Nun, meine Lieben, dürft ihr euch endlich mal wieder auf ein paar tiefer gehende Neuigkeiten zu meinem Anstaltsbesuch freuen. Als ich den ersten Artikel verfasste, war ich gerade erstmal so halbwegs mit meiner physischen Präsenz angekommen, doch inzwischen eilte mir mein Schutzengel auch schon nach und nun schreib ich euch wieder als komplettierter Gregor. Welch eine Freude! Und es kommt noch besser: Ich weiß endlich warum ich mir 1 Jahr bayrischen Bierentzug antue.

Die „Roma-Kinder“, wie ich noch vor zwei Monaten am Anfang meiner Arbeit schrieb, haben für mich nun Namen bekommen und Viele sind mir inzwischen schon sehr ans Herz gewachsen. Doch ist das wohl genauso, denn für Einige bin ich schon zu einem Art „Don Bosko Papa“ geworden.

Gregor darf immer mitspielen 😉

Kurze Randanmerkung: Ich schreibe immer wieder von unseren Kindern. Dabei sind die Kinder gemeint, die täglich das Qendra Ditore der Don Bosko Einrichtung in Tirana besuchen und unter uns verstehe ich dabei meine Sozialarbeiterkollegen und mich.

Mein Tag

Grob gliedert sich mein Tag in drei Abschnitte. Die meiste Zeit und mit Abstand die wichtigste Aufgabe ist für mich die Betreuung der Vormittags- und Nachmittagsgruppe des Qendra Ditores (QD), wo benachteiligte und vernachlässigte Roma-Kinder zu uns kommen. Danach begleite ich Kurse im Oratorium (offener Jugendtreff mit Kursangeboten) oder halte selber zweimal die Woche einen Deutschkurs. Zu guter Letzt verbringe ich dann noch Zeit mit den Animateuren und versuch ihre Unterhaltungen auf Albanisch zu verstehen oder zieh mich einfach zum Energietanken zurück.

Im Qendra Ditore

Vormittags kommen mit 15 Kindern all jene zu uns, die entweder in der Schule nicht mehr geduldet werden, da sie dort für zu viele Probleme gesorgt haben, oder aber jene, die erst nachmittags in den Schulunterricht gehen. Das scheint wohl so ein Konzept an manchen Schulen zu sein, dass sie eine serielle Beschulung vornehmen. Nachmittags ab etwa 12:00 kommt der große Schwung von etwa 20-40 Kindern (wetterabhängig, bei viel Regen auch mal nur 10), die die Schule regulär vormittags besuchen und bei uns ins Zentrum vor allem zur Hausaufgabenbetreuung aber auch einfach nur für Spiel und Spaß kommen. Die Altersstufe reicht da von der ersten bis zur siebten Klasse. Doch uns besuchen auch einige Teenager, die ihre „Schulpflicht“ mit dem 15. Lebensjahr schon abgeleistet haben und (nur keine Lust oder auch) keine Möglichkeit haben, eine Berufsschule zu besuchen oder eine Arbeitsstelle zu finden. Die Kinder kommen vor allem auch zu uns um ihre alltäglichen Probleme zu Hause und in der Schule den Rücken zuzukehren. Besonders in der Schule mangelt es an Anerkennung und auch zu Hause – habe ich das Gefühl -, ist nicht der Raum, in dem die Kinder groß ermutigt werden. Auch wenn viele unserer Schüler in der Schule nur mit Müh und Not dem Unterricht (halbwegs) folgen können müssen sie keine Jahrgangsstufe wiederholen, wie das in Deutschland der Fall wäre. Die Lehrer „lassen sie durch“ so lang sie hinten ruhig und unauffällig ihre Schulzeit „absitzen“. Aber das hilft natürlich keinem.

Generell dürfen zu uns (in das Don-Bosco Projekt) auch nur Roma-Kinder kommen, die Schwierigkeiten in der Schule oder ihrem Elternhaus haben. Bei Vielen gibt es jedoch nicht nur eine Baustelle, wie z.B. eine beeinträchtigte geistige Entwicklung, sondern auch soziale Schwierigkeiten durch ein zerrüttetes Elternhaus, Analphabetismus der Eltern oder aber auch einfach Armut, der die Eltern mit Kinderarbeit entkommen wollen. Da weiß man manchmal echt nicht wo man da noch anfangen soll! Am liebsten würde ich für Viele die Zeit in ihrer kindlichen Entwicklung zurück drehen wollen um sie schon in jungen Jahren durch ein besseres Umfeld von vielen Schwierigkeiten und Enttäuschungen zu bewahren. Doch sie sind eben in all den ärmlichen und schwierigen Umständen großgeworden und tragen das nun auch mit sich rum. Andererseits bräuchte es das QD und auch mein Volontariat nicht, wenn alle „gleich“ wären. Auch wenn „unsere“ Kinder noch viel lernen müssen, um in der Lage zu sein auch in der komplizierten Welt einen Platz zu finden, so darf auch ich viel von den Kindern lernen.

Spielerisch Lernen!

Kinder sind unsere Zukunft

Jeden Tag aufs Neue begeistern sie mich mit viel Energie, ihrer Unbekümmertheit und großer Offenheit für alles Neue was sie lernen dürfen. Ja, sie wollen was Neues lernen und herausgefordert werden. Da bereichert es mich sehr in ihnen so viel Potential und Talente zu sehen, die nur darauf warten entfaltet zu werden. Wie schön ist es, dass ich sie da auf ihrem Lebensweg ein kleines Stück begleiten darf und vielleicht auch den ein oder anderen größeren Entwicklungsschritt in ihnen auslösen darf. Doch macht mich das gleichzeitig auch sehr demütig, wenn ich sehe wie sehr ich doch in einer sehr ähnlichen Situation, wie die der Kinder stecke. Die albanische Sprache bereitet mir große Schwierigkeiten und auch auf der kulturellen Ebene divergiert mein deutsches Verhalten oft zu dem der Albaner. So muss es meinen Kindern wohl sehr ähnlich ergehen. Auch sie müssen sich erstmal in ihrer Sprache ausdrücken und sie schreiben lernen, dazu müssen sie noch unsere europäischen Werte verinnerlichen (die sich teils nicht mit den ihren gleichen). So sehe ich mein Volontariat auch als große Chance, zurück in meine Kindheit zu gehen und wieder etwas von der kindlichen Offenheit und Neugierde für mein Leben neu zu entdecken, denn so werde ich meine Kinder wohl besser verstehen lernen.

Doch jedes Kind bringt auch seine eigene Geschichte mit seinen eigenen Problemen, Sorgen und Bedürfnissen mit. Im Qendra Ditore dürfen sie vieles von Ihren Sorgen ablegen und finden einen neutralen Raum ohne Armut, Gewalt und Diskriminierung. Jedes der Kinder darf bei uns das sein was es ist, ein talentierter Mensch mit ganz unterschiedlichen Begabungen. Die einen können selbst mit 12 Jahren noch kaum Lesen und Schreiben, dafür setzten sie den Beat beim Musizieren und grätschen beim Fußballern ein Tor nach dem anderen rein. Hingegen lernt ein anderer in wenigen Minuten vier Akkorde auf der Ukulele und kann im nu „Over the rainbow“ spielen. Wieder ein anderer findet malt ?? talentiert.

Theaterspiel des Qendra Ditores

Die entscheidende Aufgabe stellt sich mir nun darin, in jedem Kind seine individuellen Talente zu erkennen und dabei aber die Gemeinschaft aller nicht zu vernachlässigen. Gerade lese ich ein Buch zum Thema Potentialentfaltung in der kindlichen Entwicklung. Darin schreibt Gerald Hüther:

„Für nichts lassen sich Menschen […] mehr begeistern als für das, was wir Glück nennen. […]. Glücklich sind Menschen immer dann, wenn sie Gelegenheit bekommen, ihre beiden Grundbedürfnisse nach Verbundenheit und Nähe einerseits und nach Wachstum, Autonomie und Freiheit andererseits stillen zu können. Wenn sie also in der Gemeinschaft mit anderen über sich hinauswachsen können [sind sie glücklich]“ (105, Was wir sind und was wir sein könnten, 2011, G. Hüther)

Genau deswegen kommen unsere Kinder zu uns so freiwillig und gerne, weil sie in der Gemeinschaft mit Nähe und Verbundenheit zu anderen Kindern aber auch von uns Betreuern Neues lernen dürfen und dabei Unterstützung erfahren, wodurch sie über sich selbst hinauswachsen dürfen. Das stiftet bei den Kindern viel Glück, welches sie für ihr Leben stärkt und ich bekomme das dann in ihren strahlenden Gesichtern zu sehen oder mit einer herzlichen Umarmung zu spüren.

Unbekümmertheit – unser täglicher Begleiter

Sicherlich wäre so manches Kind nun froh, wenn „gut Singen Können“ Analphabetismus kompensieren könnte. Dem ist auch in Albanien nicht so, doch schult eben singen, jonglieren, malen, tanzen, Bodypercussion und noch vieles mehr die Koordination und erleichtert so das Lernen für die Schule. Zudem können sie dadurch auf eine spielerische Weise zeigen was in ihnen steckt und es verleiht ihnen das Gefühl von Würde. Spielerisch können sie so neben Alphabetisierungsunterricht in ihren Talenten über sich hinauswachsen.

Einblicke in die Geschichten unserer Kinder

Einmal kam Fanni* (7) mit extremen Verbrühungswunden an Arm und Hand zu uns. Ihre Mutter passte beim Kochen nicht auf und so ergoss sich wohl heißes Wasser über Fannis Arm und Hand. Die nicht verbrühte Handinnenfläche war noch richtig schwarz vor Dreck. Mit gründlicher Reinigung, spezieller Salbenanwendung und einem Verband von mir hatte Franzi* schon nach zwei Wochen wieder eine neue Haut.

Andreas* (10) – ein von häuslicher Gewalt traumatisierter Junge – hätte zwar unglaublich viel Potential noch einiges zu Lernen, doch lässt er sich von allem ablenken und mischt sich dann auch noch in alle Angelegenheiten derart ungeschickt ein, dass er meist als Verlieren endet. Dahingegen hat er eine sehr gute mathematische Auffassungsgabe. Inzwischen mache ich mit ihm komplizierte Grundrechenaufgaben auf Englisch.

In Georg* (13), einem der etwas wilderen Jungs, tat ich mich bisher doch schwer seine Begabungen zu sehen, bis er mir eines Tages voll Begeisterung ein echt schönes, selbstgemaltes Bild als Zeichen meiner Sympathie überreicht. Ich war schwer gerührt, vor allem, weil ich ihm sowas nie zugetraut hätte.

Emma* (10) hingegen beherrscht ihre Muttersprache Albanisch nur auf einem sehr primitiven Niveau. Es kam auch schon vor, dass Emma auf jegliche Fragen nur irgendwelche Laute von sich geben wollte, dahingegen malt Emma einfach ausdrucksstark und kann sich darüber besser mitteilen.

Und damit nun all unsere Kinder über sich hinauswachsen dürfen, initiiere ich fortlaufend irgendwelche kleine Projekte aus all den vielen Ideen, die mir täglich zu in meinen Kopf kommen…

Meine ersten Projekte

Vor einiger Zeit machten wie mit unserer Vormittagsgruppe einen Ausflug in das Stadtzentrum Tiranas und zum großen Stadtpark. Dabei hatten wir besonders mit dem Frisbee spielen im Park viel Spaß und die Kinder freute es, mal wie ein normales Kind in die Stadt zu kommen und nicht als Roma-Kinder von den Tiranern gesehen zu werden. Das geschieht, wenn manche unserer Kinder nachts mit ihren Eltern noch nach Brauchbarem in offenen Mülltonnen suchen.

Ausflug zum „Artificial Lake“

Allerdings sah ich beim Trinken aus einer gemeinsamen Wasserflasche welch schlechte Zähne all unsere Kinder haben. Jedem fehlen schon mindestens zwei Milchzähne und viele Backenzähne haben schon etliche schwarze Verfärbungen. Was tun? Ich ließ mir sagen, dass die Kinder zwar im vergangenen Jahr schon Zahnbürsten bei einem Zahnhygieneaktionstag bekommen haben, doch dass die keiner verwendet, liegt wohl klar auf der Hand. Kurzerhand beschloss ich Zahnbürsten zu organisieren, für jedes Kind eine mit Namen zu beschriften and here we go! Jeden Vormittag noch vor dem Spielen müssen alle erstmal Zähneputzen. Das klappt mit den meisten Kindern echt hervorragend und einige sind schon wahre Zahnputzprofis. Ein Paar ließen sich noch nicht von dieser Wichtigkeit für Ihr Leben überzeugen, aber die Meisten sind sehr begeistert.

Master of Zähneputzen

Zur Verabschiedung von Stefania (italienische Co-Volontärin von meiner Vorgängerin Lydia und mir) studierte ich mit gut 20 Kindern der Vormittags- und Nachmittagsgruppe über mehrere Wochen hinweg ein Lied zur Mutter Theresa** „Kenge per Nene Tereze“ ein. Das sangen wir dann am Nationalfeiertagsfest Schülern der Don Bosko Primärschule vor. Deren Lehrer waren über unsere gesamte Vorführung bestehend aus Chor, Gedicht, Theater und Tanzchoreografie sehr begeistert und auch ich war unglaublich stolz auf meine Kinder, wie schön sie sangen. So schön im Rhythmus, das Tempo hielten sie die meiste Zeit und von der Intonation passte es auch ausgesprochen gut.

„Chor“ des Qendra Ditores

Alle Beteiligten Kinder am Fest des Qendra Ditore

Nachdem ich merkte, dass unsere Kinder neben „Vier-Gewinnt“ und „Uno-Karten“ keine anderen Spiele spielen wollen, weil das auch schon die Besten sind, die wir haben, beschloss ich kurzerhand LEGO zu ordern. Im Internet findet man sogar etliche Punkte zum positiven Einfluss von LEGO-Spielen für die Entwicklung der Kinder (Geduld und Kreativität fördern, Fingermotorik schulen, räumliches Vorstellungsvermögen verbessern und Teamfähigkeit ausbauen). Als dann vor einigen Wochen die Legobausteine eintrafen, wussten viele Kinder noch nichts so Richtiges damit anzufangen. Einigen musste ich erstmal zeigen, was sie damit schaffen können, doch andere hatten schon in wenigen Minuten ihre ersten tollen Fantasy-Autos stolz zusammengebaut. Seit wir die Kinder LEGO spielen lassen, merke ich bei allen eine positive Entwicklung im Umgang damit. Nun bald möchte ich mit ihnen das „next Level“ betreten und ihnen LEGO TECHNIC schmackhaft machen.

Ende

Nun hoffe ich euch einen kleinen Einblick in meine Arbeit und viel mehr noch in mein persönliches Verständnis meiner Arbeit gegeben zu haben. Das was meine Arbeit ausmacht, ist mit unseren Kindern zu Singen, zu Basteln, zu Malen, Brettspiele, Fußball oder Frisbee zu spielen, sie zum Zähneputzen zu motivieren, mit ihnen Hausaufgaben zu machen, ihnen Nachhilfe zu geben oder aber einfach sich um Ihre Sorgen zu kümmern. Letzteres könnte vielleicht sogar die für mein Volontariat fundamentalste Aufgabe sein, doch ist sie so unscheinbar, dass kaumeiner sie auf Anhieb zu Sehen vermag.

 

Anmerkungen

* Name wg. Persönlichkeitsschutz geändert

** Mutter Theresa war mazedonische Albanerin, worauf die Albaner sehr sehr stolz sind. Albaner kommen nicht nur aus Albanien und dem Kosovo, sondern auch aus Montenegro, Mazedonien und Griechenland.