{"id":272,"date":"2019-08-16T10:22:52","date_gmt":"2019-08-16T08:22:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/lilliinindien\/?p=272"},"modified":"2019-08-16T10:23:03","modified_gmt":"2019-08-16T08:23:03","slug":"abschied-nehmen-meine-letzte-woche-in-vimukthi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/lilliinindien\/2019\/08\/16\/abschied-nehmen-meine-letzte-woche-in-vimukthi\/","title":{"rendered":"Abschied nehmen- meine letzte Woche in Vimukthi"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wei\u00df nicht ganz was ich f\u00fchlen soll. In meiner letzten Woche in Vimukthi bin ich etwas stumpf geworden. Ich wusste, dass ich nur noch 4, 3, 2 Tage in Vimukthi habe und das ich meine Jungs bald nicht mehr sehen werde. Ich glaube ich habe mich einfach nicht getraut mir selber zuzugestehen dass ich GEHE. Tabea ist zurzeit auf Urlaub, so dass ich in meiner letzten Woche alleine in Vimukthi war, was irgendwie auch gut war. Aber nun, hier mein Eintrag \u00fcber die letzte Woche Vimukthi.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Monsun<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vimukthi ist wundersch\u00f6n zurzeit, der Monsun hat endlich eingesetzt. Die vertrockneten Stellen kahler, roter Erde sind endlich zugewachsen. Die B\u00fcffel sind zwischen den Mangob\u00e4umen und grasen. Ich helfe zum letzten Mal bei der Buffalo-Duty mit. Ich wische mit dem Reisigbesen die G\u00fclle von der Liegefl\u00e4che der Tiere, als mir ein starker Wind ein paar Str\u00e4hnen aus dem Dutt zupft. Der Monsunregen k\u00fcndigt sich immer durch eine starke B\u00f6e an, und 10 Minuten sp\u00e4ter \u00f6ffnet sich der Himmel und tr\u00e4nkt die rissige Erde mit Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Jungs und ich sind nicht rechtzeitig mit der Duty fertig geworden, und die B\u00fcffel sind noch drau\u00dfen in der Plantage als der Regen einsetzt. Die Jungs rufen in die B\u00e4ume hinein, und langsam trotten die schwarzen B\u00fcffel durch den Starkregen auf uns zu. Hinter ihnen die Gestalten von den Jungs die gerade h\u00fcten m\u00fcssen, sie sind klitschnass. Fluchend stellen sie sich zu uns unter das trockene Vordach und fangen leicht an zu zittern, dabei hat es immer noch um die 30 Grad. Der Blick eines Junges gleitet durch den Stall und &#8230; &#8220;Ni amma.&#8221;  Die B\u00fcffelbabys sind angeleint unter einem Mangobaum, unter dem sich langsam eine Pf\u00fctze bildet. Ihre gro\u00dfen Segelohren h\u00e4ngen miserabel hinab. Der graue Himmel grollt unvers\u00f6hnlich und gibt noch mehr Regenschauer, als eine kleine hitzige Diskussion entbricht, wer raus in den Regen muss und die K\u00e4lber holt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich gehe mit zwei Jungs hinaus in den Regen, jeder packt jeweils ein Kalb. Eine Hand am Strick, eine Hand am Ohr. Nur zu brav trappeln die Kleinen neben uns her, in die Trockenheit des Stalls. Mit 16 B\u00fcffeln, 3 K\u00e4lbern, 5 Jungs und mir ist der Stall doch schon ordentlich voll. Doch es breitet sich schon bald dieses heimelige Gef\u00fchl aus, im Trockenen zu sitzen, w\u00e4hrend es drau\u00dfen st\u00fcrmt und regnet. Wir reden nicht, sondern schauen alle nur still in den Regen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von dem Wellblechdach des Stalles tropft das Wasser in kleinen Rinnsalen zu Erde. Der Regen f\u00e4llt drau\u00dfen peitschend auf die Erde und formt in der Luft komische Formen, dort wo er vom Wind weiter getragen wird. Die knorrigen Mangob\u00e4ume wiegen sich unter dieser Naturgewalt, die gr\u00fcnen \u00c4ste biegen sich bedrohlich gen Boden. Der Rhythmus des Regens ist wie Musik. Das Wasser sammelt sich in kleinen Pf\u00fctzen, dann laufen sie \u00fcber. Rot-schlammige Fl\u00fcsschen rinnen durch die Grasfl\u00e4che und verschwinden hinter dem Haus&#8230; wir reden nicht, sondern schauen alle nur still in den Regen. Ich denke \u00fcber Deutschland nach und die Menschen die dort auf mich warten. Mir f\u00e4llt auf, dass es dort viele Menschen gibt, die ich seit einem Jahr vermisse und endlich wieder in den Arm nehmen will. Und dass ich mit ihnen gerne Sachen zusammen erlebt h\u00e4tte, wie zum Beispiel das Gef\u00fchl von einem Monsunregen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir warten 20 Minuten bis der Regen aufgeh\u00f6rt hat und treten dann hinaus ins Freie. Die Luft ist klar und riecht nach nasser Erde und Gr\u00e4sern. Der Boden ist aufgeweicht, und die Jungs und ich laufen zur\u00fcck zum Haupthaus, neben uns in den hohen Gr\u00e4sern sind die Schafe von Vimukthi, ihr flei\u00dfiges Knabbern hat wieder eingesetzt. Auch sie sind durchn\u00e4sst, aber mit ihrer dicken Wolle st\u00f6rt es sie anscheinend gar nicht. An ihren dicken Zotteln fallen glitzernde Wassertropfen in den roten Schlamm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist das Bild das ich von meiner letzten Woche in Vimukthi behalten werde.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">6 Monate<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war 12 Monate in <a href=\"https:\/\/strassenkinder.de\/laender\/asien\/inden\/\">Indien<\/a>, und die l\u00e4ngste Zeit war ich in Vimukthi. 6 Monate war ich in hier. In meinem Blog schreibe ich &#8220;die Jungs&#8221;, aber ich wei\u00df dass &#8220;die Jungs&#8221; K, A, R, N B und so weiter hei\u00dfen. Ich wei\u00df dass K wegen den kleinsten Sachen an die Decke geht, im Affentempo beschuldigt und mit seinem Zeigefinger auf die Anderen fuchtelt- und das sein Kumpel R immer neben ihm steht und seine Art parodiert, was alle schlie\u00dflich zum Lachen bringt, auch K. Ich wei\u00df das V aus dem Slum kommt, und R auch. N B hat Angst vor seinem Onkel, weil der ihn immer geschlagen hat. Und P vermisst seine Mutter, aber sie will ihn nicht bei sich haben weil er anstrengend sein kann. Ich habe nicht nur in Vimukthi gearbeitet, sondern dort auch gelebt. Ich kenne die Jungs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ganze Woche \u00fcber habe ich mich gewundert, wieso ich nicht rumheule. Ich h\u00e4tte die Woche viel Grund zum Weinen gehabt: Drei von meinen Jungs sind in meiner Abwesenheit weg gelaufen und mein Hund in Vimukthi ist gestorben. Aber ich habe nicht geweint. Ich habe auch nicht geweint, als ich am Mittwochabend ein letztes Mal mit den Jungs im Kino im Dorf war. Ich hatte etwas dazu gesponsert, so dass wir auch mal in den bequemen Sitzen den Film schauen k\u00f6nnen und alle zwei Snacks bekommen, anstelle nur einen. An dem Abend war ich gl\u00fccklich. Ich war auch gl\u00fccklich bei meiner letzten Class, bei der alle Jungs ganz leise und and\u00e4chtig zugeh\u00f6rt haben. Ich war die ganze Woche gl\u00fccklich und habe die Zeit mit den Jungs genossen. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Farewell-Party<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Farewell war am Donnerstag Morgen, bevor ich ging. Meine Sachen waren schon gr\u00f6\u00dftenteils gepackt, mein Zimmer fast leer. Den vorherigen Abend habe ich nicht geweint. Die Feier war im Klassenzimmer, die Jungs hatten die Tafel bemalt und &#8220;Happy Farewell!&#8221;, &#8220;Safe journey!&#8221;, &#8220;Good life!&#8221; und &#8220;I love you!&#8221; geschrieben und kleine Blumen gemalt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Jungs haben viel vorbereitet. Ein selber geschriebenes Theaterst\u00fcck, ein Lied und drei eigene T\u00e4nze. Ein Junge hatte sogar eine Rede vorbereitet. Dann kamen sie alle nach einander nach vorne und sagten mir, was sie an mir mochten, an Momente die wir zusammen hatten und alles, was sie mir einfach noch so sagen wollten. Was sie mir gesagt haben, will ich f\u00fcr mich behalten, denn es geh\u00f6rt nur den Jungs und mir. Ich habe wirklich probiert die Feier nicht zu dramatisch zu nehmen, nicht theatralisch zu sein. Aber Abschiede sind nur schmerzhaft wenn man sich nie wieder sieht, und da meine Jungs am Ende ihrer Laufbahn in Navajeevan stehen, ist es m\u00f6glich, dass wenn ich in zwei Jahren vielleicht zu Besuch komme, keiner meiner Jungs noch hier sein wird. Und das dieser Abschied damit sehr wohl schmerzhaft ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als alle Jungs fertig gesprochen hatten, durfte ich mein Wort an sie richten. So gut wie ich konnte, habe ich auf Telugu gesprochen. Dass ich hier in Vimukthi gl\u00fccklich war, jeden Tag mit ihnen zu essen, und ihnen ein &#8220;Good Morning!&#8221; zu w\u00fcnschen, wenn ich ihnen das Essen austeilte. Dass ich es geliebt habe, mit ihnen im Unterricht zu scherzen und zu lachen (auch wenn ich mal streng war) und dass die Bastelstunde meine Lieblingszeit des Tages war. Dass ich sehen kann, wie aus ein paar von meinen Jungs schon junge M\u00e4nner geworden sind. Und dass ich sehr dankbar bin diese Momente und diese Zeit mit ihnen geteilt zu haben und mich das gl\u00fccklich macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber dass ich an diesem Tag auch traurig bin, weil ich in Zukunft ein paar Momente mit den Jungs verpassen werde. Ich werde nicht da sein wenn sie ihre Ausbildung geschafft haben und dann zusammen mit Navajeevan feiern. Eines Tages werden die Jungs M\u00e4nner sein, und vielleicht heiraten und eine Familie gr\u00fcnden und wer wei\u00df noch was Tolles anstellen, und ich werde nicht da sein um es mitzuerleben. Ich bin so stolz auf die Jungs, weil ich wei\u00df, dass sie noch viel weiterwachsen werden- auch wenn <strong>ich <\/strong>es nicht sehen werde. Aber Andere werden da sein, die Fathers, Mitarbeiter von Navajeevan, neue Volont\u00e4re, ihre Freunde und Familie. Ich wei\u00df, dass obwohl ich jetzt gehe, die Jungs keineswegs allein sein werden. Und dass ich ihnen viel Liebe und Segen w\u00fcnsche f\u00fcr ihre Zukunft, und sie weiterhin in meinen Gedanken und in meinen Gebeten bleiben werden. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war mir eine Ehre in Vimukthi mit diesen tollen Jungs arbeiten und leben zu d\u00fcrfen <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt weine ich endlich doch, und es ist auch nicht mehr aufzuhalten. Und es ger\u00e4t au\u00dfer Kontrolle als Durgu, der Caretaker, kommt und sich vor mich stellt. Er faltet meine H\u00e4nde wie zur Hostienausgabe, senkt dann seinen Kopf und dr\u00fcckt mir sanft einen Kuss in meine gefalteten H\u00e4nde. Ich sp\u00fcre seine warmen Lippen auf meinen Handfl\u00e4chen und seine harten Bartstoppeln an meinen Fingerspitzen. In Vimukthi gab es immer gro\u00dfe k\u00f6rperliche Distanz zwischen uns Volont\u00e4rinnen und den Jungs,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war nicht erw\u00e4rmt oder ber\u00fchrt durch diese Geste- sondern vollkommen ersch\u00fcttert. Die Jungs, einer nach dem Anderen, standen auf,  traten langsam vor mich und legten einen kleinen Kuss in meine offenen H\u00e4nde. Die Tr\u00e4nen str\u00f6mten nun unaufhaltsam \u00fcber meine Wangen, ein Junge h\u00e4lt vor mir kurz inne, l\u00e4chelt mich mit trauriger Gewissheit an und sagt leise: &#8220;Sister, please stop crying, you eyes will fall out.&#8221; Ich sp\u00fcre ihre weichen Lippen auf meinen Handfl\u00e4chen. Manche haben schon einen kleinen Bart, ihr warmer Atem auf meinem Handballen. Mein kleiner &#8220;Phillip&#8221; weint ein bisschen in meine H\u00e4nde. Ich weine ein bisschen auf seinen Kopf. Ich habe davor noch nie so ein Zeichen der Zuneigung von den Jungs erhalten, auch weil es ein bisschen gegen die Vorschriften ist. Aber jetzt gehe ich, also wen interessiert es?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Feier gehe ich in mein fast leeres Zimmer und sammele mich kurz, damit ich aufh\u00f6ren kann zu weinen. Ich packe meine letzten Sachen zusammen, schlie\u00dfe die Fensterl\u00e4den damit es nicht reinregnet und schau ein letztes Mal herum, bis ich meinen gro\u00dfen Rucksack schultere und die T\u00fcr schlie\u00dfe. Unten warten alle, ich gebe ein letztes Mal meine Telefonnummer an alle die sie haben wollen. Dann nehmen mich die Jungs an der Hand. Sie gehen mit mir gemeinsam bis an das gro\u00dfe eiserne Eingangstor von Vimukthi. Dort ein letztes Mal H\u00e4ndesch\u00fctteln, keine gro\u00dfen Worte mehr; &#8220;Good bye, Sister!&#8221;, &#8220;Safe Journey Sister!&#8221;. Und dann drehe ich mich um und gehe. Die ganze lange Stra\u00dfe an den L\u00e4ndereien von Vimukthi vorbei, bis ich das hinterste Zipfel von Vimukthi Gardens erreicht habe. Ich schaue noch einmal zur\u00fcck, die Mangob\u00e4ume wiegen sich leicht im Wind. Dann gehe ich weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Arbeit in Indien ist zum Ende gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eure Lilli<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wei\u00df nicht ganz was ich f\u00fchlen soll. In meiner letzten Woche in Vimukthi bin ich etwas stumpf geworden. Ich wusste, dass ich nur noch 4, 3, 2 Tage in Vimukthi habe und das ich meine Jungs bald nicht mehr sehen werde. 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