Morillo – Ein schönes, kleines, ruhiges Dorf irgendwo im Nirgendwo. Es ist der 6. Juli 2016, 17:30Uhr. Der Tag neigt sich dem Ende zu. Die Sonne hinterlässt einen wunderschönen rötlichen Himmel, bevor sie komplett verschwindet und die Dunkelheit sich breit macht. Ich stehe auf dem Basketballplatz von der großen Sportanlage des Dorfes. Wir hatten einen schönen und erfolgreichen Tag. „Kermes“ haben wir heute gemacht. Viele verschiedene Spiele bei denen man etwas Kleines gewinnen konnte. Es hat sehr viel Spaß gemacht! Am Ende gab es noch ein unterhaltsames Theaterstück von den Mitarbeitern und das „Merienda“ (dt. Vesper). Wir verteilten Saft und Popcorn an die Kinder. Nun stehe ich dort etwas abseits. Die Runde löst sich langsam auf, aber dennoch sind noch einige Kinder und auch ein paar Mütter da. In meiner rechten Hand eine kleine Tüte Popcorn, in meiner Linken die große Tüte, in der sich die Kleinen befinden. Ich bin umzingelt. Vor mir sehe ich viele kleine Hände, die sich mir entgegen strecken. Die Handflächen sind nach oben geöffnet. Sie warten ungeduldig. Sie möchten etwas. Sie kommen mir immer näher. Um die 15 Kinder im Alter von 4-13 Jahren stehen vor mir. Die Kleinsten sind barfuß und tragen schmutzige, kaputte Klamotten. Weiter hinten stehen ein paar Mütter mit ihren Babys im Arm. In ihren Gesichtern sehe ich einen flehenden, bettelnden Ausdruck. „Bitte!“ Sie haben Hunger! Ich strecke meine rechte Hand aus. Alle greifen nach der Tüte Popcorn. Eine Hand bekommt sie zufassen. Das Kind geht mit einem Lächeln im Gesicht davon. Auch alle anderen bekommen eine oder auch mehr Tüten und sie sind glücklich und dankbar. Dankbar für eine kleine Tüte Popcorn! Vor einer Woche sah ich ein paar Schüler im Pausenhof unserer Schule. Sie hatten ebenfalls Popcorn in der Hand. Das meiste davon lag auf dem Boden oder sie schmissen sich gegenseitig damit ab. Wie schade! Das Erlebnis an diesem Abend in dem schönen, kleinen, ruhigen Dorf hat mich verändert! Ich lernte auch die kleinsten Dinge wertzuschätzen, die für mich selbstverständlich waren. Wenn man Armut und Hunger direkt vor seinen eigenen Augen sieht und mitbekommt verändert einen das. Wir sollten dankbar sein für jedes kleinste Geschenk, das uns jeden Tag gemacht wird und der Großzügigkeit keine Grenzen setzen!

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Die Winterferien standen vor der Tür. Die Schüler und Lehrer haben sich schon auf die freie Zeit gefreut. Aber nicht alle haben ihre Füße hochgelegt und gechillt. Eine Gruppe bestehend aus 36 Jungs hat sich auf eine ganz besondere Zeit vorbereitet. Denn für die Gruppe „Oratorio“ ging es für eine Woche, vom 2. bis 8. Juli auf Mission in eine der ärmsten Regionen Argentiniens in das Dorf Morillo (Coronel Juan Solá) im Nordosten der Provinz Salta und wir durften sie begleiten. Etwas ähnliches erlebte ich schon im Januar in Cafayate (mehr dazu im meinem Blogeintrag „El Oratorio está en vos“). Am Samstag ging es am Morgen mit dem Bus los, sechs Stunden quer durch Salta. Das Dorf hat eine geteerte Straße, der Rest sind alles Schotterstraßen. Es gibt einen schönen Dorfplatz, eine Kirche, ein Rathaus, ein paar Schulen und eine große Sportanlage.

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Im Sommer hat es krasse heiße 40°C und im Winter 5-15°C. Dort leben um die 3.600 Einwohner, 30% der Bevölkerung gehören dem indigenen Stamm „Wichi“ an. Die Indigenen haben eine eigene Sprache, nur wenige können Spanisch sprechen und sie leben meist ziemlich abgeschottet am Rande des Dorfes. Der Kontakt zu ihnen ist ziemlich schwierig, aber es wird daran gearbeitet. Es besteht ein Austausch, der sehr wichtig ist. Vor ungefähr 25 Jahren wurde dort die Organisation „Tepeyac“ von einem Missionsehepaar gegründet. Sie unterstützen die „Wichis“, indem sie für ihre Rechte kämpfen, Klamotten und Essen spenden und ihnen handwerkliche Dinge beibringen. Es wurde dafür extra ein großes Gebäude durch Spendengelder gebaut, in dem Treffen stattfinden, Handwerkskurse angeboten werden und auch Besucher unterkommen können. Sowie auch wir. Als alle Sachen, die wir mitbrachten dort verräumt waren und wir uns eingerichtet haben, ging es zur Willkommensmesse in die Kirche. Dort wurden wir herzlich von der Jugendgruppe „Sociedad de la Alegria“ (Gemeinschaft der Freude) begrüßt. Gleich am nächsten Morgen machten wir uns bereit für einen großen Umzug durch das Dorf. Mit Verkleidungen, Musik und Farben zogen wir los, um schön viel Krach zu machen. Damit die Einwohner merken, dass eine super geniale Woche ansteht, die man auf keinen Fall verpassen darf.

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Gleich am Nachmittag ging es mit dem ersten großen Oratorium los.

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Es kamen um die 400 Kinder in die Sportanlage, wo wir jeden Tag unser Programm machten. Los ging es mit gemeinsamen Animationsspielen. Daraufhin wurden die Kinder in Altersgruppen aufgeteilt, wo dann altersangemessene Spiele gemacht wurden. Als Abschluss der Aktivitäten gab es immer noch einen Input mit einem Anspiel. Dabei wurden Probleme im Alltag angesprochen, um zu veranschaulichen, was man in der Familie ändern kann. Ebenfalls wurde ein lustiges Theaterstück für die Kinder vorgeführt. Danach gab es immer „Merienda“ (Vesper). Wir verteilten Saft, Popcorn und weitere Süßigkeiten an alle.

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Während der Woche hatten wir immer ungefähr denselben Ablauf. Am Morgen machten wir Hausbesuche, um mit den Leuten des Dorfes ins Gespräch zu kommen und sie kennenzulernen. Wir beteten mit ihnen und segneten ihre Häuser. Es war immer sehr interessant und bewegend, was sie uns so erzählten. Außerdem bemalten wir eine Kirchenwand mit einem schönen Motiv.

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Ich gab euch eine Freude, die keiner euch wegnehmen kann.

Ich werde euch eine Freude geben, die euch keiner wegnehmen kann.

 

Am Nachmittag veranstalteten wir immer unser Oratorium mit vielen Spielen, Spaß und Freude. Natürlich hatten wir auch besondere Aktivitäten geplant. Wie schon die oben erwähnte „Kermes“…

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…und auch „Show de Talentos“. Das war ein Spektakel! Es gab alle möglichen Darbietungen. Sologesang von kleinen Mädchen, nicen Tanz von unseren Oratorium-Jungs, eine Hip-Hop Gruppe vom Dorf zeigt ihr Bestes und eine riesen große Folkloregruppe schwebte über die Bühne. Folkore ist dort sehr wichtig. Die Dorfeigene Tanzgruppe hat um die 60 Mitglieder in jedem Alter. Sie haben schon an einigen Wettkämpfen in Argentinien teilgenommen. Die Gruppe ist sehr erfolgreich und sehr gut! Es ist unglaublich, mit wie viel Leidenschaft und Spaß sie tanzen. Begleitet wurden sie von einer Folkoreband des Dorfes und auch von unseren Jungs gibt ein paar, die in einer erfolgreichen Band spielen und sie gaben natürlich auch ihr Bestes. Danach gab es eine offene Tanzrunde, wo jeder sein Tanzbein zu „Chacarera“ oder „Samba“, das sind verschiedene Folklorestile, schwingen konnte.

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Am Donnerstag haben wir ein großes sportliches Turnier veranstaltet. Es gab ein Fußballturnier für jüngere und ältere Jungs und ein Volleyballturnier auch für Mädels. Das Niveau bei beiden Sportarten war sehr hoch. Auch die Volleyballmannschaft ist in der Provinz Salta sehr erfolgreich.

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Nach wunderbaren, einzigartigen Tagen, neigte sich unsere Mission auch schon dem Ende zu. Am Freitagabend wurden wir noch alle sehr herzlich von den Jugendlichen mit einer kleinen Feier verabschiedet. Wir haben sie und sie haben uns sehr lieb gewonnen. So ging es am Samstagmorgen wieder zurück nach Salta. Es war eine unvergessliche Woche mit interessanten, schönen und bewegenden Momenten! Wir konnten die Situation im Dorf nicht ändern, aber den Bewohnern und vor allem den Jugendlichen Hoffnung und Zuversicht schenken. Die Jugendgruppe dort ist noch ziemlich neu, somit konnten sie hoffentlich viel von uns lernen und neu durchstarten! Nicht nur wir konnten ihnen etwas geben, auch wir haben viel dazu gelernt. Es waren wunderbare Tage!

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In der zweiten Ferienwoche ging es für Fabian und mich ein bisschen auf Reisen. Unser erster Halt war die Stadt Córdoba. Eine sehr schöne Stadt, die von vielen Studenten geprägt ist. Von dort aus machten wir einen Ausflug in den Erholungsort Villa Carlos Paz und auch in den Nationalpark der Kondore, wo wir die imposanten Vögel beobachteten.

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Nach ein paar Tagen ging es weiter in die Stadt Mendoza, die ungefähr 200 km von der chilenischen Grenze entfernt liegt. Die Region ist weltbekannt für ihren Weinanbau und natürlich durfte dort eine Weinprobe in der Hauseigenen Bodega der Salesianer Don Bosco nicht fehlen. Ebenfalls machten wir einen Ausflug in die Anden rein. Denn wir wollten den höchsten Berg Amerikas sehen, den Aconcagua mit einer Höhe von 6926 Metern. Aber dazu kam es nicht, denn es war zu neblig und es lag zu viel Schnee. An diesem Pass, der nach Chile führt gibt es auch ein kleines Skigebiet. Da wir beide begeisterte Skifahrer sind und es verrückt wäre im Juli in Argentinien auch noch Ski zu fahren, machten wir das auch gleich. Wir liehen uns die Ausrüstung aus und ab ging es auf die Piste. Es war so verrückt und so cool! Hat super viel Spaß gemacht!

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Weiter ging es von Mendoza nach San Ambrosio, zurück in die Provinz Córdoba. Dort gibt es eine salesianische Landwirtschaftsschule mitten auf dem Land. Sie ist 5.000 Hektar groß und hat alles was man zum Leben braucht. Mais-,Getreidefelder, Kühe, Stiere, Schweine, Käse-und Dulce de Leche Herstellung, eine Imkerei und natürlich Pferde. Die wir auch gleich genutzt haben für einen Ausritt. War das cool! Wir sind über das ganze Gelände geritten und haben uns bedeutende Gebäude angeschaut. Denn dort auf dem Gelände stehen viele schöne Bauten, die von den Gründern des Landgutes gebaut wurden, wie zum Beispiel ein Palast, eine kleine gotische Kirche, Aussichtsturm, Schwimmbad, chinesische Brücke und ein Teehaus. Im Jahr 1950 wurde das Grundstück an die Salesianer übergeben, die eine Schule dazu bauten. Es ist ein wunderschöner ruhiger Ort.

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Unser letzter Stopp war dann noch das Dorf Los Cóndores. Unser ehemaliger Direktor Padre Andrés hat uns zu sich in sein Elternhaus eingeladen, damit wir, bevor wir wieder zurück nach Deutschland gehen, ein paar schöne Tage zusammen verbringen können. Dort lernten wir neben seinen Eltern auch seine Brüder und deren Kindern kennen. In Argentinien gibt es ein Dorf, in dem sich viele deutsche Auswanderer niedergelassen haben und wo bis heute das weltbekannte Oktoberfest nachgefeiert wird. Genau in dieses Dorf Villa General Belgrano machten wir einen Ausflug zusammen. Es ist schon ein bisschen verrückt. Natürlich ist alles super touristisch, die Häuser sind im Fachwerkstil gebaut, es gibt deutsche Hinweisschilder mit spanischer Erklärung. Aber noch schöner ist das kleine Dorf La Cumbrecita. Die Häuser liegen an einem Berg, die alle im Alpenstil gebaut wurden, was ziemlich echt aussieht. Auch der Wald riecht nach deutschem Nadelwald. Es war ein sehr interessanter und schöner Ausflug, um schon mal ein bisschen Heimat vor zu schnuppern.

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Nach den vielen tollen Erlebnissen an vielen verschiedenen Orten ging es wieder zurück nach Salta „la Linda“.

In Salta werden wir noch bis zum 17. August bleiben, um dann unsere Heimreise zurück nach Deutschland anzutreten, wo wir am 20. August ankommen werden.

Somit bleiben noch gute zwei Wochen, die ich noch voll mit allen Schülern, Freunden und den Salesianern ausnutzen und genießen möchte.

 

Hasta Pronto!