus von Kara befand ich mich in der Obhut des Arztes Dr. Kubadja. Diesen Namen werde ich nie vergessen.

Auch meine Eltern kamen angereist, meine Mutter war anscheinend in Lomé und hat dort einen neuen Mann gefunden. Das Wiedersehen war seltsam. Doktor Kubadja wie auch meine Eltern waren der Meinung, man müsse die Hände ganz amputieren, sodass nur noch Handstümpfe übrig bleiben. Letzten Endes konnte man aber an meiner rechten Hand zwei völlig intakte Finger und an meiner linken Hand vier teilweise bewegliche Finger retten.

Mein Onkel blieb noch eine ganze Zeit im Gefängnis, ist aber mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Meine Eltern sind nach kurzer Zeit wieder abgereist, wohin weiß ich nicht. Ich lebe seitdem, also schon mehr als 4 Jahre, im Foyer Immaculée Don Bosco.

Dort gehe ich in die Schule und besuche die CM2 (sechste Klasse). Ich bin immer Klassenbester oder Zweitbester, obwohl ich meinen Kugelschreiber nur mit zwei Fingern halte.

Beim Kickerspielen bin ich unschlagbar! Hier hole ich mir gerade den ersten Platz beim Kickerturnier!

Beim Kickerspielen bin ich unschlagbar! Hier hole ich mir gerade den ersten Platz beim Kickerturnier!

und eine Hose ohne Löcher aus der europäischen Altkleidersammlung sowie ein altes Pagnehemd gewonnen.

Gewonnen! Kekse, einen Kugelschreiber, ein altes Pagnehemd und eine Hose ohne Löcher aus der europäischen Altkleidersammlung nur für mich! C’est bon!!

Steckbrief

Name: Azmi*

Alter: Seiner nachträglich gedruckten Geburtsurkunde nach 12 Jahre alt, in Wirklichkeit vermutlich älter.

Sprachkenntnisse: Französisch muttersprachlich, Kutukuli muttersprachlich, Kabiyè fließend

Lieblingsgericht: Pâte (Maisbrei), Salat, Fufu (Gestampfte Yamswurzel) und Wacii (Reis mit Bohnen)

Hassgericht: Gekochte Yamswurzel (unzerstampft) und Bohnen ohne Beilage

Lieblingssport: Sprinten und Fußball

Hobbies: Fußball, Kicker und Lektüren lesen

Traumberuf: Fußballprofi, Astronaut oder Koch

Lieblingstier: Giraffe

Lieblingsfarbe: Gelbgrün

Azmi liebt es genau wie ich, Dinge herzustellen!

Azmi* liebt es genau wie ich, Dinge herzustellen!

Azmi* ist einer der Jungen, der mit niemandem streiten möchte und mit dem sich jeder gut versteht. Jemand, der zwar seine Meinung sagt, aber selbst die Kleinsten respektvoll behandelt. Egal, was man ihm erzählt, er interessiert sich brennend dafür und möchte, dass man eine beschriftete Skizze davon in seinem Heft anfertigt.

Er ist eines der vielen Kinder im Foyer Immaculée, die unglaublich schlimme Erfahrungen in der Kindheit machen mussten und schon viel zu früh viel zu stark sein mussten. Und genau wie die anderen, beeindruckt und inspiriert er mich unheimlich. Wie schaffen es diese Kinder, auch nach alldem noch zu lachen, zu spielen, anderen zu helfen, zu vertrauen und sich über ein Bonbon zu freuen?  Oder gar offen über ihre Kindheit zu reden?

Ich bin hier, um für diese Kinder da zu sein. Dabei geben sie mir mehr, als ich ihnen jemals geben könnte: Eine neue Sichtweise auf das Leben und die Selbstverständlichkeit.

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Thema von Anders Norén.