{"id":76,"date":"2018-10-05T14:53:15","date_gmt":"2018-10-05T12:53:15","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/lilliinindien\/?p=76"},"modified":"2018-10-12T20:38:36","modified_gmt":"2018-10-12T18:38:36","slug":"ein-paar-geschichten-mit-den-jungs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/lilliinindien\/2018\/10\/05\/ein-paar-geschichten-mit-den-jungs\/","title":{"rendered":"Ein paar Geschichten mit den Jungs"},"content":{"rendered":"<p>Puuh, jetzt bin ich schon (fast) einen Monat hier in <a href=\"https:\/\/strassenkinder.de\/laender\/asien\/inden\/\">Indien<\/a>! In Deepa Nivas f\u00fchle ich mich schon richtig wohl, vor allem weil die Jungs mich jeden Tag aufs Neue \u00fcberraschen -und bis weilen auch ziemliche Charmeure sein k\u00f6nnen\u2026 hier ein paar Erlebnisse aus dem Alltag mit 75 Jungen!<\/p>\n<h6>HEUHAUFEN SPRINGEN<\/h6>\n<p>Die Kinder f\u00fchren mich auf das Flachdach des Hauses, von dem man eine wundervolle Aussicht auf das Umland hat. Ein Junge klettert freudig auf die Br\u00fcstung, alarmiert renne ich zu ihm und ziehe ihn runter. \u201eWhat are you doing???\u201c Unschuldig zeigt der Junge auf den Heuhaufen neben dem B\u00fcffelstall der ca zwei Meter unter uns liegt und mehrere Meter hoch ist. \u201eAre you allowed to do this?\u201c Sch\u00fcchtern schaut der Junge auf seine F\u00fc\u00dfe und spielt mit einem Kiesel. Na, wenigstens l\u00fcgt mich der Kleine nicht an. Sanft nehme ich die wirklich noch sehr jungen Kinder mit nach unten und spiele mit ihnen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter komme ich am B\u00fcro vorbei, wo die \u00e4lteren Jungs witzelnd um einem Bildschirm gedr\u00e4ngt auf dem Boden hocken. Einer winkt mich dazu. Sofort ist Platz und ein Stuhl gefunden (schon irgendwie ganz nett). \u00dcberall auf dem Gel\u00e4nde sind CCTV Kameras angebracht, um die Kinder und die Mitarbeiter vor einander zu sch\u00fctzen. Zum Beispiel ist im gro\u00dfen Klassenzimmer eine Kamera um sicher zu gehen dass die Kinder von der von au\u00dferhalb kommenden Lehrerin nicht geschlagen werden (ist hier durchaus auch normal- und bei uns war es das vor 60 Jahren auch noch). Ein paar kleine Kinder sind losgezogen und machen jetzt Schmarrn: sie tanzen vor den Kameras, wackeln mit dem Popo und einer ist sogar zur Kamera hoch geklettert. Auf dem Bildschirm kann man jetzt abwechselnd Nahaufnahmen von seinen Nasenl\u00f6chern, seinem Auge oder seiner Mundh\u00f6hle sehen. Man, die Jungs habe ich schon echt lieb.<\/p>\n<p>Zwei \u00e4ltere Jungs, beide taub-stumm, sto\u00dfen sich gegenseitig an, lachen. Der eine zeigt mit seinem Finger auf seine Augen, dann auf mich, dann auf den Bildschirm. Ein Zwinkern und die beiden sind fort ohne dass ich eine weitere Erkl\u00e4rung einfordern k\u00f6nnte. Kurze Zeit sp\u00e4ter sehe ich auf dem Dach die Jungs, wie sie \u00fcber die Br\u00fcstung klettern und\u2026 sicher im Heuhaufen landen. Eine Spielverderberin will ich ja nicht sein, aber ein bisschen Sorge hatte ich schon. Die Jungs kommen nach vollbrachter Heldentat wieder ins B\u00fcro, grinsend. Ich l\u00e4chele auch, habe aber eine Augenbraue mit einer Note von Vorwurf hochgezogen. Im Sinne, \u201eIch fand das ja auch lustig, aber gibt es da nicht ein Verbot?\u201c. Der eine macht eine verwerfende Geste, zuckt die Schultern und sagt \u201eD-O-N-T\u00a0 \u00a0\u00a0T-E-L-L\u00a0 \u00a0\u00a0A-M-M-A\u201c. Solche frechen L\u00fcmmel! Am Abend rede ich mit einem Mitarbeiter des Projekts \u00fcber die Angelegenheit. Der lacht und zwinkert. \u201eAmma already knows!\u201c<\/p>\n<h6>Noch ein bisschen mehr aus der Kategorie &#8220;schon irgendwie ganz nett&#8221;<\/h6>\n<p>Komme ich die Treppe von den Volo-Unterk\u00fcnften hinab, stehen da meistens ein paar Jungen (im Alter von 10 Jahren) bereit. Sie schnappen sich meine Hand und f\u00fchren -manchmal auch zerren- \u00a0mich kavaliersm\u00e4\u00dfig zur Dining Hall. Von meinen edlen Kumpanen befreit, stelle ich mich in der Schlange an und muss daf\u00fcr k\u00e4mpfen, mich hinten anstellen zu d\u00fcrfen. Die Jungs bieten mir oft sehr hartn\u00e4ckig an, dass sie mich gerne vorlassen w\u00fcrden. Gott sei Dank haben sie diese Eigenart nach den ersten Tagen abgelegt, da sie bemerkten, dass ich mich IMMER hinten anstellen werde. Ist das Essen geholt, klopfen die Kinder wild mit der freien Hand neben sich um mich auf die freien Pl\u00e4tze neben sich aufmerksam zu machen.<\/p>\n<p>Mit dem Essen fertig, gehe ich raus auf den Innenhof zum Wasserhahn, um meinen Teller zu sp\u00fclen. Auch hier ist eine Schlange von Wartenden, die mich nicht nur vorlassen, sondern sogar meinen Teller waschen wollen. Aus Protest, Trotz und auch weil ich keinen Bock habe so lange anzustehen, gehe ich dann manchmal zum zweiten Wasserhahn, der direkt neben dem Misthaufen der B\u00fcffel ist. Wo es richtig sch\u00f6n nach Stall riecht. Da f\u00fchl ich mich richtig wohl, hihihi. Beim Waschen rutscht ab und zu mein Chunni von meiner Schulter. Die Kinder hinter mir fangen ihn \u00f6fters auf, (bevor er in irgendeiner Pf\u00fctze oder Dreck landet) und halten ihn dann bis ich bereit bin den Chunni wieder ordnungsgem\u00e4\u00df auf die Schulter zu legen.<\/p>\n<h6>Warum ich nie wieder Scharade spielen kann ohne rot zu werden<\/h6>\n<p>Die Ehefrau des Kochs spricht nur Telugu. Und bevor ich das Wort f\u00fcr \u201egenug\u201c kannte (chaalu), musste ich immer ein bisschen Scharade mit ihr spielen. Sie fragt mich ob ich genug gegessen habe, in dem sie rechte Hand an ihre Lippen f\u00fchrt, w\u00e4hrend sie versucht mir eine zweite Monsterportion Reis aufzudr\u00fccken. Ich stehe also vor dieser echt netten Frau und probiere ihr mit meinen H\u00e4nden- die zu diesem Zeitpunkt einen gro\u00dfen Bauch zeigen- klar zu machen, dass ich voll bin aber es gut geschmeckt hat. Ein Junge stellt sich dazu und beobachtet am\u00fcsiert meinen l\u00e4cherlichen Scharadeversuch. Er schaut zu, legt verdutzt seinen Kopf schief und fragt dann \u201eBaby?\u201c \u2013Ich bin kurz verwirrt und schaue ihn fassungslos an, es d\u00e4mmert mir\u2026<\/p>\n<p>\u201eNO! Nope, no, no, no, I am NOT pregnant!!! No babys!\u201d sage ich panisch, w\u00e4hrend ich mit den Armen wie eine Irre rumfuchtele. Nicht dass da komische Ger\u00fcchte entstehen! Pl\u00f6tzlich f\u00e4ngt meine Mitfrau herzlich und laut an zu lachen. Das Wort Baby in Kombination eines angedeuteten dicken Bauches hat sie wohl verstanden- und ist nun herrlich von meiner \u00fcberrumpelten Reaktion erheitert. Der Koch steht \u00fcbrigens auch mit dabei und lacht. So ein bisschen lache ich auch mit. M\u00fctterlich-sanft legt sie mir kichernd einen Arm um die Schultern und f\u00fchrt mich etwas abseits. Ich schicke ein Sto\u00dfgebet an den lieben Gott und bitte darum dass jetzt kein Aufkl\u00e4rungsgespr\u00e4ch auf Telugu kommt. Aber sie kichert weiter, dr\u00fcckt mir verstohlen eine lila S\u00fc\u00dfkartoffel in die Hand- obwohl ich wirklich satt bin. Sie tippt sich an die Schl\u00e4fen und l\u00e4chelt- sie hat meine urspr\u00fcngliche Botschaft auch verstanden.<\/p>\n<p>Dennoch ignoriert sie noch bis heute meine verzweifelten Chaluu-Proteste, wenn sie mir eine Riesenportion Reis aufgibt.<\/p>\n<h6>Kokosn\u00fcsse in der Sonne<\/h6>\n<p>Ich g\u00f6nne mir eine kleine Verschnaufpause von der Games Time. Die Nachmittagssonne w\u00e4rmt golden die steinerne Treppe bei der K\u00fcche, auf deren unteren Stufen ich mir\u00a0 gem\u00fctlich ein Pl\u00e4tzchen suche und mich hinzusetzen. In meinen H\u00e4nden halte ich eine kleine Porzellantasse, die bis oben hin mit kochend hei\u00dfen, w\u00fcrzigen Chai gef\u00fcllt ist. Den Chai habe ich von der Frau des Kochs bekommen. Doch die Ruhe weilt nicht lang, ein kleiner Junge kommt \u00fcber den sandigen Boden des Innenhofs zu mir hergerannt. \u201eSister, you want coconut?\u201c fragt er erwartend. Unverarbeitetes Gem\u00fcse und Obst gibt es im Projekt nur selten zu essen, also l\u00e4chele ich den Jungen freudig an und sage \u201eYes, I want a coconut!\u201c. Der Junge l\u00e4chelt noch breiter.<\/p>\n<p>Er zieht hinter seinem R\u00fccken eine kleinen braune Kokosnuss und einen Metallbecher hervor. Dann kniet er sich neben mich auf die Stufen, setzt denn Becher neben uns, hebt die Kokosnuss mit beiden H\u00e4nden weit \u00fcber seinen Kopf und schl\u00e4gt dann mit aller Kraft die Kokosnuss auf die Treppe. Ein lautes Knacken und ein kleines Rinnsal Kokosnussmilch flie\u00dft \u00fcber die Stufen. Doch mehr wird nicht versch\u00fcttet denn die Kokosnuss wird sofort \u00fcber den Becher gehalten. Als die Kokosnuss nichts mehr an Fl\u00fcssigkeit abgibt, ist der Becher halb voll (oder halb leer?). Ich biete meinem G\u00f6nner den Becher an, aber er \u00fcberl\u00e4sst mir alles. Die Kokosnussmilch ist reif, s\u00fc\u00df und vom sonnigen Tag leicht angew\u00e4rmt- so gute und frische Kokosnussmilch habe ich in meinem Leben noch nicht getrunken!<\/p>\n<p>Mit ein paar weiteren kr\u00e4ftigen Schl\u00e4gen bricht die Kokosnuss endg\u00fcltig auf und der Junge macht sich daran das Fleisch vom Rest der Nuss zu sch\u00e4len. Jetzt kommen auch ein paar weitere Kinder an und gesellen sich um uns dazu. Die n\u00e4chsten Minuten sitze ich von Kindern umringt da und wir essen alle zusammen die Kokosnuss.<\/p>\n<h6>Drachen t\u00f6ten- die Disziplin von EDELM\u00c4NNERN<\/h6>\n<p>Ich habe grade die Kinder in die Schule verabschiedet und gehe mit Johnny gem\u00fctlich noch etwas im Innenhof rum. Ein paar Jungen, die heute krank sind, streunen auch um uns herum. Ein Junge kommt auf uns zugerannt. \u201eSnake! Snake!\u201c Wie aufregend! Ich folge dem Jungen neugierig zu einem Busch. Da ist keine Schlange. Der Junge beteuert dass da doch eine sei. Also lass ich mich weiter ver\u00e4ppeln, von wegen Schlange. Da ist doch keine, nicht auf den Steinen, nicht im Busch, nicht an der Treppe, nicht an- oh, da ist ja doch eine. Eine unspektakul\u00e4re, gr\u00fcn-braune, s\u00fc\u00dfe, kleine Schlange liegt an der Hauswand und schaut mich aus ihren sch\u00f6nen, schwarzen Augen an und z\u00fcngelt mit ihrer lila Zunge in meine Richtung.<\/p>\n<p>Johnny schaut nicht so freudig wie ich. Ein Junge w\u00fchlt im Unterholz und kommt mit einem gro\u00dfen Stock zur\u00fcck. Mir wird mulmig. \u201eWas hat der mit dem Stock vor \u2026?\u201c So eine kleine Schlange, die tut doch nichts. Die ist ja wahrscheinlich nicht mal richtig giftig. Die st\u00f6rt doch niemanden. Johnny erkl\u00e4rt mir dass man hier mit Schlangen kurzen Prozess macht. Und das wenn ich das nicht sehen will, jetzt der Zeitpunkt zum Gehen ist. Ich drehe auf den Fersen um, sehen will ich das sicher nicht. Ich verstehe wieso, aber sehen will ich das nicht. So ein sch\u00f6nes Tier\u2026 beim fortgehen h\u00f6re ich die dumpfen Schl\u00e4ge von Holz auf Stein. Sp\u00e4ter glaube ich die Schlange als Buff-striped Keelback zu identifizieren, eine Schlange die sich von Larven, Fliegen, etc. ern\u00e4hrt und sich im Reisfeld wohlf\u00fchlt. Um Deepa Nivas herum gibt es davon viele.<\/p>\n<p>Liebe Gr\u00fc\u00dfe an alle,<\/p>\n<p>Eure Lilli<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Puuh, jetzt bin ich schon (fast) einen Monat hier in <a href=\"https:\/\/strassenkinder.de\/laender\/asien\/inden\/\">Indien<\/a>! In Deepa Nivas f\u00fchle ich mich schon richtig wohl, vor allem weil die Jungs mich jeden Tag aufs Neue \u00fcberraschen -und bis weilen auch ziemliche Charmeure sein k\u00f6nnen\u2026 hier ein paar Erlebnisse aus dem Alltag mit 75 Jungen! 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