Dieses Wort höre ich täglich so oft, dass ich es nicht mehr zählen könnte: „Maria Akkaaaa!“, rufen die Kinder schon aus der Ferne, wenn sie morgens von ihren Hütten auf mich zugelaufen kommen. Man horcht schon automatisch auf, wenn man jemanden „Akka“ rufen hört: Hat jemand noch keinen Stift, keine Schreibtafel oder Kreide? Möchte doch noch jemand Hausaufgaben? Hat irgendwer Lust Mandalas ausmalen? Würde gern wer Memorie oder Carrom Board spielen? Oder will mir ein Kind nur stolz präsentieren, was es Tolles gebastelt hat? Ein Blick in die Richtung, aus der der Laut kam, genügt und ich weiß inzwischen, was zu tun ist. 😉

„Akka“ heißt übersetzt große Schwester.

In Indien werden die Familienstrukturen nicht so eng gesehen wie bei uns in Deutschland. Das bedeutet, man wird von indischen Leuten oft Schwester oder Bruder genannt. Egal ob du mit deinem Freund oder Chef redest – es ist ein einfaches Zeichen des Respektes. Und wie eine „Akka“ für die Kinder fühle ich mich definitiv: Morgens fängt es an, die Kinder zum Lernen zu motivieren. Ich weiß inzwischen, wem was schwer und wem was leicht fällt. Wen ich extra motivieren muss und wer schon zusätzliche Aufgaben schafft. Wer beim Carrom Board spielen schummelt und wer welche Mandalas gerne ausmalt. Wer beim Basteln mehr Hilfe und wer weniger Hilfe braucht. Ich lerne die Kinder wie kleine Geschwister in ihren Bedürfnissen kennen.

Fleißig am Lernen

Und das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Kinder kein Englisch sprechen und ich kaum Telugu beherrsche – denn Kommunikation ist trotzdem da, aber auf eine andere Weise. Zum Beispiel gibt es einen älteren Jungen in meinem Projekt, mit dem ich mich sehr gut verstehe. Wir scherzen herum und haben schon sowas wie Insider-Witze, aber auch über ernstere Themen kann ich mich mit ihm verständigen – mit viel Gestik und Mimik.

Allerdings wurde ich die letzten Tage überrascht.

Dieser Junge und seine zwei kleineren Brüder sowie als auch andere Kinder aus Padmavathi Ghat besuchen seit ein paar Tagen das Internat-ähnliche Projekt namens Chiguru, in dem Kinder mit schwierigen Vergangenheiten eine richtige Schulausbildung bekommen.

Welcome to Chiguru!

Was sich nach einem schnellen Projektwechsel anhört, ist in Wahrheit ein langer Prozess – denn die Eltern der sechs Kinder hätten nie von Anfang an zugestimmt, ihre Söhne und Töchter ins Chiguru zu geben. Das gegenseitige Besuchen ist natürlich möglich, aber trotzdem fällt für sie eine große häusliche Unterstützung weg. Ganz zu Schweigen davon, dass sie ihre Kinder nicht wie zu Hause tagtäglich sehen können. Jhansi, die indische Mitarbeiterin in unserem Projekt, hat hier Großes geleistet: Sie spricht jeden Tag mit den Eltern, baut damit Vertrauen zu ihnen auf und überzeugt sie mit der Zeit von den positiven Aspekten, von denen ihre Kinder durch das Chiguru profitieren würden. Dazu gehören auch Outings ins Chiguru, denn so können die Eltern und dessen Kinder sich schleichend mit dem Chiguru vertraut machen und wenn es dann tatsächlich zum Schulbesuch dort kommt, muss es keine Angst vor dem Unbekannten geben. Neben den Eltern muss aber auch das CWC (Children Welfare Commitee) der Versetzung in das Chiguru zustimmen. Dazu gehen die Eltern mit ihren Kindern und einer Mitarbeiterin von NJBB zum CWC, stellen sich vor bzw. erklären die Familiensituation und die nötigen Formulare werden ausgefüllt. Dafür wiederum sind ID Cards notwendig, welche noch nicht alle Familien besitzen, da sich Navajeevan Bala Bhavan derzeit noch im Prozess der Erstellung befindet.

Auch an Weihnachten waren wir im Chiguru.

Dort gab es ein riesiges Event, zu dem die Kinder aus allen Projekten und alle Mitarbeitenden unserer Organisation eingeladen waren. Ein großes Programm mit vielen Tänzen, einem Krippenspiel und Reden ist angestanden. Dabei durfte natürlich nicht ein Tanz von uns 11 Volontären fehlen. Obwohl wir relativ viel geprobt hatten, werden wir wohl nie an die Leichtigkeit und Harmonie herankommen, mit denen viele Inder tanzen. 😉 Umso faszinierender ist es, den Indern beim leidenschaftlichen Tanzen zuzuschauen. Auch unsere Kinder waren an diesem Tag im Chiguru und es gab für mich nichts Schöneres, als sie mit ihrer neu gesponserten Kleidung auf dem Spielplatz freudig herumtollen zu sehen. Essen war selbstverständlich auch reichlich vor Ort und es wurde kräftig zugeschlagen. So soll es ja auch sein! 🙂

Hmmmm… Schokokuchen!

Auch bei uns im Padmavathi Ghat gab es ein kleines Fest. Dabei sind der Father und die anderen Volontäre mit uns mitgekommen, wir haben Kuchen angeschnitten und zusammen gespielt.

Und weil man Weihnachten nicht genug feiern kann, haben wir Volos zusätzlich ein westliches Festessen bei uns oben auf dem Dach veranstaltet. Auf dem Dach haben wir auch das Feuerwerk an Silvester betrachtet, welches in Vijayawada aber eher nüchtern ausgefallen ist. Spaß hatten wir trotzdem!

Veränderung ist angesagt!

Denn weil nun sechs unserer Kinder im Chiguru untergebracht sind, heißt das auch, dass sich nun die Gruppenkonstellation verändern wird. Jetzt sind nur noch 14 Kinder bei uns im Padmavathi Ghat, darunter überwiegend die Kleinen im Alter von etwa 5 Jahren. Das macht einen großen Unterschied, wenn es um das Unterrichten oder die Aktivitäten am Nachmittag geht. Ehrlich gesagt, vermisse ich unsere Kinder, die nun ihre Zeit im Chiguru verbringen dürfen. Aber ich freue mich auch riesig, dass sie jetzt richtig lernen können und damit die Chance für eine gute Zukunft weitaus besser aussieht. Genau das ist auch das Ziel unseres Projekts Padmavathi Ghat: Die Kinder in das Chiguru und örtliche Schulen unterzubringen, damit das Projekt irgendwann vielleicht sogar aufgelöst werden kann. In Padmavathi Ghat unterrichten wir die Kinder zwar auch, aber eine richtige Schule sieht dann doch nochmal anders aus.

Personal Growth

ist eine Kategorie auf dem Feedbackbogen, den wir Voluntäre monatlich ausfüllen, um uns mit dem verantwortlichen Father von NJBB über Positives und Negatives in den Projekten auszutauschen. Woran man persönlich gewachsen ist, ist garnicht so einfach zu sagen. Ich bin mir sicher, es gibt eine Menge Dinge, die sich in mir geändert haben, welche ich aber nicht aktiv wahrnehme. Was ich aber merke ist, dass ich besonders während der Urlaubszeit meiner Mitvoluntärin gelernt habe, die alleinige Verantwortung im Projekt zu übernehmen und mich flexibel an die Umstände anpassen zu können. Es war zudem schön, neue kreative Dinge auszuprobieren. Auch meine Beziehung zu Jhansi hat sich vertieft, was mich sehr freut.

Selbstverständlich läuft aber nicht alles perfekt. Man lernt mit den Gegebenheiten geduldig umzugehen und damit zurechtzukommen. Vor allem das geduldig zu einem selbst sein, denn bei einem kann man sich sicher sein: Es läuft nie alles, wie man es geplant hat!

Spaß muss sein!

Das war’s von mir für diesen Monat. Bis Februar! 🙂