„Happy Diwali!“ Diesen Ruf habe ich am 6. November den ganzen Tag über gehört und auch selbst gerufen. Diwali ist eines der größten hinduistischen Feste im Jahr, welches in Indien mittlerweile von allen Religionen gefeiert wird. Die Kernaussage des Festes finde ich sehr schön: Der Sieg des Guten über das Böse, der Wahrheit über die Lüge, des Lichts über den Schatten und des Lebens über den Tod.

Die laute indische Musik, die aus der Box dröhnt, bereitet mir schon am Morgen gute Laune. Heute ziehen Sara und ich uns einen traditionell indischen Sari an, den wir uns extra gekauft haben. Da es echt nicht einfach ist, den fünf Meter langen Stoff umzuwickeln, hilft uns zum Glück unsere Köchin dabei. Wow. Jetzt sehen wir richtig indisch aus. Darauf folgt natürlich erst mal ein kleines Fotoshooting. Als wir fertig sind und runter zum Sportplatz zu den Jungs gehen, staunen sie nicht schlecht als sie uns sehen. Wir bekommen von vielen „super“ zugerufen. Ein paar einzelne Jungs sagen auch ganz ehrlich, dass es ihnen nicht gefällt. Ja, so sind die Inder, aber das finde ich cool. Einfach gerade heraus sagen, wie man es findet und nichts „vorspielen“. Dafür wissen wir, dass die Mehrheit, die es „super“ findet es auch Ernst meint.

Nach den Games bekommen auch die Jungs ihre gesponserten neuen Hemden. Dann startet das sogenannte „oil bath“. Man kann es sich vorstellen wie eine Schaumparty, nur mit Öl. Alle Jungs haben sich oberkörperfrei die Haare und den Körper mit Öl eingerieben, sich gegenseitig massiert und sogar das Öl in die Augen und Ohren fließen lassen. Es soll in der indischen Kultur den Körper kühlen. Ein sehr fröhlicher und lustiger Anblick.

Die Jungs gehen sich waschen und danach gibt’s nochmal ein großes Fotoshooting. Einzelbilder, Gruppenbilder, es können gar nicht genug sein. Schon gibt es Mittagessen, Sara und ich ziehen uns wieder um, da es echt heiß wurde im Sari, und danach geht’s auf einen Spaziergang mit allen 80 Kindern. Einer der Jungs nimmt meine Hand und wir laufen zuerst durch unser schönes Dorf und die wunderschöne grüne Landschaft. An der Hauptstraße angekommen, geht’s am Rand der viel befahrenen Straße entlang. Ich sehe die „Häuser“ neben der Straße, hier war ich noch nie. Alles ist so klein, so schmutzig, so runtergekommen. Meist nur ein Raum für eine Familie ohne Tür. Ob man das als Slum bezeichnen kann? Die Menschen starren mich an, ich fühle mich etwas unwohl. Eine Frau winkt mich zu sich heran, doch wir gehen weiter.

Nach circa einer Stunde kommen wir an einem Tempel an. Schuhe ausziehen und rein. Sara und ich dürfen in den selben Raum, in dem die Gottesstatue steht, sollen davor den Boden küssen und die Flamme der Kerze berühren. So haben wir das zumindest verstanden, als es uns ein Mann auf Tamil erklärt und vormacht. Die Jungs dürfen nur von draußen beten. Die Deckenbemalungen im Tempel sind faszinierend. Als wir alles angeschaut haben, setzt sich jeder auf den Boden und es gibt Snacks. Die Pappteller werden danach draußen in eine Ecke auf den Boden geschmissen. Es wundert mich schon gar nicht mehr, Mülleimer sind hier meist nicht aufzufinden, für die Menschen ist es normal den Müll irgendwo auf den Boden zu werfen.

Wir gehen zurück. Die Hauptstraße entlang. Ein paar Meter vor uns sitzt/ kniet ein Mann halb auf dem Boden. Ich frage mich was er tut und beim vorbei gehen realisiere ich, dass er sein Geschäft verrichtet. Ja einfach so auf dem Gehsteig neben der Straße. Die Jungs interessiert das nicht groß. Ich schaue schnell weg, bin angewidert, etwas geschockt und gehe weiter. Als wir wieder Richtung Dorf einbiegen, ist die Luft wieder so schön rein, die Landschaft so grün und ich fühle mich wohl. Ich war eben schon immer ein Dorfkind. Am Ende tun uns alle die Füße weh und wir kommen erschöpft im Care Home an.

Nach einer kurzen Pause startet das Abendprogramm. Die Jungs führen einstudierte Tänze und Theaterspiele auf. Nun geht’s auch schon auf den Sportplatz, es wird laute Musik aufgedreht. Und dann geht’s los. Peng Peng. Die Böller knallen, die Leuchtkreisel surren, die Wunderkerzen leuchten und die Raketen schießen in die Luft. Ja, es ist das Fest der Lichter. Im ganzen Innenhof wurden zudem Teelichter aufgestellt. Alles ist beleuchtet und wunderschön.

Nach einem langen, anstrengenden, wunderschönem Diwali geht’s dann nach einem späten Abendessen todmüde ins Bett. Der Tag kam mir vor wie Weihnachten und Silvester gemeinsam und es war wirklich schön, diesen besonderen Feiertag in Indien mit einigen neuen Eindrücken erleben zu dürfen.