{"id":297,"date":"2020-04-20T21:40:58","date_gmt":"2020-04-20T19:40:58","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/?p=297"},"modified":"2020-04-23T19:47:35","modified_gmt":"2020-04-23T17:47:35","slug":"tabuthema-oder-existenzfrage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/2020\/04\/20\/tabuthema-oder-existenzfrage\/","title":{"rendered":"Tabuthema oder Existenzfrage?"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Feminismus in Argentinien<\/h2>\n\n\n\n<p>Eigentlich w\u00fcrde jetzt ein \u00f6sterlich angehauchter Blogeintrag kommen. \u00dcber Livestreams der Osternacht aus dem Oratorio, \u00fcber meine geliebte santiague\u00f1ische W\u00e4rme und die eher ver\u00fcngl\u00fcckte deutsche Kopie, \u00fcber meine Versuche \u201erichtig\u201c anzukommen und \u00fcber die Schwierigkeit des Kontakthaltens und Kontaktwiederherstellens. <\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich. Aber eigentlich l\u00e4uft in diesen Tagen ja nichts so wie geplant und so kann ich getrost \u00fcber ein Thema tippen, dass mir schon lange unter den N\u00e4geln brennt. Und \u00fcber das ich &#8211; wenn nicht ein fieser kleiner Virus dazwischengekommen w\u00e4re &#8211; schon l\u00e4ngst geschrieben h\u00e4tte. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-default is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>Vorab: <\/em><\/p><p><em>Vielleicht k\u00f6nnten sich einige w\u00e4hrend oder nach dem Lesen des heutigen Blogs angegriffen oder emotional belastet wiederfinden. Mir ist es wichtig, \u00fcber dieses Thema zu sprechen, da es mir in den letzten Monaten st\u00e4ndig in argentinischen Medien und sozialen Netzwerken, aber auch mitten im Oratorio begegnet ist. <\/em><\/p><p><em>Und eben gerade weil mir einiges \u00fcber diese Thematik erst in Argentinien bewusst geworden ist, \u00fcber das ich mir in Deutschland nie Gedanken machen musste, bitte ich euch, das Folgende mit Weitsicht, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr kulturelle Unterschiede und Offenheit zu lesen und sich selbst eine Meinung aus meiner Meinung zu bilden. Dieses Thema kann (und muss) immer wieder diskutiert werden, ich will niemanden pers\u00f6nlich und schon gar keine soziale Gruppe angreifen, ich m\u00f6chte das hier einfach gerne mit euch teilen. <\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u00dcberf\u00e4llig<\/h4>\n\n\n\n<p>Schon l\u00e4ngst, das bedeutet vor gut sechs Wochen. Es ist Anfang M\u00e4rz in Argentinien. Immer wieder stolpere ich auf Instagram und co. \u00fcber Fotos, Videos und Texte, die auf den internationalen Weltfrauentag am 8. M\u00e4rz aufmerksam machen. Klar, kennt man ja. Das ist der Tag im Jahr, an dem in der Tagesschau \u00fcber Frauenquoten in Aufsichtsr\u00e4ten berichtet und in Talkshows \u00fcber die Vereinbarkeit von Familie und Beruf diskutiert wird. Vielleicht dann noch ein Spielfilm \u00fcber eine emotionale Erfolgsgeschichte einer Frau, die \u201ees geschafft hat\u201c. Am darauffolgenden Tag ist der Gro\u00dfteil wieder vergessen und sp\u00e4testens eine Woche dannach wird kaum mehr \u00fcber die gesellschaftliche Stellung der Frau diskutiert. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Anders in Argentinien<\/h4>\n\n\n\n<p>Hier ist \u201efeminismo\u201c\nnicht nur am 8. M\u00e4rz ein Thema, sondern so gut wie das ganze Jahr \u00fcber. Und das\naus verschiedenen Gr\u00fcnden: Immer mehr Frauen treten f\u00fcr ihre Rechte ein, auch\nweil sie mehr Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen k\u00f6nnen. Sie\norganisieren sich in Vereinen, die es manchmal schon im kleinsten Umfang f\u00fcr\nStadtviertel gibt und demonstrieren oder streiken. Ein kleiner Erfolg der\nFrauenbewegung in Argentinien ist die seit einiger Zeit andauernde Diskussion\n\u00fcber die Legalisierung von Abtreibungen. Unter der frisch gew\u00e4hlten Regierung\nscheint das pl\u00f6tzlich gar nicht mehr so weit hergeholt zu sein.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Machismo &#8211; Man(n) ist mehr als Frau<\/h4>\n\n\n\n<p>Neben dem blo\u00dfen K\u00e4mpfen f\u00fcr ihre Rechte (was auch eine bessere bzw. gleichwertige Bezahlung am Arbeitsplatz beinhaltet), steht den Frauen in Argentinien die Rolle des \u201emachos\u201c gegen\u00fcber. \u201eMacho\u201c, das sagt einigen von euch etwas, vielleicht auch nur durch das bekannte Lied von Reinhard Fendrich. Am besten beschreibt dieses viel verwendete Wort wahrscheinlich \u201em\u00e4nnliche \u00dcberlegenheit\u201c und sicherlich wird es oft besonders mit dem Vorurteil des stolzen Argentiniers assoziiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz zu anfang: Einen Macho wie aus dem Bilderbuch, hab ich in Argentinien\/S\u00fcdamerika nie getroffen. Es gab schon immer wieder Situationen, in der sich M\u00e4nner einfach anders gegen\u00fcber Frauen verhalten haben, aber mir kam das immer sehr respektvoll voll. Vielleicht sogar noch mit mehr Respekt, als ich es in Deutschland gewohnt war. Eine richtig krasse Situation habe ich selbst also noch nie erlebt, was m\u00f6glicherweise daran lag, dass die Aufsichtspflicht den \u201ealemanes\u201c gegen\u00fcber immer sehr ernst genommen wurde \u2013 \u201ePasst auf die Volont\u00e4re auf!\u201c hie\u00df es da immer&#8230; \ud83d\ude09<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Busgeschichten<\/h4>\n\n\n\n<p>Unangenehm war mir jedoch, wenn der gegenseitige Respekt in Schieflage geriet und Frauen &#8211; besonders in der \u00d6ffentlichkeit \u2013 wie eine tickende Zeitbombe oder ein rohes Ei behandelt wurden. Da gabs mehrere Momente, speziell in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln. Als Simon und ich einmal mit dem Colectivo (Bus) vom Stadtzentrum zur\u00fcck ins Oratorio fahren wollten, standen an der Bushaltestelle nur M\u00e4nner mittleren bzw. fortgeschrittenen Alters. Als dann der Bus kam, war es nicht so, dass die \u00e4lteren Herrschaften als erste einstiegen, wie wir es aus Deutschland gewohnt waren. Der Vortritt wurde der einzigen weiblichen Person (mir) an der Bushaltestelle gelassen. Und so musste ich durch ein Spalier von M\u00e4nnern als erste in den Bus steigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Keine krasse Geschichte, ich wei\u00df. Und ob jemand jetzt zwei Sekunden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter in den klapprigen Bus steigt, wirft die Welt nicht aus den Fugen. Aber sowas hatte ich noch nie erlebt, dass ein so rieser Unterscheid zwischen M\u00e4nnern und Frauen gemacht wird. Und f\u00fcr mich war es auch wirklich unverst\u00e4ndlich \u2013 wie gesagt, an der Haltestelle standen auch zwei, drei alte Herren, die locker \u00fcber 70 waren. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Nein, du zuerst!<\/h4>\n\n\n\n<p>Im Laufe des Jahres habe ich auch versucht den Jungs aus der Residencia zu erkl\u00e4ren, dass sie mich nicht immer an einer T\u00fcr vorlassen oder mir am Tisch zuerst das Essen reichen m\u00fcssen. Meine Aufkl\u00e4rungsversuche haben fast nie funktioniert. F\u00fcr die Jungs w\u00fcrde es bedeuten, ihre gute Erziehung \u00fcber Bord zu werfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz verst\u00e4ndnislos erwiderten sie mir dann auf meine Aussage, dass man Frauen genauso wie M\u00e4nner behandeln sollte, dass meine Ansicht ganz sch\u00f6n respektlos w\u00e4re und sie es eben so von ihren Eltern gelernt h\u00e4tten. Denn schon ganz kleinen Kindern wird erkl\u00e4rt, wie das Verhalten gegen\u00fcber M\u00e4nnern oder Frauen zu sein hat. Deshalb begr\u00fc\u00dfen schon f\u00fcnfj\u00e4hrige M\u00e4dchen jeden mit Wangenk\u00fcsschen, was besonders f\u00fcr uns am Anfang schon etwas komisch war. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Friedliche Feministen<\/h4>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"973\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/1-973x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-316\" srcset=\"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/1-973x1024.jpg 973w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/1-285x300.jpg 285w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/1-768x808.jpg 768w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/1-900x947.jpg 900w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/1.jpg 1216w\" sizes=\"auto, (max-width: 973px) 100vw, 973px\" \/><figcaption>Amor en el coraz\u00f3n &#8211; Liebe im Herzen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn ich \u00fcbrigens \u201eFemininsten\u201c schreibe, dann denkt nicht an das Bild, das wir in Europa von Frauenrechtlern haben. Seien wir doch mal ganz ehrlich, bei Feministen denken die meisten von uns an m\u00e4nner- und kirchenhassende Frauen, die vollkommen hysterisch und aggressiv auf der Stra\u00dfe protestieren. Verr\u00fcckte, am Rande der Gesellschaft und der Realit\u00e4t. So wusste ich nicht ganz, was ich davon halten sollte, als sich einige Leute im Oratorio bei der ersten Begegnung als \u201efeministas\u201c vorgestellt haben. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"579\" src=\"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/mala-junta-1024x579.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-304\" srcset=\"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/mala-junta-1024x579.png 1024w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/mala-junta-300x170.png 300w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/mala-junta-768x434.png 768w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/mala-junta-900x509.png 900w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/mala-junta.png 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Eine Anspielung auf den Ruf des Feminismus, der auch in Argentinien in der Vergangenheit nicht der beste war. Die &#8222;schlechte Versammlung&#8220; der Feministen in Santiago del Estero<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Schnell habe ich aber festgestellt, wie anders die Idee des Feminismus hier gelebt wird. Auf Demonstrationen sind zwar vor allem junge Frauen unterwegs, immer wieder sieht man aber auch M\u00e4nner, \u00e4ltere Menschen und Familien. Der Feminismus wirkt hier also als etwas verbindendes. Polarisierend ist er dann aber doch, schon beim Thema \u201eAbtreibung \u2013 ja oder nein?\u201c spalten sich die Meinungen, selbst im Oratorio. \u00dcber was sich alle einig sind: Jeder sollte gleich und gerecht behandelt werden<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Zeichensprache, aber\nrichtig!<\/h4>\n\n\n\n<p>Bei bestimmten Themen scheiden sich einfach die Geister und weil die Argentinier eh totale Fans von Farbdeutungen sind, wird der eigene Standpunkt gleich mal mit der richtigen Auswahl von Kleidung oder Schmuck klargemacht. So bedeutet gr\u00fcn beispielsweise, dass man oder frau f\u00fcr Abtreibungen ist, w\u00e4hrend Tr\u00e4ger*innen von himmelblauen T-Shirts, Arm \u2013 oder anderen Stoffb\u00e4ndern gegen die Legalisierung sind. Au\u00dferdem impliziert lila die generelle Zugeh\u00f6rigkeit zum Feminismus, genauso wie die in die H\u00f6he gestreckte Faust oder das Venussymbol (\u2640).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"918\" height=\"960\" src=\"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG-20200309-WA0042k.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-302\" srcset=\"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG-20200309-WA0042k.jpg 918w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG-20200309-WA0042k-287x300.jpg 287w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG-20200309-WA0042k-768x803.jpg 768w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG-20200309-WA0042k-900x941.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 918px) 100vw, 918px\" \/><figcaption>Lila oder Gr\u00fcn &#8211; Kleidungsvorschriften auf der Demonstration zum Weltfrauentag. Die salesianische Jugendbewegung war auch anwesend, ausger\u00fcstet mit Mate (nat\u00fcrlich in lila), Lippenstift (gleiche Farbe) und Glitzergesichtsfarbe<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"622\" src=\"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG-20200309-WA0040-1024x622.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-309\" srcset=\"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG-20200309-WA0040-1024x622.jpg 1024w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG-20200309-WA0040-300x182.jpg 300w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG-20200309-WA0040-768x467.jpg 768w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG-20200309-WA0040-900x547.jpg 900w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG-20200309-WA0040-rotated.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>&#8230;m\u00e4nnliche Unterst\u00fctzung war auch dabei, <br>der Simon hat sich nur bei den Bildern gedr\u00fcckt \ud83d\ude09<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Alles inklusive<\/h4>\n\n\n\n<p>Ein anderes Thema w\u00e4re die \u201elengua inclusiva\u201c, hier geht es darum, dass die Frau auch in der Sprache ankommt. Kurzer Spanisch-Sprach-Exkurs: Die Artikel orientieren sich im Spanischen am Geschlecht. Bei einer Gruppe von M\u00e4nnern w\u00e4re es \u201elos\u201c f\u00fcr \u201edie\u201c und bei einer Gruppe von Frauen \u201elas\u201c. Wenn jetzt aber mehrere M\u00e4nner und Frauen gleichzeitig auftauchen, wird immer von \u201elos\u201c gesprochen. Normalerweise.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr viele junge Menschen in Argentinien werden andere Geschlechter &#8211; besonders dass &#8222;der Frau&#8220; &#8211; also aus der Gruppe eliminiert und sind nicht wirklich existent. Um diesem grammatikalischen Foul entgegenzuwirken steht der Vorschlag im Raum bei gemischten Gruppen einfach von \u201eles\u201c zu sprechen bzw. alle o&#8217;s und a&#8217;s, die das Geschlecht normalerweise bestimmen durch ein &#8222;e&#8220; zu ersetzen. Also jeden unabh\u00e4ngig des Geschlechts einzuschlie\u00dfen. Ungef\u00e4hr vergleichbar mit dem dritten Geschlecht bei uns in Deutschland. Nur eben in einer riesigen sprachlichen Dimension.<\/p>\n\n\n\n<p>Entschieden ist bei diesem Thema aber noch gar nichts, im Fernsehen geht es bei Grundsatzdiskussionen hoch her und manche benutzen nur noch diese Form, manchmal auch als Trotz.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Mehr als Money, Money, &#8230;<\/h4>\n\n\n\n<p>Der Feminismus in Argentinien beinhaltet also mehr als \u201enur\u201c die Frage, wie Frauen in die Wirtschaft passen, rund um \u201ePay Gap\u201c und Vereinbarkeit von Familie bzw. Beruf. Die Bewegung ist bunt, offen f\u00fcr neue Ideen, wie eine Gleichberechtigung erreicht werden kann und gewinnt gef\u00fchlt t\u00e4glich mehr Anh\u00e4nger aus allen m\u00f6glichen Gesellschaftsschichten und Altersstufen. Bunt bedeutet aber auch, dass sich die Menschen nicht nur wegen einer Vermehrung von besseren Lebensumst\u00e4nden als Feministen bezeichnen, sondern auch f\u00fcr eine Verminderung der Schattenseiten der Gesellschaft k\u00e4mpfen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Schatten, der \u00fcber\nganz S\u00fcdamerika, besonders in Argentinen, zu schweben scheint, hat schon viele\nOpfer gefordert. Der Femizid. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Femicidio \u2013 was ist das\neigentlich?<\/h4>\n\n\n\n<p>Mir hat der Begriff Femizid\nziemlich wenig gesagt, wie den meisten von euch wahrscheinlich auch. Femizid\nwird vom europ\u00e4ischen Institut f\u00fcr Gleichstellungsfragen als \u201eT\u00f6tung von Frauen\nund M\u00e4dchen wegen ihres Geschlechts\u201c definiert. Was sich nach einem alten\nSchauerm\u00e4rchen aus dem Mittelalter anh\u00f6rt, ist traurigerweise Realit\u00e4t. Vor allem\nin vielen L\u00e4ndern S\u00fcdamerikas ist der umgangssprachliche \u201eFrauenmord\u201c ein Thema.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Und dieser T\u00f6tungsdelikt wird immer mit dem bereits erw\u00e4hnten \u201emachismo\u201c assoziert. Da dieser Gedanke, der m\u00e4nnlichen \u00dcberlegenheit und Machtaus\u00fcbung der M\u00e4nner \u00fcber Frauen noch immer vorherrscht, eskaliert dies besonders in vielen s\u00fcdamerikanischen L\u00e4ndern innerhalb der Familie. Allein in diesem Jahr wurden 90 Frauen in Argentinien von ihren (Ex-) Lebenspartnern oder anderen Familienangeh\u00f6rigen umgebracht. Hinzukommt die Ausgangssperre, die die Menschen dazu zwingt in ihren H\u00e4usern zu bleiben und h\u00e4usliche Gewalt auf einen neuen Hochpunkt treibt. So haben schon 27 Frauen in der Zeit der vier Wochen Quarant\u00e4ne ihr Leben verloren. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Femizid beinhalten\nnoch mehr: In den meisten F\u00e4llen von Frauenmord sind Lebenspartner die M\u00f6rder\nder Frauen. Diese bekommen oft eine lange Gef\u00e4ngnisstrafe. So wachsen viele\nKinder als Waisen auf, w\u00e4hrend eine Vater- und Mutterfigur fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Allein in Argentinien gibt es so gut wie jeden Tag einen oder sogar zwei F\u00e4lle, erz\u00e4hlt mir Noe, die auch im Oratorio engagiert ist. Sogar sie verliert manchmal den \u00dcberblick \u00fcber die F\u00e4lle. Ich habe zwar immer wieder von der Aktualit\u00e4t der Frauenmorde geh\u00f6rt, das ganze Thema war f\u00fcr mich jedoch ziemlich weit weg. Bis vor wenigen Tagen, als ich auf Instagramprofilen von Leuten aus Santiago Steckbriefe und Suchanzeigen einer 15-j\u00e4hrigen gesehen hab. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Fall Priscila<\/h4>\n\n\n\n<p>Priscila M. kommt aus La Banda, der Nachbarstadt Santiago del Esteros und gleichzeitig zweitgr\u00f6\u00dften Stadt der Provinz. Seit dem 23.02. wurde sie von ihrer Familie vermisst. Nach wochenlanger Suche dann die Gewissheit. Am 15. April wird Priscila im Haus ihres Onkels tot aufgefunden, unter seinem Bett. Sie ist ein weiteres Femizidopfer, die Nummer 84 in diesem Jahr.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"599\" height=\"596\" src=\"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/Priscila.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-300\" srcset=\"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/Priscila.png 599w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/Priscila-300x298.png 300w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/Priscila-150x150.png 150w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/Priscila-88x88.png 88w\" sizes=\"auto, (max-width: 599px) 100vw, 599px\" \/><figcaption>Nachdem klar ist, was mit Priscila geschah, verlangt die \u00d6ffentlichkeit &#8222;justicia&#8220; (Gerechtigkeit). Auch die lokale Vereinigung der &#8222;Frauen des Mutterlands Lateinamerika&#8220; in Santiago del Estero prangert den Notstand des Femizids an.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"576\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG_20200420_211339_647-576x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-312\" srcset=\"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG_20200420_211339_647-576x1024.jpg 576w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG_20200420_211339_647-169x300.jpg 169w, https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/tauschealpengegenanden\/wp-content\/uploads\/sites\/21606\/2020\/04\/IMG_20200420_211339_647.jpg 720w\" sizes=\"auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px\" \/><figcaption>Eine Collage \u00fcber Priscila, alles Ver\u00f6ffentlichungen von Argentiniern. Ihre Cousine hat Angst eine Frau zu sein (oben links), verschiedene Nutzer fordern Gerechtigkeit (oben rechts), andere meinen, dass Frauen sogar nicht mehr auf die Stra\u00dfe gehen k\u00f6nnen ohne in Gefahr zu sein (unten links) und immer wieder taucht auf &#8222;uns fehlt Priscila&#8220; (unten rechts). <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ihre Geschichte ist viel mehr als ein \u201eFamiliendrama\u201c und bei weitem ist Priscila kein Einzelfall. Immer wieder tauchen die Namen der Opfer auf: Priscila, Soledad, Camila, Noelia, Bel\u00e9n, Romina, Luciana, Florencia\u2026 Alles Namen, die auch Freundinnen, Wegbegleiterinnen oder M\u00e4dels aus dem Oratorio tragen. Und irgendwie l\u00f6sen die Namen etwas aus, man hat nicht nur eine Zahl von Opfern vor Augen, sondern die Menschen. Die Frauen, die Kinder und ihr Leben zur\u00fccklassen. Die M\u00e4dchen, f\u00fcr die Gewalt gegen sich selbst irgendwie normal war. Bei manchen kommt ihre Ermordung urpl\u00f6tzlich, keiner aus dem Familien- oder Freundeskreis sieht Anzeichen, es passiert auf der Stra\u00dfe nach dem Feiern. Andere versuchen ihren Partner der Polizei zu melden und sich von au\u00dferhalb Hilfe zu holen. Meistens vergeblich.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Macho-Virus<\/h4>\n\n\n\n<p>In Argentinien ist es\naktueller denn je, die Zeitungen sind voll, berichten \u00fcber jeden einzelnen\nFall. Und auch im Internet gibt es Fahndungen nach Vermissten oder auch einfach\nnur Bilder der Opfer. F\u00fcr die Feminismusbewegung ist es klar: Es gibt eine\nweitaus bedrohlichere Pandemie als das Coronavirus. Das Virus des \u201emachismo\u201c,\ndenn auf die Zeitspanne gesehen sterben mehr Frauen bei Femidziden als\nErkrankte an COVID-19. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u201e\u00dcberall auf der Welt sterben Menschen\u201c<\/h4>\n\n\n\n<p>Das ist schon richtig und\nich will auch nicht die Dramatik von Fl\u00fcchtlingskrisen, Kriegen oder\nUmweltkatastrophen minimieren. Aber wie kann so etwas wie ein Femizid in der\nheutigen Zeit eigentlich noch passieren? Egal kann es niemandem sein. Auch in\nEuropa\/Deutschland kommt es vor, statistisch gesehen jeden dritten Tag.\nTraurige Zahlen. F\u00fcr mich ist der femicidio noch mehr in den Vordergrund\nger\u00fcckt. Nie, wirklich nie, musste ich in Argentinien Angst versp\u00fcren. F\u00fcr mich\nwar Santiago eine Oase der Herzlichkeit. Die Namen der Opfer und jetzt auch der\nFall von Priscila zeigen: Es kann jede treffen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch in Argentinien kommt dieses Bewusstsein immer mehr zum Vorschein. Unter verschiedenen Slogans wie \u201ealerta feminina\u201c (femininer Alarm) oder \u201eni una menos\u201c (nicht eine weniger) gibt es immer wieder Kundgebungen, Demonstrationen und Aktivit\u00e4ten. So hat auch die salesianische Jugendbewegung (MJS) zum Weltfrauentag einen Beitrag geteilt: <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-instagram wp-block-embed is-type-rich is-provider-instagram\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\nhttps:\/\/www.instagram.com\/p\/B9fsyV3FYU9\/?utm_source=ig_web_copy_link\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich hoffe, ich konnte euch ein bisschen was n\u00e4her bringen, beim Schreiben ist mir aufgefallen, wie viel ich eigentlich mitbekommen habe. Und wie privilegiert wir uns einfach f\u00fchlen k\u00f6nnen. F\u00fcr mich war noch nie die Notwendigkeit gegeben, aufzubegehren oder f\u00fcr die Gleichheit zu k\u00e4mpfen. Dass sich so viele Argentinier jeden Tag engagieren und f\u00fcr Gleichberechtigung in ihrem Land k\u00e4mpfen erf\u00fcllt mich wirklich mit gro\u00dfem Stolz und Respekt. Denn Femizid, Sexismus und machismo sind Themen \u00fcber die niemand gerne spricht, die zu oft auch einfach unter den Tisch fallen. Und auch f\u00fcr mich fr\u00fcher nicht an erster Stelle, zu anderen L\u00e4ndern geh\u00f6rten, weit weg zu verordnen waren. <\/p>\n\n\n\n<p>Priscila hat nicht weit weg vom Oratorio gelebt. Eine gute Stunde entfernt. Ihr ganzens Leben lag vor ihr. Sicher hat sie die gleiche Musik wie die M\u00e4dels von Tejiendo Lazos geh\u00f6rt und sich schon auf ihr letztes Schuljahr vorbereitet. Ich habe sie nicht pers\u00f6nlich gekannt, genauso wenig wie meine Freunde aus Santiago, mit denen ich gerade im Kontakt bin. Trotzdem ist da eine gewisse Verbundenheit. Eine Verbundenheit in einem gemeinsamen Ziel:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Ni una menos &#8211; Nicht eine\nweniger<\/h3>\n\n\n\n<p>Bleibt gesund und bis bald, <\/p>\n\n\n\n<p>Eure Martha<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Feminismus in Argentinien Eigentlich w\u00fcrde jetzt ein \u00f6sterlich angehauchter Blogeintrag kommen. \u00dcber Livestreams der Osternacht aus dem Oratorio, \u00fcber meine geliebte santiague\u00f1ische W\u00e4rme und die eher ver\u00fcngl\u00fcckte deutsche Kopie, \u00fcber meine Versuche \u201erichtig\u201c anzukommen und \u00fcber die Schwierigkeit des Kontakthaltens und Kontaktwiederherstellens. Eigentlich. 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