{"id":149,"date":"2019-01-09T11:25:28","date_gmt":"2019-01-09T10:25:28","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/lilliinindien\/?p=149"},"modified":"2019-01-09T11:25:28","modified_gmt":"2019-01-09T10:25:28","slug":"back-to-school-im-shelter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.donboscovolunteers.de\/lilliinindien\/2019\/01\/09\/back-to-school-im-shelter\/","title":{"rendered":"&#8220;Back to school&#8221; im Shelter"},"content":{"rendered":"<p>Die Morgensonne scheint uns in der kleinen, heimeligen Seitenstra\u00dfe entgegen, als wir drei M\u00e4dchen von unserem Fr\u00fchst\u00fcck wieder in die Flat zur\u00fcckkehren. Wir tragen alle ganz brav Punjabi und Chunni. Ja, sogar die Haare haben wir uns geflochten. Na gut, meine waren vor drei Tagen mal geflochten. Bevor wir jeweils uns auf zur Arbeit machen, haben wir noch eine halbe Stunde Zeit.<\/p>\n<h6>Vorbereitung auf den Tag<\/h6>\n<p>Cara und ich, manchmal auch Swaan, nutzen die Zeit f\u00fcr einen Morgenimpuls. Wir singen zum Anfang ein Lied, dann lesen wir einen Bibelausschnitt, beten frei f\u00fcr was uns grade besch\u00e4ftigt- gefolgt von einem Vater Unser- und schlie\u00dfen mit einem Lied. Ich genie\u00dfe es sehr diese Momente mit Cara zu haben, einerseits sind es einfach zehn Minuten die man sich an Zeit f\u00fcr den Anderen nimmt und gleichzeitig einen kleinen Zwischencheck macht ob alles okay ist. Au\u00dferdem sehe ich die eigeninitiierten Impulse als eine Chance an, mich jeden Tag neu auf Gott und die Lehren des Neuen Testaments zu besinnen- und diese so gut wie es mir gelingt in meinen Alltag und meine Arbeit mitzunehmen. (Kommentar zu diesem Abschnitt von Cara: &#8220;Wow, wow, wow, da h\u00f6ren wir uns ja richtig religi\u00f6s an hehehe&#8221;)<\/p>\n<h6>VERKEHRSCHAOS zur Arbeit<\/h6>\n<p>Um 9:30 schwinge ich mich also auf mein Fahrrad. Mein Herrenrad- das gar nicht mehr so viel zu hoch ist- habe ich inzwischen richtig zu lieben gelernt. Das gleiche gilt jedoch nicht f\u00fcr die anderen Verkehrsteilnehmer. Einmal ist mir ein Riksha-Geisterfahrer auf meiner Spur deutlich zu nah gekommen und der Fahrer hat auch noch gelacht. Mein erster Gedanke war ob ich schon wieder auf der falschen Stra\u00dfenseite fahre, weil der Kerl einfach auf meiner Spur blieb und weiter auf mich zufuhr. Der hat erstmal ein saftiges \u201eNi amma!\u201c bekommen. Ein \u00e4lterer Mann, der hinter mir sein Fahrrad fuhr, h\u00fcstelte erschrocken bei dem Kraftausdruck. Aber wenigstens ist die Riksha gefahren- ganz im Gegensatz zu zahlreichen anderen Fu\u00dfg\u00e4ngern, Radfahrern und Autos, die mich querkreuzen wollen aber aus lauter \u00dcberraschung erstmal anhalten und glotzen. Und voll im Weg stehen. Letztens bin ich deswegen in ein Auto reingefahren. Na ja, lieber so als anders rum\u2026<\/p>\n<h6>Das Shelter<\/h6>\n<p>Nach zehn Minuten radeln komme ich im Shelter an. Schlie\u00dfe mein Fahrrad ab und trete durch die schmale T\u00fcr in den sp\u00e4rlich beleuchteten Vorraum. Der Boden ist aus Stein, und sobald ich meine Schuhe ausgezogen habe, sp\u00fcre ich die angenehme K\u00fchle an meinen Fu\u00dfsohlen. Die Jungs begr\u00fc\u00dfen mich freudig. \u201eGood morning, boys! Subo daiam! Pagunara?\u201c (Tel. Guten Morgen! Wie geht\u00b4s?) Euphorisch watschele ich barfu\u00df durch den gro\u00dfen Hauptraum nach vorne zum White Board. Richtig Old School m\u00e4\u00dfig steht es auf einer Art Staffelei. Ich schreibe \u201eEnglish Class\u201c an. \u201eSister, no! Dancing Class!\u201c sagt einer meiner Jungs und h\u00fcpft lachend auf und ab. Da gibt es doch gar keine Diskussion, ich komme jeden Tag und zuerst gibt es Englisch und dann Mathe, aber ein Versuch ist es ja immer wert. \u201eNo thammudu (kleiner Bruder), English Class!\u201c probiere ich meinen Kollegen mit einem Zwinkern zu \u00fcberzeugen. Ein zweiter hoffnungsvoller Versuch\u2026 \u201eSleeping Class?\u201c Ich lache und dr\u00fccke ihm Buch und Stift in die Hand. Erste Stunde beginnt.<\/p>\n<h6>Englisch Unterricht<\/h6>\n<p>Ich habe vor sechs Monaten mein Abi gemacht und schon bin ich zur\u00fcck in der Schule. Na ja, so richtig Schule ist es ja nicht- die Kinder bleiben im Shelter im Regelfall nicht sehr lange und der \u201eUnterricht\u201c ist eher daf\u00fcr gedacht das sie sich an das Lernen gew\u00f6hnen und die Basics bekommen. Mit meinen Jungs ist es aber anders, weil sie schon etwas \u00e4lter sind- dementsprechend k\u00f6nnen sie schon etwas. Personalpronomen zum Beispiel. Auch wissen die Jungs viele Verben, allerdings nur im progressive (Verb+ ing; bsp. dancing, going).<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht wieso, aber die Leute benutzen hier nur diese Form des Verbs, deswegen bringe ich den Jungs present progressive und past progressive bei (i am walking, i was walking). Auch Fragestellung darf nicht fehlen. Als ich gefragt habe welche Fragew\u00f6rter die Jungs denn schon kennen, wussten sie aber leider nicht was ich meine. Aber da hilft mir mein Telugu\u2026 \u201eBoys, ekkada in english?\u201c Ein gro\u00dfes Aaaah. Jetzt sprudeln die W\u00f6rter nur so aus ihnen heraus. Ziel bei Englisch ist es f\u00fcr mich das die Jungs sich verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen- perfekte Grammatik muss es jetzt aber nicht sein. Mein bester Sch\u00fcler ist 19 und hat schon seinen Highschool Abschluss, er langweilt sich meistens in Englisch. Deswegen bekommt er von mir jede Stunde drei W\u00f6rter, die dann Schlagw\u00f6rter f\u00fcr eine Geschichte sein sollen (zum Beispiel M\u00e4dchen, Hund und Apfel). Diese schreibt er dann w\u00e4hrend der Stunde und dann korrigiere ich sie. Bei dieser Aufgabenstellung ist mein Kumpel voll mit dabei, meistens schreibt er Geschichten wie St\u00e4rkere die Schwachen besch\u00fctzen oder ihnen helfen. Immer sehr lieb zu lesen. \ud83d\ude42<\/p>\n<h6>Mathe Unterricht<\/h6>\n<p>Nach einer kleinen Pause(mit Chai) kommt Mathe. Mathe fand ich manchmal ganz cool aber ab und zu auch einfach nur \u00e4tzend, vor allem in der Oberstufe. Mit den Jungs, die \u00fcbrigens alle in meinem Alter sind, mache ich zurzeit Kopfrechnen. Mit den beiden Besten mache ich sogar einfache Fl\u00e4chenberechnung. Immer wieder finde ich aber auch Jungs, die das ein oder andere noch gar nicht k\u00f6nnen; zum Beispiel multiplizieren. \u201eOkay, eight times four- you can write it like that- or you say fourplusfourplusfourpusfloplforforppfrlorp\u2026\u201d Ich schreibe beide Varianten an und breche mir die Zunge, w\u00e4hrend die Jungs sich auf dem Boden kugeln vor Lachen. Das kleine Einmaleins ist schnell gelernt.<\/p>\n<h6>Schulschreck<\/h6>\n<p>Generell genie\u00dfe ich die Arbeit im Shelter sehr. Das Unterrichten ist so gut wie nie anstrengend, da die Jungs schon \u00e4lter sind und deswegen auch (meist) relativ konzentriert und kooperativ sind. Auch mit Autorit\u00e4t gibt es keine Probleme; ich bin nicht befehlerisch und die Jungs ermahnen sich gegenseitig wenn es einer zu weit treibt. Und im Gro\u00dfen und Ganzen probieren sie ja sowieso es mir recht zu machen- ein Prinzip der Gegenseitigkeit. Aber eine \u201ecoole\u201c Lehrerin zu sein ist echt nicht schwer, wenn man von den Jungs die Geschichten von manchen fr\u00fcheren Lehrern geh\u00f6rt hat. Kurze Anmerkung: Die folgenden Sachen beschreiben nicht das indische Schulsystem, es sind lediglich Erfahrungsberichte meiner Jungs. Ich lade an dieser Stelle meine Leser dazu ein mit Vorsicht folgende Handlungen auszuprobieren.<\/p>\n<p>\u201eSister, you teaching is different from school teaching.\u201c\u00a0 Ich verziehe das Gesicht. Klar, ich bin keine Lehrerin, ich mache hier aber immer noch relativ okayen Unterricht. \u201eNo, sister! See, in school. When two pupils not knowing answer, pupils have to do this.\u201c Er verschr\u00e4nkt seine ausgestreckten Finger mit den Fingern seines Kumpels. Ein dritter Junge dr\u00fcckt nun einh\u00e4ndig die ausgestreckten Finger der beiden Jungs zusammen. Die beiden schreien scherzhaft im Schmerz, lassen los und lachen. Mir wird \u00fcbel. \u201eSister, teacher are also taking ruler, then you have to show hands.\u201c Er zeigt beispielhaft seine Hand mit dem Handr\u00fccken nach oben und schl\u00e4gt sich dann mit der scharfen Kante eines Lineals selber auf die empfindliche Stelle der Finger direkt hinter den Handkn\u00f6cheln. \u201eAlso when children behaving bad, they stand in line and then slapping.\u201c Die Jungs erz\u00e4hlen mir noch von mehr; lachend, scherzend und schmunzelnd. Nach einer Weile bin ich ziemlich traurig. Von dem Schlagen an sich bin ich gar nicht so sehr geschockt- eher davon, dass sie diese Prozeduren als normal wahrnehmen.<\/p>\n<h6>Spiel und Spa\u00df<\/h6>\n<p>Nach dem Unterricht habe ich noch einanhalb Stunden Anwesenheit und sorge ich f\u00fcr einen kleinen Ausgleich vom vorherigen Unterrichten: ich lasse mir von den Jungs ein bisschen Telugu beibringen. Hier werde ich regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr meine Aussprache getriezt und f\u00fcr mein \u201er\u201c. Aber so habe ich wenigstens eine annehmbare Aussprache. Wenn ich genug Telugu gelernt habe, verbringen wir etwas Freizeit zusammen. Wir basteln, kn\u00fcpfen Freundschaftsb\u00e4nder, arbeiten etwas drau\u00dfen am Haus, spielen Carrum Board, quatschen oder machen laut Telugu Musik an und tanzen. Ab und zu besucht uns auch ein Sponsor und gibt uns Snacks, wie Bananen oder Geb\u00e4ck. Einmal waren wir auch alle m\u00fcde und haben einfach eine Stunde ein Nickerchen zusammen auf dem Boden gemacht- was soll ich sagen? Ich verstehe halt den Geist der Jugend\u2026 Nach drei Stunden packe ich dann zusammen und treffe mich mit Cara und Swaan in YB zum Mittagessen. Hier reden wir immer \u00fcber die erste H\u00e4lfte unseres Arbeitstages und was sonst nicht, wir finden ja immer was zum quatschen.<\/p>\n<p>Liebe Gr\u00fc\u00dfe nach Hause,<\/p>\n<p>Eure Lilli<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Morgensonne scheint uns in der kleinen, heimeligen Seitenstra\u00dfe entgegen, als wir drei M\u00e4dchen von unserem Fr\u00fchst\u00fcck wieder in die Flat zur\u00fcckkehren. Wir tragen alle ganz brav Punjabi und Chunni. Ja, sogar die Haare haben wir uns geflochten. Na gut, meine waren vor drei Tagen mal geflochten. 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