Da bin ich wieder- etwas verspätet, aber wieder da!

Wer gerne wissen möchte, was es mit unsern kleinen Superhelden auf sich hat, muss sich erstmal durch einen Monat Weihanchten und einen Monat sonstiger Feiern durcharbeiten- also los geht’s!

Die Weihnachtszeit war wirklich ereignisreich, ziemlich stressig aber vor allem sehr schön! Bei 30 Grad, Sonnenschein und Wasserschlachten kommt zwar nicht wirklich die deutsche Weihnachtsstimmung auf, aber dafür ist es mindestens genauso trubelig: Die Adventssonntage werden gefeiert, Weihnachtssingen finden statt und es wird gewichtelt. Deswegen versuche ich zumindest ein paar der Erlebnisse festzuhalten:

Zu Weihnachten durfte sich jeder Junge zwei Dinge wünschen. Dafür haben wir einen „Wishes tree“ aufgebaut, also einen geschmückten Plastiktannenbaum, an den die Jungs ihre Wunschzettel hängen konnten. Danach haben wir die Zettel zusammen ausgewertet und unserer Ehrenamtler hat sich daran gemacht all die vielen Uhren, Rucksäcke, Schuhe und so weiter zusammen mit unserem einen Brother zu kaufen. Neben den materiellen Wünschen gab es einige Jungen, die wirklich besonders süße Wünsche hatten. So haben sich zwei unserer kleinen Subjuniors gute Gesundheit für ihre Mütter gewünscht. Einer der Zwölftklässler schrieb außerdem auf seinen Wunschzettel, er wünsche sich nichts und dass man stattdessen das Geld der Kirche spenden solle…

Für Jan und mich stand in der Weihnachtszeit neben dem alltäglichen Weihnachtsprogramm noch einiges anderes an. Wir haben eine ziemlich große Krippe gebaut, zwei Videos (eins über unser Jungen- und Mädchenheim) gemacht und zusammen mit unseren zwei Holländerinnen einen Tanz für die Weihnachtsfeier vorbereitet.

Weihnachten selbst wurde dann auch gleich drei mal gefeiert – wozu nur einmal, wenn‘ s so viel zu feiern gibt?! Das erste Mal wurde mit allen Mitarbeitern aus dem Office, das zweite Mal mit den Jungs und Mädchen und das dritte mal nur mit den Salesianern gefeiert.

Da die Ferien schon am 22.12. begonnen haben, wurde die Weihnachtsfeier mit den Kindern vorgezogen, sodass alle Kinder dabei sein konnten. Dafür wurde ein großes Programm vorbereitet, bei dem wir dann finally unseren Tanz vorführen konnten. Ich muss schon sagen, ich bin schwerst neidisch auf die Tanzkünste unserer Jungs: Die proben eine Stunde an einem Tanz und legen dann eine top Performance hin… bei uns hat die Vorbereitung schon einen Monat vorher angefangen und puhhh… das war ’ne Menge Arbeit! Letztlich hat aber alles einigermaßen gut geklappt und wir hatten einen schönen Abend.

Mit den Salesianern und den Mitarbeitern wurden Wichtelgeschenke ausgetauscht, verschiedene Spiele gespielt und danach ordentlich gegessen.

Jetzt wo ich es mir so überlege, haben wir eigentlich sogar vier mal gefeiert… man kommt eben bei der ganzen Feierei durcheinander… Das vierte Mal war nämlich an Heiligabend selbst. Nach einem schönem Abendessen gingen alle schlafen, weil wir später in die Mitternachtsmesse gehen wollten und natürlich noch reichlich Energie für die anstehende Feierei gesammelt werden musste. Jan, die zwei Holländerinnen und ich haben uns zusammen gesetzt, Geschenke ausgetauscht und weihnachtliche Musik gehört, was wirklich schön war. Dann ging es zur Weihnachtsmesse, zu der wir mit allen Waisenjungen, die als einzige in den Ferien zuhause bleiben, durch die Nacht gelaufen sind. Ich hatte mir schon fast gedacht, dass die Weihnachtsmesse wohl etwas anders sein würde, als in Deutschland… Trotzdem hatte ich nicht damit gerechnet, eine Art Kirmes vorzufinden: Alles war mit bunten Lichtern geschmückt, verschiedene Zelte waren aufgebaut und es war rappel voll. So konnten wir uns grade noch einen Platz im Schneidersitz auf dem Vorplatz der Kirche ergattern, auf dem verschiedene Bildschirme zur Übertragung der Messe aufgebaut waren. Es stellte sich auch nach kurzer Zeit heraus, dass sich hinter der Plane, an der wir saßen, eine riesige Krippe mit lebendigen Schafen befand… bei den ersten „Määähs“ waren wir schon etwas verwirrt, bis wir dann durch ein kleines Loch die riesige, später offenbarte Krippe sehen konnten.

Nach einer also recht lauten und lebhaften Messe ging es auf den Heimweg. Zuhause angekommen ging die eigentliche Feier dann erst los: Unsere riesige Musikbox wurde im Innenhof aufgebaut und es wurde ausgelassen bei lauter Musik bis fast 4 Uhr nachts getanzt! Das hat wie immer sehr viel Spaß gemacht und es war eine richtig gute Stimmung!

Nach den Weihnachtstagen konnten wir noch ein paar Ferientage mit unseren Jungs verbringen bis wir uns auf die Reise nach Pune und Goa für ein bisschen Ferien gemacht haben – das war nach mehr als einem Monat Vorbereitung und Feierei auch dringend notwendig, so schön das Ganze auch war.

 

Nach der Weihnachtszeit ging es gleich mit einem ereignisreichen Januar weiter: Zunächst stand Pongal an, das in unserem Bundesstaat Tamil Nadu das größte Fest im Jahr ist. Bei diesem Erntefest hatten die Jungs gleich 6 Tage wieder frei. Dabei haben wir zwei Mal die traditionelle Pongalfeier im Jungsheim mit Mitgliedern einer Partei und im Mädchenheim mit allen Mitarbeitern gefeiert, was sich ungefähr so abspielte: Es wurde auf einem Feuer in einem Tontopf Pongal (vergleichbar mit Milchreis) gekocht, was salzig oder süß mit Rosinen und Nüssen zubereitet werden kann. Daraufhin versuchten verschiedene Kandidaten mit verbundenen Augen einen Tontopf, der von einer Konstruktion aus Stäben hing, mit einem weiteren Stab zu zerschlagen. In dem zu zerschlagenden Tontopf können sich Wasser, Süßigkeiten oder zum Beispiel Blumen befinden. Ein weiteres großes Highlight ist es, Zuckerrohr zu essen. Wenn man noch nie richtiges Zuckerrohr gesehen hat, dann ist das Ganze am Anfang noch etwas verwirrend: Man hat einen von Außen steinharten Stock vor sich, den man essen soll… Wenn man dann aber einmal herausgefunden hat, wie man am besten mit den Zähnen die Schale abzieht und rein gebissen hat, merkt man schnell, dass der äußerliche Schein trügt: Zuckerrohr ist extrem saftig! Wenn man also einen Bissen nimmt, hat man den ganzen Mund voll mit einer Art Zuckerwasser, sodass am Ende nur noch eine faserige Masse übrig bleibt, die man ausspucken muss. Man kann sich vorstellen wie unser Vorplatz mit mehr als 60 Zuckerrohr spuckenden Jungs aussah…

Danach gab es noch eine Pareivorführung (ein traditioneller Trommeltanz in Tamil Nadu) unserer Jungs. Daraufhin wurde Kabbadi (ein sehr beliebtes Spiel) und weitere Spiele wie Tauziehen oder Reise nach Jerusalem gespielt. Letzteres war wirklich sehr witzig, weil die zwei Holländerinnen und ich mit den restlichen Frauen (die nebenbei im Sari um die Stühle gerannt sind, also nicht zu unterschätzen) um die wenigen Stühle konkurrieren mussten. Bei den zwei Holländerinnen hatte ich natürlich absoluten Spaß daran mit allen Mitteln um den Stuhl zu kämpfen… als ich dann aber letztlich mit einer älteren Dame als letzte übrig war, hab ich mich dann doch zurückgehalten…

 

Der Dezember und Januar waren als rundum eine lebhafte und ereignisreiche Zeit, in der wir lauter verschiedene indische Feierlichkeiten kennenlernen konnten.

 

So jetzt kommt eine kleine Alltagsgeschichte, an der Jan und ich eine Menge zu lachen hatten.

Aaalso: Das Ganze fängt damit an, dass wir unsere kleinen Jungs zur Schule gebracht haben wie jeden Morgen. Dabei laufen die meisten Jungs fröhlich schnatternd vor uns während ein paar bei uns an der Hand laufen und uns voll plappern. Abgesehen davon dass man zu dieser Uhrzeit meistens noch nicht vollkommen aufnahmefähig ist, ist es generell schon eine ganz schöne Übersetzungsleistung das Englisch bzw. halbe Tamil zu verstehen. An diesem Morgen lief also einer der kleinsten an meiner Hand und erzählte mir irgendetwas… So lief die ganze Unterhaltung auf diesen höchst rätselhaften Satz hinaus: „My Aluk!“, der daraufhin in Dauerschleife wiederholt wurde. Also habe ich mich natürlich ans Enträtseln dieser mysteriösen Botschaft gemacht: Das irreführende „my“ soll kaum Besitz anzeigen, sondern wird von unseren Jungs vielmehr standardmäßig als „I am“ benutzt. Somit war der erste Teil des Rätsels schon mal ein Klacks zu lösen, wohingegen der zweite Teil mich ordentlich zum Grübeln gebracht hat… als ich mich also mehrfach erkundigte „ What’s Aluk?“ wandte sich unser kleiner Freund an einen der anderen Jungen und schilderte ihm die Situation. Daraufhin bekam ich die pantomimische Darstellung von „Aluk“zu sehen, bei der der zweite kleine Junge sich vor mir aufbaute und seine Muskeln spielen ließ… Mhh damit war ich der Lösung auf jeden Fall schon näher gekommen, aaber das Feld war immer noch ziemlich weit. Auf mein fragendes „fighting?“ (man muss seinen Wortschatz schließlich auf prägnante Wörter beschränken, wenn man das Standard-Yes vermeiden will…) bekam ich einstimmige, energische Zustimmung. Leider erschloss sich mir die Bedeutung immer noch nicht bis ich von einem der Jungs ein halblautes „Hulk“ hörte… Ahh, damit war der Groschen endlich gefallen: „My Aluk!“ sollte „I am Hulk!“ heißen, was Jan und mich sehr zum Lachen gebracht hat. Wer jetzt natürlich Hulk nicht kennt, fragt sich wahrscheinlich, wo der Witz der ganzen Sache ist… (Wer ihn kennt und es nicht so zum Lachen findet, kann ja einfach so tun ;)) Deswegen jetzt einmal eine kurze Erklärung für alle, die Hulk nicht kennen: Hulk ist ein ziemlich bekannter Superheld, der sehr groß, muskelbepackt, nebenbei grün und extrem stark ist.

Wahrscheinlich kann man die Situation nicht ganz nachvollziehen, aber es war einfach zu witzig ein energisches „My Aluk!“ im Ohr zu haben, während ein zehnjähriger vor einem seine Muskeln spielen lässt und man selbst absolut keine Ahnung hat, welche Botschaft einem gerade vermittelt werden soll.

Teil zwei dieser zumindest für uns ziemlich witzigen Geschichte beschäftigt sich mit Jans Glanzleistungen als Psychologen.

In den folgenden Tagen haben Jan und ich unseren kleinen Freund liebend gerne bei seinem neuen Spitznamen „Aluk“ gerufen und ihn vielleicht ein klitzekleines bisschen damit aufgezogen (nehmt’s uns nicht übel, aber wir haben schließlich eine Geschwisterposition bei den Jungs und die bevollmächtigt uns ganz klar sie ein bisschen abzuhärten ;)). Auf jeden Fall fand unser kleiner Freund die ganze Sache nicht sooo witzig und hat unseren neuen Spitznamen vehement mit einem „No Aluk, my Hulk!“ abgelehnt. Ich weiß gar nicht, warum er jetzt plötzlich doch Hulk und nicht mehr Aluk sein wollte… Naja, Jan hat sich natürlich schnellstmöglich an die Erhaltung unseren neu erstandenen Spitznamens gemacht und sich meisterhaft der Methoden der umgekehrten Psychologie bedient: Dafür erklärte er unserem kleinen Freund anschaulich, dass Hulk soooo klein sei (dabei einen Fingerbreit zeigend) und Aluk sooooo groß (die Hände weit auseinander reißend) und sowieso viel stärker und besser sei. Wir hätten es beide nie für möglich gehalten, aber kurz darauf kam von unserem Freund nur noch stolz „My Aluuuk!“ und unser Spitzname war gerettet.

Dieses geschickte Manöver hat mir dann doch über einige Situationen aus meiner Kindheit die Augen geöffnet… Womöglich war ich vielleicht doch nicht soooo toll im Bälle sammeln… da muss ich wohl definitiv nochmal mit einigen Familienmitgliedern ein Hühnchen rupfen…

Vielleicht fragt man sich, wie ich über dieses kleine Erlebnis genauso viel wie über die Weihnachtszeit schreiben kann. Tja, das ist vielleicht genau der Punkt; dass gerade diese kleinen Erlebnisse jeden Tag spannend und vor allem sehr witzig machen, sodass ich mich darin total verlieren kann.

Sooo, das war’s dann jetzt auch erst mal; mehr als die Hälfte meines Jahres ist schon rum und gefühlt geht es schon recht bald wieder zurück nach Deutschland…

Ich melde mich, wenn alles klappt, bald wieder! Bis dahin!