Henriette in Benin

Komm mit mir ins Abenteuerland

Eine rote Birne für ganz Cotonou

Irgendetwas hatte mich die letzten Tage geritten, sodass ich entschlossen habe, mich und meine Freundin Clèmentine beim Cross-Country DON BOSCO einzuschreiben. Ein acht Kilometer langer DON BOSCO Lauf durch Cotonou. Für 500 Franc (ca. 76 Cent) habe ich mich zwei Tage vorher angemeldet. Einige Tatas hatten mich schon angesprochen, ob ich denn nicht mitlaufe, sie würden auch mitlaufen. Auch die Schwestern seien mit von der Partie. Also dann, so wild kann das ja nicht sein und wenn alle Welt dabei ist, bin ich auch dabei.

Am Abend vorher frage ich dann die Schwestern, wann es am nächsten Tag losgeht. „Ach, ich bin zu müde, die Woche war so hart.“ „Irgendwas stimmt mit meinem Fuss nicht, ich kann nicht mitlaufen.“ „Ne, dieses Jahr nicht, aber schau das du gewinnst, wir zählen auf dich!“ Aha, soviel zu die Schwestern sind mit von der Partie.

So steige ich am nächsten Tag alleine um 5:45 Uhr auf das Mototaxi und düse durch die noch schlafende Stadt, zu der Kirche in Saint Michel. Hier treffe ich mich mit Clèmentine, um dann gemeinsam mit ihr, zum Ministerium für Sport zu fahren. Treffpunkt an der Kirche war 6 Uhr ausgemacht. Als dann um 6:15 Uhr immer noch keine Clèmentine zu sehen ist, rufe ich sie an. „Oui, oui Henriette, je suis entraine.“ Und aufgelegt. Mhm, das kann so gut wie alles heißen: ich bin dabei aufzustehen, meine Schuhe anzuziehen, ich bin auf dem Weg, ich geh gleich los… naja, nun gut, dann warte ich noch. Ist ja nicht so, dass der Lauf um 6:30 Uhr beginnt.

Um 6:35 Uhr kommt sie dann endlich um die Ecke geschossen, wir steigen auf das nächste Moto und ab geht die Post zum Ministerium. Dort angekommen, wird mir klar, dass ich es auch hier mit dem afrikanischen Zeit Management zu tun bekomme. DOUCEMENT.

Langsam wird es hell und so kann ich die Teilnehmer auch mal betrachten. Alles Jugendliche die verdammt sportlich aussehen. Keine Tatas, keine Fofos, keine Leute die hier zum Witz teilnehmen. Von Wegen, alle Welt macht da mit und es geht hier nur um den Spaß.

Als sich dann auch noch einige meinen, Warm laufen zu müssen, bekommen Clem und ich es mit der Angst zu tun.
Aber eingeschrieben ist eingeschrieben. Kurz darauf bekommen wir auch unsere Startnummern.

Eyaaa! Es kann losgehen!


So gegen 7:15 Uhr stellen wir uns langsam in Startposition. Bevor es losgeht, bespreche ich mit Clem noch die Taktik. Langsam anfangen, dass wir das Tempo halten können. Die werden alle zu schnell losrennen und wir holen sie dann nach und nach ein.

Um 7:25 Uhr geht das Rennen dann auch los und die Gruppe sprintet davon, schneller als Clem und ich schauen können. So bilden wir von Minute eins an das Schlusslicht.
Nach fünf Minuten sehen wir nicht mal mehr Leute vor uns. Mhm, ob wir sie je wieder sehen werden?

Die Straßen sind eigentlich für den Lauf gesperrt und werden sobald alle Läufer durch sind, wieder frei gegeben. Irgendwie sind wir zwei aber wohl so langsam, dass die Straßensperrung vor uns aufgehoben wird und wir im Verkehr laufen müssen. Geschützt von einem Moto, das neben uns her fährt.
Wir laufen und laufen und laufen. Und trotzdem sehen wir niemandem vor uns. Auf dem Weg sind mehrere Wasserstationen aufgebaut, erst bei der dritten greife ich zu. Langsam werden unsere Muskeln müde und unser Tempo zu halten fällt uns schwer.

Die Situation hat neben den Qualen aber auch was lustiges. Da wir das Schlusslicht bilden, baut sich jede Wasserstation nach uns ab und überholt uns dann per Moped. Sie schreien uns noch ein nettes „Courage“ hinterher. Ja pfff Courage, Courage. So langsam frage ich mich wirklich: „Wieso um alles in der Welt meinte ich, mich hierfür anmelden zu müssen?“

Mein Gesichtsfarbe hat so langsam ihren Höhepunkt erreicht und von den Leuten auf der Strasse werde ich verwirrt angestarrt. Sie schreien auch gar nicht Yovo, Yovo. Bei einer so roten Birne bleibt ihnen wohl das Wort im Hals stecken.

Irgendwann muss ich dann doch eine Laufpause einlegen und so verabschiedet sich Clem von mir und rennt voraus.

Nun rennt also der rote Kopf ganz alleine durch die größte Stadt Benins. Das Moped, das mich vom Verkehr schützt düst auch irgendwann an mir vorbei. Ab jetzt fährt ein Krankenwagen hinter mir her. Auch bei jeder Wasserstation werde ich von Mitarbeitern des Roten Kreuzes gefragt, ob mit mir alles in Ordnung sei.

Courage, Courage!

Manomann, was macht sich dieser Yovo da heute wieder zum Affen. Viele legen ihre Arbeit nieder und schauen verwundert dieser roten Birne hinterher, die vom Krankenwagen begleitet wird – ja ich glaub ja selber auch, dass ich ein merkwürdiges und sehr amüsantes Bild ablege. Halb schmunzelnd, halb heulend schleppe ich mich dahin. Die Sonne kommt jetzt auch noch dazu. Na Bravo.

WANN KOMMT ENDLICH DIESES BESCHEUERTE ZIEL??????

Endlich bekommt mir die Umgebung bekannt vor und ich weiß, es ist nicht mehr weit. Clem läuft gute hundert Meter vor mir und biegt in die Zielgerade ein.
Und da, an der Zielgerade, sehe ich endlich eine Tata aus dem Maison de l’Espérance. Pff, von wegen „ich hab mich eingeschrieben“. Steht da und macht eine Strichliste, wer alles vorbeigerannt ist. Jaja, das hätte ich auch machen können. Im Ziel werde ich schon sehensüchtig von Lea erwartet und endliiccchhh überschreite ich auch die Ziellinie. Geschafft.

Die letzten Schritte…

Mit vollem Stolz kann ich sagen: „Heute wurde ich erste von Hinten!“

Bei der Preisverleihung wurden die Zeiten der Erstplazierten genannt: der schnellste männliche Teilnehmer hat 23.11 Minuten gebraucht, das schnellste Mädchen 34.32 Minuten.

Siegerehrung. Sogar die erste von Hinten hat einen Saft bekommen 😉


Respekt, Respekt. Ich bin nach knappen 50 Minuten ins Ziel eingetrudelt und bin damit eigentlich recht zufrieden.
Den Afrikanern alle Achtung, ich hab sie wirklich unterschätzt und dachte, ich würde mit meiner Theorie vom Anfang richtig liegen.

Aber hey, dabei sein ist alles und immerhin gab es dann heute was für die Beniner zum gucken.
Eine rote Birne, wie sie Cotonou noch nie gesehen hat.

Dabei sein ist alles!

* Namen wurden geändert

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  1. Avatar

    Elke Müller

    Ich kann mich vor Lachen kaum halten: Danke für diesen Morgengruß.
    Saustolz bin ich auf meine rote Birne. Du hast echt Biss.
    Mit rotem Meggel vom Tränenlachen umarmt dich deine Elkemama

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    Martina Hasenzahl

    Hey Henriette,
    meine Männer haben sofort ausgerechnet, dass Du eine Kilometerdurchgangszeit von 6.15 min/ km hattest .Das ist richtig gut!!!!
    Unglaublich , wie schnell die Sieger waren!
    Und ich bin tief beeindruckt von Deinem Biss!!!
    Also nicht nur beim Oboe Spielen, sondern auch beim Laufen 😉
    Du bist eigentlich nicht aufzuhalten!
    Sei umarmt von Tante Hasi

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      Henriette Müller

      Gell, eigentlich war ich gar nicht so eine Schnecke.
      Hihi, es freut mich immer sehr wie die ganze Family meinen Blog verfolgt, das macht einfach bei so lieben Kommentaren immer noch mehr Spaß einen Blog hochzuladen.
      Ja und vor den Afrikanern habe ich den größten Respekt!
      Seit gegrüßt liebe Familie Hasenzahl!

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    Vroni Schlosser

    Hahaha Henriette, es muss doch jedes Jahr eine Yowo geben, die letzte wird. Vor 4 Jahren war das ich und ich habe einfach fast den gleichen Eintrag geschrieben 🙂

    Schön, dass die Tradition erhält und das rote Kreuz wegen uns dann auch was zu tun hat:)
    Ganz liebe Grüße an alle

    Vroni

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      Henriette Müller

      Ach schön von dir zu hören. Lustige Geschichte dazu: die Schwestern hatten mir erzählt, dass du mitgemacht hattest und sogar gewonnen hast. Ich hab während des Rennens viel an dich gedacht und mich wirklich gefragt, wie du das geschafft hast. Aber geglaubt habe ich das!! Haha, aber ist schön zu hören, dass es dir genauso ging!
      Die besten Grüße aus Cotonou

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      Vroni

      Haha Henriette: kleine Verwirrung: meine Nachfolgerin Vroni hat gewonnen, Die Schwestern haben also keinen Schmarrn erzählt, frag mich aber bitte auch nicht wie sie das geschafft hat 😀

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