Huhhhu! Endlich finde ich mal nach schon geschlagenen zwei Wochen etwas Zeit meine ersten Eindrücke mit euch zu teilen. Bisher gab es zwar außer Albanisch lernen für mich noch keine ganz konkrete Aufgabe, doch nicht mal die eine Aufgabe konnte ich gut erfüllen, da ich schon in den ersten Tagen so viel erlebt hab, mir schon so viele nette Menschen begegnet sind und ich damit auch schon so viele verschiedene Lebensgeschichten kennengelernt habe. Aber nun erst mal der Reihe nach.

Ankommen

An meinem Ankunftsabend wurde ich gleich von Don Oscar mit seinen Animateurs-Begleitern Enea, Franko, Kristi und Mario am schnuckeligen Flughafen von Tirana abgeholt. Für große mentale Gedankensprünge war auf dem 1:30h Flug von München nach Tirana ohnehin keine Zeit und so wurde ich gleich mal leicht schockiert, als mich am Zentrum angekommen, gefühlt drei duzend Animatoren gleichzeitig willkommen hießen. Unvermittelt befand ich mich damit auch schon in einem gigantischen Sprachenchaos, bestehend aus Albanisch, Italienisch, Englisch und Deutsch. Noch war meine Anfangseuphorie sehr groß, das Chaos schnell meistern zu können, zumal die Motivation unter den Animateuren, mir im 5 Minuten-Crashkurs fließend Albanisch beizubringen, gigantisch war. Doch rechnet da noch keiner mit meiner genialen sprachlichen Auffassungsgabe. Nicht mal die einfachsten Begrüßungsfloskeln konnte ich mir alle merken. Da war ich schon froh, dass zumindest „Natan e mire“ (Gute Nacht!) bis zur Verabschiedung der Animateure eine Stunde später noch in meinem Kopf hängen blieb. Zum Abendessen lernte ich auch noch die übrigen Salesianer der Einrichtung kennen: Don Arben (Direktor und Schachgenie), Don Oscar (Fühlt sich für alles Zuständig, auch für mich und isst aus indischer Manier gerne scharf), Don Pavel (hauptberuflich Anwärter zum Heiligentitel und begnadeter Westernfilmfan) und Don Michele (war vor 40 Jahren bestimmt mal sehr frisch drauf, nun braucht er schon eine Lupe um besser hören zu können).

(v.l.) Don Oscar, Mario, Enea, Ich, Franko, Jiri,- , Kristi,- ,- , David.

Dank David – einem italienischen Zivi – hatte ich es auch deutlich leichter in die Gemeinschaft der Salesianer und der ganzen Einrichtung Fuß zu fassen. Besonders in den ersten Tagen konnte er mir schon helfen die vielen kleinen Anfangshürden leicht zu meistern und ich fand in Ihm auch einen sehr reflektierten Diskussionspartner, wenn es um die kritische Bewertung des Dienstes der Salesianer in Tirana geht. Da ist auch nicht alles Golden was glänzt.

Hoffnung

Sehr interessant sind immer wieder die Reaktionen der Leute zu sehen, wenn sie erfahren, dass ich „Gjermanisht“ (Deutscher) bin. Entweder packen Kinder gleich ihr oft ganz passables Deutsch aus, dass sie während ihrer Asylwartezeit in Deutschland gelernt haben, oder sie erwarten, dass ich nun perfekt Fußball spielen kann und für sie bricht ein Weltbild zusammen, wenn sie von meinem fußballerischen Ungeschick Wind bekommen. Doch bereits am zweiten Abend wurde ich sogar schon von einem Papa eines Animators auf deutsches Bier in die nächstgelegene Taverne eingeladen. Ich wusste schon von Erzählungen, dass die Albaner für Ihre Gastfreundschaft bekannt sind, doch über die lockere schnelle Einladung war ich dann doch sehr erstaunt. Noch musste Don Oscar neben mir sitzen und dolmetschen, doch das ändert sich hoffentlich noch bald. Es ging bei dem Gespräch, wie sonst so oft in vielen anderen Gesprächen auch, um Arbeitslosigkeit, Drogenmafia, Korruption und Hoffnungslosigkeit, die die Menschen in diesem Land beuteln. Denn die eindeutige vorreitende Reaktion auf meine Herkunft lautet: „Das Leben hier ist so schwierig! Ich werde nach Deutschland gehen um Arbeit zu finden! Hier, keine Arbeit, nur Korruption!“. Gut nur, dass es in Deutschland keine Korruption gibt, wobei das hier wohl echt eine andere Nummer zu sein scheint, denn was Albanien prägt, das ist die Ungerechtigkeit und Diskrimination, welche ich schon innerhalb der ersten Tage selbst zu sehen bekam. Ich bin zwar in Europa, aber das was wir in Deutschland Europa nennen, von dem können ganz viele Menschen hier (besonders am Land) nur träumen.

Stadtrundgang

Schon am zweiten Tag nahmen mich Franko und Enea mit auf einen ersten Stadtrundgang durch die inzwischen sehr schicke Innenstadt Tiranas. Besonders im Stadtzentrum ist hier ein ungeheuerlicher Bauboom ausgebrochen. Erst im letzten Jahr wurde der 13,5 Mio. Euro teure neue zentrale Skanderberg-Platz in Tirana neu eingeweiht worden. Auch die übrige Stadtmitte einschließlich eines großen schicken Parks mit künstlichen See erinnert hier doch eher an eine mitteleuropäische Hauptstadt.

Am See des Stadtparks; mit dabei: Franko (l) und Enea (r).

Doch fährt man auch nur mal wenige Minuten aus dem Zentrum hinaus und geht weg von den großen Einfallstraßen, so begreift man sich unmittelbar in Mitten von Armut, Tristesse und Diskrimination. Die Häuser sehen baufällig aus und der Duft in der Luft, wird von den vielen überfüllten ekelhaften Mülltonnen bestimmt. Doch bestimmt nochmal so viel Müll wie in den Tonnen, liegt auch noch Außen drum rum. Als könnte Müll schmücken und wäre somit upcycled, wird jeder Straßenrand von ungeheuerlich viel Abfall gesäumt. Romas wühlen oft in den Tonnen, um darin noch etwas Brauchbares raus zu fischen, dass sie dann an der nächsten gelegenen Straßenecke verkaufen können. Die Armut der oft unterdrückten Roma treibt sie an mit allem Geld zu machen was auf der Straße rum liegt, eben auch mit Kanaldeckel! Das Kilogramm Stahl bringt gutes Geld und so muss man beim Gehen auf der Straße echt gewaltig aufpassen, um nicht plötzlich in einen der tiefen Schächte zu plumpsen.

Erster Blick hinter die Fassaden

Einen ersten sehr guten Eindruck von den wahren Problemen bekam ich hautnah als ich schon in der ersten Woche mit meinen zukünftigen Kollegen Pashko, Elona, Luce und meiner italienischen Mitvoluntärin Stefania des „Qendra Ditore“ (Zentrum) auf Hausbesuche zu Roma Familien ging.

Auf Hausbesuchsrundgang; Auf der Baustelle vor unseren Augen klopft ein Mann Armierungseisen aus Betonrohren frei, um sie später zu verkaufen. Dabei konkurriert er gegen den viel schnelleren Bagger dahinter, der das gleiche tut.

Bevor in der Woche darauf die Schule anfängt, wollten wir die Eltern überzeugen ihre Kinder in das Zentrum zu schicken und uns versichern, dass die Kinder auch in eine öffentliche Schule gehen. Bei den Besuchen wurde ich nun erstmals mit den schockierenden Umständen der Verliererseite des Aufbruchs Albaniens konfrontiert. Vom Wohlstand in der Stadtmitte war hier plötzlich nichts mehr zu sehen. Mehr noch kam ich mir vor, als wäre hier die Zeit irgendwann kurz nach der Elektrisierung stehen geblieben, hätten nicht fast alle älteren Jugendlichen schon ein Smartphone in der Hand gehabt.

Im „Mini-Slum“.

Hier in den Hinterhöfen, im „Mini-Slum“ oder auf den Müllbergen herrscht schon ein etwas schrofferer Umgangston. Je besser man angeben kann und je mehr man den Macho raushängen lässt, desto angesehener und cooler wird man respektiert. Eine gute Schulbildung oder gar ein guter Job interessiert hier keinen. Zudem hält sich in sehr einfachen Roma Familien immer noch der Wunsch nach ethnischer Reinheit und die Familienehre hat einen sehr hohen Stellenwert. Das führt soweit, dass teilweise sogar die Ansicht herrscht, sich um die Familie zu kümmern sei viel wichtiger als Arbeiten zu gehen. Doch von irgendwas muss auch eine starke Familie leben und so werden oft Kinder zum Arbeiten missbraucht, worunter deren Schulbildung dann natürlich leidet. Doch es gab auch ein sehr vorbildliches Beispiel einer alleinstehenden Mutter mit zwei Kindern – Romeo (12) und Giulietta (6) – die erkannt hat, dass gute Bildung die einzige Chance für eine bessere Zukunft als die ihre darstellt und demnach alles dafür tut, dass Ihre Kinder zu uns ins Zentrum kommen. Sehr schockierend fand ich auch den Umstand, dass Mädchen oft schon im Alter von 14 Jahren verheiratet werden und damit auch bald ihr erstes Kind erwarten. Bereits mit 21 Jahren bringen sie also – selbst noch halb Kind – schon ihr erstes Kind im Alter von 6 zu uns ins Zentrum.

Mit größtmöglichen Einsatz versuchen wir nun im „Qendra Ditore“ den Roma Kindern aus ihrer Misere zu helfen. Wir bieten ihnen individuelle Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung, womit sie damit eine Chance bekommen die Benachteiligung aufgrund ihrer Herkunft (Elternhaus und Ethnie) zu überwinden. Viele der Kinder besuchen zwar die Schule, doch durch ihre ärmlichen Lebensumstände und den schlechten Bildungsstand ihrer Eltern, die oft selbst nicht lesen und schreiben können, haben sie oft keine Chance mit ihren Mitschülern aus Mittelstandsfamilien zu konkurrieren und ohne guten Schulabschluss findet man eben einfach keine gute und legale Arbeit (wenn man nicht gerade im hier sehr florierendem Drogengeschäft einsteigen will). So stellt eine solide Schulbildung die einzige Möglichkeit dar, nicht wieder wie ihre Eltern im und vom Müll leben zu müssen. Neben Hilfe für die Schule gehören auch Spiel, Spaß und Musik zum Programm. Damit vermitteln wir den Kindern einen gezogenen Umgang und christliche Werte, um sie aus dem vorherrschendem Gettomotto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zu lösen.

Roma Kinder am benachbarten Wohnblock zum „Qendra Don Bosko“; Luce (l) überredet sie zu uns zu kommen.

Jetzt seid ihr bestimmt alle von mir über die Situation hier unerwartet schockiert worden und seht meinen Freiwilligendient in einem anderen Licht. Auch mir tat es sehr gut mal die Hintergründe gesehen zu haben und die wahre Notwendigkeit meiner und unserer Arbeit zu kennen. Von den wahren Problemen zu Hause bekomme ich im Zentrum dann später nichts mehr direkt mit. Nur mehr das Verhalten der Kinder wird wird über deren Herkunft Aufschluss geben.

Nun bin ich schon sehr gespannt, was die kommenden Wochen im Zentrum so alles für mich mit den Kindern bereithält.

Meine neue Liebe

Doch neben all den intensiven Begegnungen brauchts natürlich auch mal etwas Sport zur Entspannung. Da hatten es meine „Vorzeige“-Animateure: Franko, Christi, Enea und Marius bei mir einfach und meine Begeisterung vom Basketball war entfacht. Besonders Franko nimmt sich für mich immer viel Zeit, um mir sämtliche Techniken von Korbwurf bis Korbleger mit Anlauf zu zeigen.

 

Ich freu mich schon sehr euch bald von meinen ersten richtigen Erfahrungen mit den Kindern berichten kann… 😉