Helena in Ghana

Mein Don Bosco Freiwilligendienst

Die Tüte in der Tüte eingetütet

Und jetzt heißt es auspacken…

Es ist Mittwoch, Markttag in Sunyani! So ziemlich jeder, der etwas aus der Stadt braucht macht sich mittwochs auf den Weg zum Markt. Denn auf dem Wednesdaymarket gibt es alles zu kaufen. Von der Zwiebel bis zur Unterhose, wirklich alles!

Am frühen Vormittag spaziere ich also los, den knappen Kilometer zur Kreuzung, wo mich ein altes Taxi auffängt, das in Deutschland gewiss keinen TÜV mehr erhalten hatte. „Sharing Sunyani?“, frage ich. Scheint so. Ich setze mich hinein und wir fahren mit der schnurrenden Klapperkiste los. Auf dem Weg sammeln wir jeden an der Straße stehenden auf, stoppen überall, wo jemand das Taxi verlassen will. Nichts mit Bus, hier in Odumase werden Taxis geteilt. Und für 25ct. werde ich die 3km zum Markt gebracht.

TrafficWir sind da! Ich reiche dem Fahrer vom Rücksitz ein paar Münzen und einen alten, verratzten 1 Cedi Schein, der von seinem Vorvorvorbesitzer bereits mit Tape geklebt wurde, gebrauchtes Marktgeld halt, und verlasse das Taxi. An mir brausen noch mehr stinkende Wagen vorbei, die teils noch immer mit deutschsprachiger Aufschrift beklebt sind. In Deutschland eine Schrottkarre, die die Abwrackprämienzeit überlebt hat, in Ghana ein gewöhnliches Verkehrsmittel. Neuwagen sehe ich hier kaum! Aber auch kein Wunder, wenn für einen Neuwagen ca. 400 km bis nach Accra zurückgelegt werden müssen. Außerdem können sich sowieso die Wenigsten ein Gefährt leisten. Und wenn doch, dann eher ein Motorrad. Das ist sowieso viel wendiger und praktischer auf den holprigen Staubstraßen Ghanas.

MarketAber zurück zum Markt, wo der Lärm von hupenden Taxis, schreienden Marktfrauen und unnötigen Lautsprecheransagen ein unangenehmes Ausmaß annimmt. Schon von weitem wird mir zugerufen: „Obruni, come, come!“, „Akosua (ein lokaler Name für Sonntaggeborene) buy some Tomatoes.“, „Adampfo (Freundin) what do you want?“  Manchmal bin ich so nett und gehe für ein kurzes Schwätzchen zu den Marktfrauen hin. Es sind sowieso immer die üblichen Fragen: „Hello, how are you?“, „Where  are you going?“, „I want to be you friend.“ Wenn ich zu einem Stand hergerufen werde, dann sollte ich auch kommen. Ein kleines Schwätzchen, das genügt schon, und weiter geht’s. Für umgerechnet weniger als 25ct kann ich am Markt in einem Kleiderberg von T-shirts, Kleider, Hosen und Blusen nette, oft wirklich noch gut erhaltene Kleidungsstücke heraussuchen. Kleidung, die ich in Deutschland im Roten Kreuz mit freiwilligen Helfern zusammengesammelt habe. Kleidung, die wir in Deutschland in Altkleidersäcke werfen. AltkleidershoppingKleidung, die von uns in Deutschland nicht mehr angezogen wird, weil sie nicht mehr modisch ist, oder ein kleines Loch oder einen unscheinbaren Flecken hat. Ich frage mich oft, ob hier auf dem Markt wohl das eine oder andere Kleidungsstück schon einmal bei der Altkleidersammlung in meine Hände geraten ist. Und jetzt kann ich es frischgewaschen, eventuell sogar neu eingefärbt vom Wühltisch kaufen. Wie die Kleidung, so auch Schuhe. Wie die Schuhe, so auch Kinderspielsachen. Wie die Kinderspielsachen, so auch jegliche Elektrogeräte. Kühlschränke, Bügeleisen und Fernseher. Neben dem Altkleidergeschäft werden besonders gebrauchte Elektrogeräte Containerweise nach Ghana verschifft und dort günstig auf dem Markt verkauft. Kein Wunder, dass die Stromstecker mal zwei-, mal dreipolig sind. Aber gebraucht ist immerhin oft auch original. Originale, die gleichzeitig auch Qualität bedeuten. Qualität, die nicht leicht zu finden ist. Allein wenn ich all die Handys auf dem Markt anschaue, dann weiß ich, dass nach einem halben Jahr schon die ersten Schwachstellen zu sehen sind. Trotzdem werden diese Handyfälschungen gekauft, weil sie deutlich günstiger sind. Dasselbe mit den vielen Armbanduhren am Markt. Geradezu in protzigem Gold gefärbt, dienen sie lediglich als Accessoire. Laufen tut das Uhrwerk wenn überhaupt nur ein paar Tage. Flip Flop im ÜberflussMit Accessoires sind wir sowieso bei einem trendigen Thema. Plastikperlenarmbändchen, künstlich goldgefärbte Halsketten und Ohrringe sind regelrechte Verkaufsschlager, genauso wie die vielen Gummiflipflops, die mit bunten Plastikperlen kitschig verziert wurden. Und wenn die Perlen nicht an Fuß, Arm oder Hals angebracht werden, dann gibt es immer noch einen besonderen Haarstyle für Kinder. An dem ohnehin schon eingeflochtenen Kunsthaar, können bunte Buchstabenperlen angebracht werden. Kunterbunte Plastikwelt überall!

Ich schlängle mich weiter durch die verschiedenen Stände und Verkaufsplätze.

Taxi Station SunyaniAn mir zischen starke Jungs in alten Klamotten vorbei, die Schubkarren mit schweren Ladungen vor sich herschieben. Eine andere Art des Einkaufswagens für Ghanaer, die große Mengen an Lebensmittel einkaufen. Die Schubkarrenfahrer laden auf, werden zum Marktrand geschickt, um die Ladung ins Taxi zu verfrachten und bekommen dafür eine kleine Bezahlung. Wenn ich von einer kleinen Bezahlung rede, dann meine ich das auch so. Das Geld ist die harte Arbeit kaum wert und lässt die Jungs eher weniger das Wasser an der Suppe verdienen. Doch besser klein, als nichts…

Klein ist auch der Verdienst der vielen Wasserverkäuferinnen. Schwer gefüllte Metallwannen balancieren sie auf dem Kopf und spazieren den ganzen Tag durch den Markt, um den Leuten Trinkwasser zu verkaufen. Einen genauen Verdienst kann ich nicht nennen, gibt es auch nicht. Denn das normale Markgeschäft wird doch viel vom Glück bestimmt. Wenn ich aber einmal zusammenrechne, dass ein großer Wasserpack mit 30 kleinen Wasserbeuteln 3 Cedi kostet, ein Trinkbeutel für etwa 0,20 Cedi verkauft wird, dann macht das am Ende einen Gewinn von 3 Cedi, das Kühlen des Wassers im Kühlschrank ausgeschlossen. Ein hartes Business, überall…

Zu den Wasserbeuteln fällt mir noch etwas anderes ein. Ich vergesse leicht, ihr seid mit dem, was ich erzähle ja gar nicht richtig vertraut. Das Trinkwasser wird hier in Ghana von der Durchschnittsbevölkerung eher selten aus Flaschen getrunken. Einen halben Liter Wasser gibt es im Beutel zu kaufen, der an einer Ecke aufgebissen wird. Dieses Prinzip macht in einem so heißen Land durchaus Sinn, würde dadurch nicht so viel Plastikmüll anfallen!!

Wasser ist schnell gekauft, schnell leergetrunken, doch das Plastik, das bleibt! Denn leider Gottes werden die Einweg Plastikbeutel Achtlos auf die Straße geworfen. Es gibt ja keine Mülleimer und am Abend wird das Marktgelände sowieso meist gefegt. Mit dieser Einstellung ist es wirklich nicht leicht, seinen Müll bei sich zu behalten und viel zu oft hätte ich am liebsten meinen leeren Wasserbeutel auf den Boden geschmissen, aber ich bringe es einfach nicht übers Herz!

Cape CoastOft habe ich schon von dem wunderbaren Naturraum Ghanas geschwärmt, die idyllischen Strände, der Regenwald, die Wasserfälle. Das sind wahrlich die Schokoladenseiten dieses Landes.

Verschmutze SträndeWas allerdings auch traurige Tatsache ist, sind die vielen Plastiksäcke und –tüten überall am Straßenrand. Ohne über die Folgen unseres Plastikkonsums nachzudenken, werden Straßenränder und Strände und Meere immer mehr von Kunststoffmüll gefüllt. Fischer Cape CoastWird der Müll ins Meer gespült, dann wird er irgendwann von Fischern, die in den Fluten des Atlantiks ihr Leben riskieren, wieder zurück an die Küste gebracht. Aus Schulunterricht und Medien war mir bewusst, dass unsere Weltmeere voll von Plastik sind, doch als ich vis a vis gesehen habe, wie die Fischer in Cape Coast mehr Plastik als Fisch aus dem Meer gezogen haben, da musste ich noch einmal benommen Schlucken.

Wohin mit dem ganzen Müll? Im Sand vergraben! Einfach verbrennen! Dass das Plastik einen jahrelangen Zersetzungsprozess hat, dass die Abgase hoch giftig sind, scheint keine Rolle zu spielen. Es wird weiterhin Kunststoff konsumiert.

Was soll das denn? Warum begrüßen die Ghanaer diese Plastikwelt mit offenen Armen?- Weil es ihnen das Leben so viel leichter Macht? Warum bringen wir all unseren Schrott und Müll nach Ghana und verkaufen es als „Guten Zweck“? – Weil wir nicht wissen, was wir damit anrichten? Weil wir nicht wissen, wohin mit unserem Müll?

Warum Plastikhaar in die Haare flechten? Warum goldglänzend gefärbte Uhren am Arm tragen, die nicht einmal funktionieren!? Warum gefälschte Handys kaufen, die nach ein paar Wochen sowieso den Geist aufgeben? Warum Müll auf den Boden schmeißen, um ihn doch wieder zusammen zu kehren? Warum alle Einkäufe mehrmals in Plastiktüten einpacken?

Es ist tatsächlich so! Irgendwie wie beim McDonalds, wo mehr Papiermüll als essen in der Tüte ist, wo alles mehrfach in Papier eingepackt ist.

Wenn ich mir hier zum Beispiel ein Eis kaufe, dann wird die ohnehin in einem Plastikpäcken verpackte Eiscreme in eine durchsichtige Tüte verpackt (wegen der Kälte des Eises wie es heißt) und dann, damit keiner sieht was gekauft wurde, wird sie noch in eine schwarze Tüte eingepackt. Damit wäre also die Tüte in der Tüte eingetütet!

Und was mache ich? – Ich packe aus!

Ich esse das Eis und die drei Tüten, die bleiben.

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1 Kommentar

  1. Benedict

    Liebe Helena,
    danke für die Beobachtungen. Erinnerst du dich, was Agnes und Jenny aus Ruanda erzählt haben? Kein Plastik dort. Ich glaube, dass Konsum die längste Zeit unbeschwert war. Immer mehr Leute schnallen, wo die Probleme liegen. Auch dank deines Blogeintrags.
    Ich wünsche dir eine gute Rückkehr und hoffe, dich an Dreikönig in Benediktbeuern zu treffen.
    B

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