Endlich ist es so weit… Meine große Reise ist in vollem Gange, und in derkurzen Zeit, die ich jetzt hier bin, ist schon unglaublich viel passiert. Richtig realisieren, dass ich ein ganzes Jahr hier leben werde, kann ich noch.
Aber ich fange erst mal von vorne an.
Zum jetzigen Stand bin ich schon knapp über einen Monat hier, was sich überhaupt nicht so anfühlt. Wenn ich darüber nachdenke, wie viel Zeit seit meiner Ausreise vergangen ist, ist das ein ganz komisches Gefühl. Einerseits kann ich gar nicht glauben, dass ich schon so lange hier bin, andererseits ist schon so viel passiert, dass es bestimmt zwei oder drei Monate füllen könnte.
Alles begann mit einem schweren Abschied von Familie, Freundin, Freunden und Bekannten. Aus Angst vor der Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn legte ich vorab einen Zwischenstopp in Potsdam ein. Danach folgte eine ewig lange Reise über Zürich und São Paulo, die mich nach 24 Stunden schließlich nach Santa Cruz de la Sierra brachte. Und dann startete die totale Reizüberflutung.
Am Flughafen angekommen, wurden wir (Elias, Elrun und ich) von einem freundlichen Mitarbeiter von Don Bosco abgeholt und zum Haus der Volunteers gebracht, wo wir uns erst mal ausruhen sollten. Allein die Fahrt zu unserem neuen Zuhause für das nächste Jahr hatte es in sich. Dazu kamen die Erschöpfung von der Reise, das Neue an jeder Ecke, ein Verkehr, der für mich als Fremden zunächst nur nach totalem Chaos aussah (was sich später noch ändern sollte), und die ersten Gespräche auf Spanisch nach langer Zeit.
Die anderen drei deutschen Volunteers (Franziska, Isabel und Evita), die einen Tag vor uns angekommen waren, arbeiteten bereits im Hogar (eines der Projekte). Deshalb waren wir drei erst mal ziemlich aufgeschmissen: ohne Internet, ohne Geld, ohne Plan, wo, was und wann ist, und ohne etwas zu essen. Wir mussten warten, bis die anderen zum Glück ins Haus kamen. Gemeinsam sind wir dann ins Stadtzentrum gefahren, um Geld zu tauschen, etwas zu essen aufzutreiben und gleich die Gegend ein wenig zu erkunden.
In den nächsten Tagen stand das Kennenlernen auf dem Plan: unser Haus, unsere Gegend und unsere Mitbewohner, aber auch die verschiedenen Projekte sowie die Menschen und Kinder der Don-Bosco-Familie. In den ersten anderthalb Wochen bekamen wir die Gelegenheit, das Techo (die erste Auffangstation für Kinder von der Straße), das Mano Amiga (das Zuhause kleiner Mädchen und ihrer Geschwister), das Hogar (das Zuhause von Jungs bis 17 Jahren) und das Barrio Juvenil (Arbeitsplatz für Jungs ab 18 Jahren) zu sehen. Außerdem lernten wir Paolo kennen, unseren Mentor für das gesamte Jahr, mit dem wir gemeinsam besprachen, wer in welches Projekt kommt. Bei der Aufteilung auf die Projekte gab es trotz begrenzter Plätze zum Glück keine Probleme, und ich wurde meinem Wunschprojekt zugeteilt, in dem ich auch jetzt arbeite.
Ich arbeite nun im Hogar Don Bosco in der Gruppe Carlos Acutis. Die Kinder und Jugendlichen in dieser Gruppe sind die ältesten im Hogar (etwa 13 bis 17 Jahre). Ich arbeite fünfmal die Woche von 14 bis 21 Uhr, Donnerstag und Freitag sind meine beiden freien Tage (wie bei fast allen Freiwilligen hier). Mit diesem Arbeitsplatz bin ich bisher sehr zufrieden. Einerseits habe ich während der Kennenlernphase gemerkt, dass ich mit den größeren Jungs am besten klargekommen bin und die meiste Zeit mit ihnen Spaß hatte. Andererseits glaube ich, dass es vielleicht nicht hundertprozentig mein Ding wäre, ein ganzes Jahr mit ganz kleinen Kindern zu arbeiten. Bisher kann ich auf jeden Fall sagen, dass es die richtige Entscheidung war.
Neben dem Kennenlernen des Arbeitsplatzes ging es in der ersten Zeit auch darum, sich in der WG zurechtzufinden. Aktuell besteht die WG aus neun Bewohnern: Wir sechs Deutschen (Elrun, Isabel, Franziska, Evita, Elias und ich) sowie die beiden Österreicher (Lorenz und Elias) bleiben knapp ein Jahr, die Spanierin Blanca etwa drei oder vier Monate. Außer uns haben hier noch zwei Italienerinnen gewohnt, die in den ersten drei Wochen da waren, ein Spanier, der wenige Tage nach unserer Ankunft abgereist ist, und eine große Gruppe Italiener, die kürzlich für ein paar Tage hier untergekommen ist.
Unsere WG besteht aus einem Haupthaus und drei kleinen Häusern außerhalb davon. Im Haupthaus befinden sich das Wohnzimmer, die Küche und mehrere Schlafzimmer, die im Moment nicht genutzt werden. In den kleinen Häusern draußen liegen unsere Zimmer, jeweils mit einem kleinen Bad mit Dusche. Alle außer Blanca teilen sich ein Zimmer mit einer anderen Person, bei mir ist es der andere deutsche Elias. Groß und luxuriös sind die Zimmer auf keinen Fall, aber ich finde, man kann es hier sehr gut aushalten, wenn man das Beste daraus macht.
Das Haus liegt recht zentral. Das Hogar, in dem ich arbeite liegt nur 250 m entfernt, mit dem Bus ist man in 10 Minuten im Zentrum von Santa Cruz, wir haben in direkter Nachbarschaft einen Markt, auf dem man von Lebensmitteln bis zur Haushaltstechnik fast alles bekommen kann und für andere Dinge ist auch ein Supermarkt leicht zu Fuß zu erreichen, genauso wir das Gym, in das ich seit kurzem gehe.
Es geht mir hier echt gut. Ich komme relativ gut mit allen Leuten klar, bin echt zufrieden mit der bisher vergangenen Zeit und so langsam fühle ich mich auch richtig angekommen und eingelebt. Ich hoffe die nächste Zeit hat genau so viel zu bieten wie bisher.
Viele Grüße aus dem schönen Bolivien
Elias




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