Für die Jungs aus unserem Hostel ging es am Donnerstag, den 27.10., nochmal in die Ferien, bevor jetzt im November die wichtigen Semesterexamen anstehen. Da im Projekt dann weniger zu tun war, nutzten Felix und ich die Zeit für einen 6 – Tages – Ausflug zu anderen Volontärinnen.

Am Morgen des 28.10. ging es für uns los. Von Kovilpatti aus nahmen wir den Zug nach Tiruchy. Wie bereits erwartet, hatte dieser bereits in Kovilpatti 45 Minuten Verspätung. Unsere erste Zugfahrt in Indien gestaltete sich spannend, da immer wieder Händler vorbeikamen, die Tee, Früchte oder anderes verkaufen wollten. Während der Stops in anderen Städten kamen auch immer wieder Bettler in unser Abteil. Auf jeden Fall kamen wir schließlich nach ca. 5 Stunden Zugfahrt wider Erwarten pünktlich in Tiruchy an. Keine Ahnung, wie der Zugfahrer die knappe Stunde Verspätung wieder herausgefahren hat.

Am Bahnhof wurden wir von Anika und Lea in Empfang genommen. Dann ging es nach Manikandam ins Projekt der beiden. Am Nachmittag nahm uns ein Brother mit in ein weiteres nahegelegenes Projekt der Salesianer Don Boscos, und zwar zu dritt auf dem Motorrad. Das Projekt ist relativ groß und bietet verschiedene Ausbildungsmöglichkeiten und Studiengänge für die jungen Erwachsenen aus der Region. Nach der aufregenden und teilweise holprigen Motorradfahrt genossen wir noch das vorfestliche Feuerwerk. Am nächsten Tag war nämlich Diwali, ein hinduistisches Lichterfest. Es wird in Indien und in allen anderen hinduistisch geprägten Ländern ausgiebig gefeiert. Die fröhliche Stimmung, die vielen Lichter und Feuerwerke sind Merkmale des Festes. Viele Inder nutzten auch den Vortrag, um kräftig zu böllern und Raketen zu zünden.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen ging es für uns in das Stadtzentrum Tiruchys. Entgegen den Erwartungen war trotz Diwali eher wenig los, sodass wir problemlos zum Rock Fort gelangten, auch wenn die Busse für europäische Verhältnisse doch sehr überfüllt erscheinen mögen. Der Rock Fort ist ein Tempelkomplex auf einem 83 Meter hohen Felsen. Die Tempelanlage schlängelt sich vom Fuß des Felsens bis auf seine Spitze hoch. Bereits im Jahre 580 starteten die ersten Bauarbeiten des Tempels. Wir besichtigten den Tempel und erklommen den Hügel bei tropischen Temperaturen von ca. 30 Grad. Puh! Von oben hatte man eine super Aussicht über Tiruchy und zudem einen kühlen, erfrischenden Wind. Nach dem Abstieg ging es in ein kleines Hotel zum Essen. Da Diwali und damit eigentlich Ferien waren, gab es nur Chicken Byrani. Das ist ein sehr weihnachtlich schmeckender Reis mit Hühnchen.

Zurück in Manikandam erholten wir uns vom anstrengenden Tag und gingen ein zweites Mal auf die Dachterrasse. An diesem Tag war das Feuerwerk nochmal um einiges besser.

Am darauffolgenden Morgen hieß es bereits „Sachen packen“ und ab nach Salem. Die Busfahrt dauerte insgesamt vier Stunden und wir wurden Zeuge des ersten kleineren Autounfalls hier in Indien. Obwohl der Verkehr nicht so klar und strukturiert geregelt ist wie in Deutschland, passieren doch genauso wenig Unfälle wie anderswo. An diesem Tag war es aber dann soweit. Unser Bus und ein anderer touchierten einander bei der Ausfahrt aus dem Busbahnhof. Die Busfahrer brüllten sich ein paar Mal gegenseitig an, um nach kurzer Zeit weiterzufahren, ohne den kleinen Schaden wirklich zu beachten.

Felix, ich, Anika & Lea vor dem Projekt der beiden!

Felix, ich, Anika & Lea vor dem Projekt der beiden!

In Salem wurden wir nach einigen Minuten des Wartens von Anna und Marie, zwei weiteren Mitvolontärinnen, am Busbahnhof abgeholt. In einer 20-minütigen Autofahrt ging es in ihr idyllisches Projekt nach Nilavarapatti in das „Don Bosco Care Home“ für HIV-positive Jungen. Dort wurden wir mit einem Lied und einem Blumenstrauß empfangen. Dem Rundgang durch das Projekt schloss sich die „Games-Time“ mit den Jungs an. Ich freute mich über die Gelegenheit Basketball spielen zu können, da wir in Keela Eral keinen entsprechenden Platz haben. Abends ging es dann relativ früh ins Bett, weil wir am nächsten Morgen bereits um 4 Uhr aufstehen mussten. Und zwar ging es auf den Markt in Salem. Es war noch dunkel, aber trotzdem war schon unheimlich viel los. Gemeinsam mit der Köchin, einem Brother und ein paar Jungs überquerten wir den ganzen Markt und kauften Gemüse und Kräuter für die kommende Woche ein. Zum Abschluss gab es noch ein grießartiges, dickflüssiges Getränk als Belohnung, was eigentlich ganz gut schmeckte. Nachdem wir uns nochmal kurz hingelegt hatten, ging es zum Frühstück und anschließend in den Schulbus, in dem ca. die Hälfte der 60 Jungs aus dem „Don Bosco Care Home“ in nahegelegene Schulen gebracht werden.

Danach ging es dann in Richtung Yercaud. Yercaud, zu deutsch Waldsee, ist eine Stadt in den Shevaroy Bergen. Die Stadt Salem liegt direkt am Fuße des Gebirges. Viele indische Touristen fahren während den Ferien hoch, um das kühle Klima dort zu genießen. Bereits auf der Fahrt nach oben konnten wir eine Vielzahl an Affen sehen, die am Wegrand den vorbeifahrenden Autos zuschauten. Wir fuhren bis auf den Gipfel des Berges, um dort einen kleinen Hindutempel zu besichtigen. Und mit klein, meine ich auch klein! Man musste sich durch einen schmalen Gang hindurch in eine kleine Höhle zwängen, um zu dem winzigen Tempel zu gelangen.

Da es an diesem Tag bedauerlicherweise sehr neblig war, konnten wir die eigentlich gute Aussicht vom Berggipfel nicht in vollem Maße auskosten.

Danach ging es noch zu weiteren Aussichtspunkten und einem Rosengarten, der aber weniger spektakulär war, da Ende Oktober nicht gerade der optimale Zeitpunkt für solch einen Besuch war. Dafür genossen die Inder unsere Anwesenheit, sodass wir als weiße Europäer um das ein oder andere Foto gebeten wurden. Nach einem leckeren Mittagessen ging es noch mit einem Ruderboot auf den Bergsee, der Namensgeber der Stadt ist.

Nach einer anderthalbstündigen Rückfahrt nach Nilavarapatti stand wie jeden Tag noch die „Games Time“ auf dem Programm. Nach etwas Basketball und Volleyball gab es dann auch bald Abendessen.

Am nächsten Morgen stand erstmal Englischunterricht auf unserem Programm. Ungefähr die Hälfte der Jungs werden nicht in den lokalen Schulen, sondern vor Ort im Projekt unterrichtet. Anna und Marie unterrichten jeden Morgen eine dreiviertel Stunde. Die Jungs werden alle zusammen unterrichtet. Allerdings ist die Altersspanne zwischen den Kindern sehr groß. Der jüngste ist eigentlich in der ersten Klasse, die ältesten sind in der achten. Wir versuchten diese Unannehmlichkeit zu umgehen, indem wir die Klasse in vier verschiedene Gruppen aufteilten, und so jeder Volontär mit einer Gruppe arbeitete. Am Vorabend hatten wir gemeinsam einen Dialog erstellt, den wir hinsichtlich verschiedener Aufgabenstellungen dann durcharbeiteten. Das klappte mal mehr mal weniger gut. Während dem Unterrichten der Kinder fiel mir auf, dass die Kommunikationsschwierigkeiten bei mir im „Spoken English Course“ dagegen ein sehr kleines Übel sind. Da die Sisters bei uns im Projekt bereits ein gewisses Level an Englisch besitzen und dieses während des Monats kontinuierlich verbessern, ist es dann doch verhältnismäßig leicht mit ihnen zu kommunizieren. Wenn die Kinder aber selbst noch kaum Englisch sprechen und deine Tamilkenntnisse auch nicht sehr ausgeprägt sind, wird das doch zu einem kleinen Problem. Glücklicherweise standen uns während des Unterrichts noch ein weiterer Lehrer und Brother Sebastian beiseite, sodass diese für die Kinder übersetzen konnten. Man muss bei dieser Problematik auch unbedingt miteinbeziehen, dass die Kinder erst einmal die lateinische Schriftart lernen müssen. Die tamilische Schriftart hat über 200 Buchstaben, sodass es eine doch beachtliche Umstellung für die Kinder darstellt.

Nach dem doch sehr anstrengenden Unterricht lernten wir endlich Father Daniel, den „Rector“ des Projekts kennen. An den beiden Vortagen war er noch zu Besuch bei seiner Familie und nicht im Projekt. Gleich nach dem Unterricht ging es nochmal in die Stadt, um zwei weitere Projekte der Salesianer in Salem zu besuchen. Eines liegt im Stadtzentrum. Die Salesianer kümmern sich hier um Straßenkinder in Salem. Weiter außerhalb am Fuße des Gebirges befindet sich das zweite Projekt. Dort wohnen kleine Kinder, die aber zum Zeitpunkt unseres Besuches in der Schule waren. Wie in jedem Projekt der Salesianer wurden wir mit verschiedenen Leckereien empfangen. Ob leckere Kokosnüsse, knuspriges Gebäck oder einen warmen Tee, alles schmeckt super! Wir nutzten die ultimative Gelegenheit und gönnten uns sogar eine frisch gepflückte Banane von einem der zahlreichen Bananenbäume. Nach unserer kurzen Visite bei den Salesianern ging es noch in ein leckeres Hotel. Hier in Indien steht der Begriff „Hotel“ nicht für eine Übernachtungsmöglichkeit, sondern eher für ein Restaurant. Father Daniel bestellte reichlich leckeres indisches Essen. Von verschiedensten Hühnchengerichten über Fisch bis hin zu leckerem Reis war alles dabei! Als wir mit gefüllten Magen wieder in Nilavarapatti eintrafen, mussten wir erstmal ein Verdauungsschläfchen einlegen.

Als wir wieder aufwachten, kam gerade „Lady“ Margareth (wie die Fathers sie nannten). Sie arbeitet für Don Bosco Mission in Bonn und besucht jedes Jahr für zwei Wochen Projekte der Salesianer in Asien. Die Jungs aus dem „Don Bosco Care Home“ bereiteten ihr einen netten Empfang mit einem „Welcome-Song“ und Palmenschmuck. Abends stellte Father Daniel mit einem Kurzfilm und einer PowerPoint-Präsentation Margareth Vogt das Projekt vor. Das war für Felix und mich auch nochmal sehr interessant, weil wir noch mehr über das Projekt erfahren konnten. Später gab es ein tolles halbstündiges Programm von den Jungs. Vor allem überzeugten sie durch ihre faszinierenden Tanzaufführungen! Gemeinsam mit Margareth Vogt gaben wir den Kanon „Bruder Jakob“ zum Besten und trugen so auch unseren Teil für einen gelungenen Abend bei.

Am nächsten Morgen war um 7 Uhr Allerseelen-Gottesdienst. Brother Rex bot uns an einen Verstorbenen unserer Familie auf einen Zettel zu schreiben, welcher dann im Gottesdienst verlesen wurde. Auch die Jungs taten dies. Die meisten der Jungs sind verwaist. Father Daniel hatte uns am Vortag erklärt, dass sich in der Regel erst die Männer mit dem HI-Virus infizieren und diesen dann auf ihre Frauen übertragen. Mit der Geburt des Kindes trägt dieses auch automatisch diesen Virus in sich. Oft sterben die Eltern noch bevor die Jungs das 18. Lebensjahr erreichen. So stand bei einer Vielzahl der Jungs „Ammaa“ (Mama) und „Appaa“ (Papa) auf dem Zettel, was einen zutiefst traurig und nachdenklich stimmte.

Nach einer zweiten Unterrichtseinheit am Morgen und den üblichen Ballspielen am Abend stand gegen 21:30 Uhr unsere Abreise auf dem Programm. Father Daniel, Anna und Marie begleiteten uns zum Busbahnhof und setzten uns in den richtigen Bus. Der Motor des Busses sprang gegen 21: 45 Uhr an. Bis wir aber den Busbahnhof verlassen hatten, war mindestens 22:15 Uhr. Die unglaubliche Anzahl von Bussen machte es unmöglich, sich einen Weg zum Ausgang zu bahnen. Erst nach einigen vergeblichen Versuchen klappte es dann irgendwann. Um 4:30 Uhr in der Nacht wurden wir dann in Keela Eral abgesetzt. Wir riefen nach dem Nachtwächter, um uns hereinzulassen. Leider war dieser unauffindbar, sodass wir kurzerhand über das Eingangstor kletterten und schließlich müde in unser Bett fielen.