So lautet normalerweise mein Motto, wenn mir Dinge passieren, die mir nicht in den Kram passen – die man früher oder später aber doch akzeptieren muss. Vor einer Woche haben wir erfahren, dass wir aufgrund des Coronavirus aus Indien ausreisen müssen. Dabei ist es mir schwerer denn je gefallen, meinem Motto treuzubleiben und die Tatsache hinzunehmen.

BC – Before Corona

Allgemein haben wir in Indien relativ wenig über Corona mitbekommen. Ja, es gab Maßnahmen in Geschäften und mehrere Leute haben Atemschutzmasken getragen – aber wir haben das Thema eher auf die leichte Schulter genommen. Dennoch haben wir die Nachrichten verfolgt. So haben wir auch erfahren, dass laut dem Außenministerium von Österreich allen Reisenden im Ausland dringend empfohlen wird, nach Österreich zurückzukommen. Der Grund hierfür sind die zunehmenden Einschränkungen im Flug- und Reiseverkehr. Zwar ist Indien im Moment deutlich weniger betroffen als Österreich oder Deutschland. Das kann sich aber schnell ändern. Dann wäre es schwierig für uns, nach Hause zu reisen und die bestmögliche medizinische Behandlung zu bekommen.

Trotzdem kam der Beschluss der österreichischen Organisation Volontariat Bewegt, alle FreiwilligendienstlerInnen zurück ins Land zu holen, überraschend. Die folgenden Tage waren hart. Unsere ÖsterreicherInnen wussten noch nicht genau, wann sie ausreisen würden. Schnell haben wir letzte Erledigungen und Einkäufe gemacht. Und natürlich hat sich eine traurige Stimmung bei uns ausgebreitet. Viele Tränen wurden vergossen. Die gemeinsame Zeit würde in absehbarer Zeit einfach vorbei sein. Schon zwei Tage später fanden wir uns am Busbahnhof in Vijayawada wieder, um unsere FreundInnen zu verabschieden. Es war alles andere als einfach.

Verblieben waren also wir drei Volontärinnen von DonBosco Volunteers, ein weiterer Freiwilliger aus Deutschland und ein Volontär aus der Schweiz. Da wir zuerst nicht wussten, wie es mit uns weitergehen würde, wurden wir durch die Ungewissheit unruhig. Wie viele Tage würden uns noch bleiben? Oder gibt es doch eine Chance zu bleiben? Leider nicht. Nach der Ansage von dem Außenministerium und der Mitteilung vom BMZ haben wir letzten Dienstag erfahren, dass auch wir zurückreisen müssen. Genauso wurde es von der indischen Regierung geraten. Es kam zu diesem Zeitpunkt nicht mehr überraschend, aber es war dennoch schmerzhaft. So wurden aus fünf vier und aus vier drei. Theresa, Anna und ich blieben als Letztes in der (viel zu leeren) Flat zurück. Wir haben alles Nötige aufgeräumt und unsere Koffer gepackt.

Wir haben uns von der ganzen Community verabschiedet und deutsche Schokoladen verteilt, die wir noch in der Flat als Vorrat aufbewahrt hatten. Am letzten Abend haben wir zusammen mit dem projektverantwortlichen Father gegessen, der seine einmonatige Europareise wegen dem Coronavirus frühzeitig abbrechen musste. Es war schön, ihn wiederzusehen und gemeinsam über gravierende Unterschiede in Deutschland und Indien zu lachen. Ich habe gemerkt, dass wir Teil einer Familie geworden sind und jederzeit herzlich willkommen sind, zurückzukehren.

Verabschiedung in Padmavathi Ghat

Sich von meinen Kindern zu verabschieden, war das Härteste für mich. Ich habe fast fünf Monate acht Stunden am Tag mit ihnen verbracht und jetzt weiß ich nicht, ob beziehungsweise wann ich sie wiedersehen werde. Der Gedanke ist mir die Tage schon öfters durch den Kopf gegangen, ich habe angefangen zu weinen und dann hatte ich das Gefühl, dass es schon wieder geht. Dieses Gefühlschaos hat sich während der letzten Zeit ein paar Mal wiederholt. Ich war froh, dass Theresa, Anna und ich uns gegenseitig stützen konnten.

Donnerstag war mein letzter Arbeitstag. Wir haben die Kinder abgeholt und nach dem Morgengebet Yoga gemacht. Das hat gerade mit den Kleinen super funktioniert und wir hatten unseren Spaß. Wie gewöhnlich haben wir Unterricht gemacht und gespielt. Die Meisten der Kinder haben nicht verstanden, dass ich nicht mehr da sein werde, weil sie viel zu klein sind. Das ist aber garnicht schlimm. Die Wahrnehmung der Kinder ist eine Andere und deshalb denke ich, dass der Abschied für mich schmerzhafter war als für sie. So ist es mir auch lieber. Eigentlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt gedacht, dass ich meine Gefühle im Griff hätte. Aber als das älteste Mädchen im Projekt mir gesagt hat, dass sie mich vermissen wird, sind mir wieder die Tränen gekommen. Sie hat mir die Tränen weggewischt und war erstaunt, wie rot meine Augen werden. Auf heller Haut sieht man das ja viel extremer. Ich musste lachen und habe sie in den Arm genommen. Jhansi hat mir auch liebe Worte gesagt. Ich freue mich, wie schön sich unsere Beziehung sich entwickelt hat. Ich weiß, dass die Kinder bei ihr am Besten aufgehoben sein werden. Zum Schluss habe ich Schokolade und Haribo (was ihnen sehr gut geschmeckt hat!) an die Kinder ausgeteilt und sie ein letztes Mal umarmt.

Wegen dem Coronavirus wurden ab Donnerstag alle Projekte von Navajeevan Bala Bhavan für zehn Tage geschlossen. Die Kinder, für die es möglich ist, bleiben für diese Zeit zu Hause. Das bedeutet, auch unsere Kinder im Chiguru kommen für eine Weile zurück zu ihren Familien. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich darüber freuen. In der Zwischenzeit ist auch ein weiteres unserer Kinder ins Chiguru transferiert worden. Außerdem befindet sich einer der älteren Jungen momentan im Krankenhaus, weil er sich ein Bein gebrochen hat. Die Operation lief gut, es geht ihm im Großen und Ganzen besser und ich hatte die Chance ihn zweimal zu besuchen. Es hat mich erleichtert, dass er trotz der Schmerzen lachen konnte.

Die Rückreise

Unsere Rückreise verlief überwiegend reibungslos. Am Samstag Morgen sind wir von Vijayawada nach Mumbai geflogen. Gerade in Mumbai haben wir gesehen, dass unter den Menschen viel Angst vor dem Virus herrscht. In Vijayawada haben wir davon wenig mitbekommen, weil die Stadt vergleichsweise klein ist. In Mumbai haben wir uns für ein paar Stunden im Provincial House aufgehalten. Wir sind auf zwei andere Volontärinnen von DonBosco Volunteers getroffen, die aufgrund fehlenden Visa-Registrierungen nicht nach Dubai ausreisen durften. Da nun für eine Woche die internationalen Flüge eingestellt werden, ist die nächste Rückreise für sie per Rückholaktion möglich. Im Moment sind die Beiden sicher im Provincial House untergebracht. Von Dubai ging es schließlich nach München und dort sind wir am Sonntag Morgen auch sicher angekommen.

Ich schätze es sehr, dass Niklas und Francesco während diesem Prozess immer erreichbar sind und sie uns psychisch soweit wie möglich begleiten. Nun sind die meisten VolontärInnen wieder in Deutschland und der Rest wird sobald wie möglich nachkommen. Wichtig ist, dass sie dort wo sie sind, sicher untergekommen sind.

Und jetzt?

Jetzt bin ich seit drei Tagen daheim. Es ist gut, während dieser außenordentlichen Situation sicher bei der Familie zu sein. Ich habe mich sehr gefreut, meine Eltern und meine Geschwister wiederzusehen. Trotzdem werde ich noch eine Weile brauchen, um mich an Deutschland zu gewöhnen. Ich habe fünf Monate ein anderes Leben gelebt und mich auch darauf eingestellt gehabt, fünf weitere Monate in Indien zu leben. Demnach sind meine Gedanken oft noch ganz woanders. Ich denke viel über die Kinder nach. Ich bin dankbar für alle Erfahrungen und Begegnungen, die ich in Indien machen durfte. In nur so kurzer Zeit ist es ein Zuhause für mich geworden, in dem ich mich wohlgefühlt habe. Im Moment steht noch nicht fest, wie es weitergehen wird. Ich freue mich erst einmal auf die Zeit mit meiner Familie und die Zeit, die ich jetzt für mich habe. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

Ich hoffe, ihr seid alle sicher daheim!

Eure Maria