Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist grün. Das ist so grün, dass ich alles vergesse, was man mir über Indien erzählt hat: Stadt. Lärm. Müll, viel, voll. Ich sehe was, was du nicht siehst, aber lass es mich dir beschreiben…

Stell dir vor, du bist sechsundzwanzig Stunden lang gereist: Auto, Zug, Flugzeug, Flugzeug, Auto, zwischendurch viel warten, viel sitzen und stehen, nicht schlafen. Du bist sechsundzwanzig Stunden lang gereist, und dann hörst du den Kies endlich knirschen, die Handbremse quieken, Autotüren auf, und um 22 Uhr indischer Ortszeit stehst du im Dunkeln am Ziel. Bei dieser Ankunft ist vom Grün noch nichts zu sehen, aber in dem Haus, das jetzt dein Zuhause sein wird, brennt Licht. Dort siehst du den runden Küchentisch, an dem ihr mit den Fathers und Brothers des Salesianerordens essen werdet. Direkt gegenüber von der Küche liegt euer Zimmer. Es ist klein, aber es reicht; zwei Betten, ein Wandschrank, ein Schreibtisch. Eine Türe zum Bad. Und dann siehst du nicht mehr viel, „nur noch deine Augendeckel von innen“, würden wir daheim sagen, denn du warst sechsundzwanzig Stunden lang unterwegs.

Der erste Tag ist zum Ausruhen da, hat der Direktor gesagt. Aber am ersten Tag ist auch zum ersten Mal all das Grün zu sehen! Wie ein Wall zwischen uns und der Welt ragen rundum bewaldete Hügel und Berge auf, und auf dem Gelände selbst wachsen überall Bäume und Sträucher: rechts und links der Einfahrt, auf beiden Seiten des Hauptgebäudes, im Innenhof, an den Rändern des Sportplatzes. Stell dir also vor, dass ich jetzt an einem Ort in Indien wohne, der den Stress, den Lärm und die Luft der Großstädte ausschließt: Willkommen im Don Bosco Care Home in Nilavaarapatti, Tamil Nadu.

Das Care Home ist eine Wohneinrichtung für HIV-infizierte Jungs und junge Männer im Schul- und College-Alter und beherbergt zurzeit 33 „Boys“ zwischen 9 und 19 Jahren. Ihnen werden hier medizinische Versorgung und regelmäßige Untersuchungen, nährstoffreiche Lebensmittel, Freizeitangebote und psychologische Unterstützung geboten.

Organisiert und umgesetzt werden die damit verbundenen Aufgaben von vier Fathers, zwei Brothers und dem Staff, also Mitarbeitenden, die nicht Teil des Salesianerordens sind. Mit Sponsoren tritt der Direktor in Kontakt, die Ausgaben werden von einem weiteren Father koordiniert, die Tagesabläufe der Jungs von einem dritten. Ein Brother und ein Staffmitglied begleiten den Alltag der Jungs, geben Essen aus, schlichten Streit, spielen mit. Die Köchinnen stehen lange am Herd und bereiten dreimal täglich große Töpfe voll Reis und scharfer Soßen zu. Ein Mann mit Hirtenstab kümmert sich um die Enten und Hühner, die frische Eier und Fleisch liefern. Und im Mittelpunkt all dieser Aufgaben – und weiterer, die ich noch nicht kennengelernt habe – stehen die Jungs; „to care for them“ und „to take care of them“, das ist der Sinn und Zweck des Care Homes, dafür steht sein Name, für das Am-Herzen-liegen und das Kümmern.

In dieses eingespielte Team, diese funktionierenden Abläufe tapse ich jetzt herein. Versuche, mich zurechtzufinden, zu verstehen, wie man hier kommuniziert und plant, erledigt und Verantwortung übernimmt, wo ich mich hier einbringen kann. Was von mir erwartet wird. Ich tapse hier herein und werde herzlich willkommen geheißen, ich werde einfach mitgenommen, „Sister, come!“. Werde mit meinen ersten Aufgaben betraut. Und weiß, dass das Care Home jährlich darum bittet, Freiwillige zugeteilt zu bekommen; und hoffe also, hoffe inständig, im Alltag der Jungs Abwechslung und Freude bieten zu können.

Meine Mitfreiwillige Denise und ich bei der Begrüßungszeremonie: wortwörtlich mit Pauken und Trompeten der neu gegründeten Band