Benni in Indien

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Weihnachtspuzzle

Ein Puzzle: viele kleine Teile, die am Ende ein großes Bild ergeben sollen. Puzzlen ist gar nicht so einfach. Man muss sich echt konzentrieren und aufmerksam nach dem passenden Teil gucken. Mein Advent und mein Weihnachtsfest in Indien ist genau so ein Puzzle. Früh merkte ich, dass man hier nicht so mit Weihnachten wie in Deutschland überladen wird. Man muss es sich wohl oder übel zusammenpuzzlen. Doch womit fängt man, bei einem Puzzle, dessen vollständiges Bild man gar nicht kennt?


Ganz klar, zuerst sucht man nach den Rahmenteilen. Von denen weiß man wenigstens, wie sie aussehen. Ich habe mich also in den letzten Wochen bemüht, einen Rand zu puzzlen und alles, was eben dazugehört, zu finden. 

Schon im November hab ich zu Lukas gesagt: „Wir brauchen Weihnachtsdeko!!!

Natürlich war das anstehende Hochfest schon länger dick und fett in meinem „Kopfkalender“ markiert und ich habe schon Vorkehrungen getroffen, um mich hier ohne Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen, ohne Glühwein und Plätzchen und ohne kaltes Wetter und volle Läden, in Weihnachtsstimmung zu bringen. Unser Volontärszimmer wurde also entsprechend dekoriert. Beim Blick auf die Materialien war schnell klar: Es ist einiges an Improvisation und Kreativität gefragt, aber auf das Ergebnis können wir stolz sein. Jetzt baumeln Sterne aus Polstermaterial von der Decke, der Adventskranz besteht aus Karton und einer alten grünen Plastiktüte und der Elefant an der Wand trägt eine Weihnachtsmütze aus Geschenkpapier.


Puh… wie soll das denn eigentlich zusammenpassen? Die Puzzleteile „Indien“, „30°C“ und „Palmen“ und das Puzzleteil „Weihnachten“… Kann daraus überhaupt ein Bild werden? Finde ich das richtige Verbindungsteil?

Natürlich läuft hier niemand Glo-ooooo-ooooo-ooooo-ria singend durch die Straßen und auch der Last-Christmas Ohrwurm hat sich noch nicht blicken lassen. Aber dennoch ist mir Folgendes passiert: Ich wache überrascht auf, als ich merke, dass sich unter die üblichen Gesänge der umliegenden Hindu-Tempel, an die man sich im Übrigen schon lange gewöhnt hat, ein paar bekannte Melodien gemischt haben. Ist das „Come Ye All Faithful“? Und das klingt doch wie „Angels we have heard on high“! „Es muss wohl bald Weihnachten sein“, freue ich mich. Man muss eben genau hinsehen, genau hinhören, doch dann findet man das passende Puzzleteil.

Nicht nur wir waren in Dekostimmung: abenteuerlich wurden Weihnachtssterne auf der Baustelle – manche nennen es Kirche – und im Baum vor der press befestigt. Rot leuchtend erinnern, diese zwei Sterne, alle daran, dass es bald soweit ist 😊


Ja, ich hab schon Erfahrung im Puzzlen und weiß von manchen Teilen, wo sie sind und vor allem, wo sie hingehören!!! Das passt hierhin; wieder ein wichtiger Teil mehr 😊

Unser Weihnachtsfieber wollten wir natürlich teilen. Darum haben wir sowohl für die Jungs, als auch für die community einen Adventskalender aus 24 kleinen Tüten gebastelt. Alle machten große, verwirrte Augen, als die roten und goldenen Tüten von der Decke hingen. Nach kurzer Erklärung haben alle den Brauch verstanden und öffnen nun täglich fleißig ihre Türchen.

22:00, 06. Dezember, Vilathikulam, Indien. Es klopft an der Tür: Poch! Poch! … Nochmal: Poch! Poch! Ich öffne die Tür: Ach, schau an! St. Nikolaus war da und hat uns was in unsere Latschen getan. Schön, dass er es auch bis hierher schafft.


Hm, in der Ecke fehlt noch einiges … vielleicht schaue ich nochmal, ob ich nicht doch etwas Passendes finde.

Natürlich wollte ich Weihnachten auch in die Grundschulen bringen und so haben wir Weihnachtsbäume und -karten gebastelt. Ja, WIR, denn ich kann nun stolz von mir behaupten, knapp 40 Weihnachtsbäume aus Papier geschnitten und geklebt zu haben 😊. Auch das „Christmas-Tata-game“ war sehr beliebt bei den Kindern. Beim täglichen Abschied von den Kindern wurde aus „Bye, Christmas Tata“ (ich hab extra zur weihnachtlichen Stimmung eine Nikolausmütze angezogen) und „Bye, Benni brother“ der Mix „Bye, Christmas brother!!!“. Wer weiß, vielleicht bin ich tatsächlich derjenige/der Einzige (?), der sie in „Weihnachtsstimmung“ bringt.


Gegen Ende wird es immer leichter: man hat schon vieles geschafft, hat nur noch weniger Teile zur Auswahl und auch schon eine ungefähre Ahnung, wie das Endbild aussehen könnte.

Herzlich wurde ich von der Grundschullehrerin zu ihrer Weihnachtsfeier in Martdandampatti eingeladen und gebeten, doch auch etwas vorzubereiten. Im Bus dorthin übe ich noch an meiner Jingle-Bells-Karaoke-Darbietung. Die Weihnachtsfeier wurde mit Tänzen, Gedichten und Liedern begangen. Natürlich darf das Krippenspiel nicht fehlen, allerdings nicht wie in Deutschland, sondern -klar, wie sollte es anders sein in Indien – als Tanz. Zum Schluss – auch nach meinem bescheidenen Auftritt als carol singer – kam der Christmas Tata (der Weihnachts-Opa) hereingedancet und hat kräftig Schokolade und Kuchen verteilt. Die Kids hatten ihren Spaß und die funkelnden Augen haben mich sehr an deutsche Weihnachten erinnert.


Es geht alles wie von selbst und man muss nicht mehr lange suchen: das kommt hierhin, das dorthin!

Eine Weihnachtsfeier jagt die nächste und immer gibt es liebevoll vorbereitete Songs und Tänze (auch Christmas Tata darf nie fehlen!). Wir nehmen Teil am großen Weihnachtswichteln mit den 40 staff-members. Wir nehmen Teil an der Weihnachtsfeier der Hosteljungs, wo sie ihre von uns gesponserten Klamotten bekommen. Sie haben sich einen group dress gewünscht und im neuen Jahr werden wir alle im selben Hemd herumlaufen 😉. Zur Feier des Tages gibt es das Festtagsessen schlechthin: Biriyani und sogar Kuchen und Eis (ich freue mich genauso, wie die Jungs 😊). Das Ende der Weihnachtszeit ist in Sicht, die Tütchen am Adventskalender sind weniger und die (kitschige) Deko mehr. Der Adventskranz brennt auf vollen Flammen und der Weihnachtsbaum (ein kleines spontan erstandenes Bäumchen) wird geschmückt.


Und Zack! Da ist der 24. Dezember, Weihnachten, das letzte übrige Teilchen, das das Puzzle vervollständigt, und auflöst, wie alles aussieht.

Den Tag verbringe ich damit, bei der Weihnachtsdeko für die Messe mitzuhelfen, die nachts um 11:30 stattfindet. Ich mache mir viele Gedanken, wo ich denn gerade in Deutschland an diesem Tag wäre: Vor dem Plätzchenteller? Vor dem Krippenspiel? Vor dem Klavier beim Weihnachtsliederklimpern? Ich überlege mir auch, was denn letztlich zu Weihnachten, zu meinen Weihnachten gehört. Man merkt schon eine weihnachtliche Vorstimmung und ich lasse mich mitreißen. Die Boxen werden aufgedreht und tamilische Weihnachtssongs wummern durch die Nacht. Die Kirche ist gerappelt voll und mit viel Deko und Aufwand wird die Christmette begangen. Danach gehen alle herum und wünschen sich von ganzem Herzen gegenseitig „Happy Christmas!“. All die Leute, die ich die letzten Monate kennenlernen durfte, waren da und haben mit mir gefeiert. Es gibt Kuchen und man steht noch ein wenig beisammen. Ein paar crackers werden auch gezündet. Nach dem weihnachtlichen Beisammensein mit der community begehen Lukas und ich um mittlerweile 03:30 Uhr unsere eigene kleine Weihnachtsfeier: Weihnachtsbaum, Lebkuchen (Lukas‘ Werk), Weihnachtsevangelium und -geschichte, Kekse und kleine Geschenke bilden unser Weihnachtsfest für dieses Jahr. Klar, es ist alles ein bisschen improvisiert, aber mit Weihnachtsplaylist und Kerzenschein packen wir unsere Geschenke aus. Um 05:00 in der Früh, als das ganze Papier aufgerissen und die „Plätzchen“ aufgegessen sind, gehen wir schlafen. Das war es jetzt? Das Weihnachtsfest in Indien?


So, kein Teil mehr übrig. Alles verbaut. Aber ist es denn ein komplettes Puzzle oder gibt es Lücken? Ich sag mal so: dieses Bild ist eine echte Überraschung, ich war anderes gewohnt und kann nicht genau sagen, was ich erwartet hatte, aber dennoch ist es vollständig und stimmig. Es ist einerseits ein dezentes Puzzlebild, andererseits auch voller Energie. Es ist schon so, dass das, was an Weihnachten zählt, nicht die Anzahl der Geschenke, des Lamettas, der Weihnachtslieder ist. Das eigentliche ist doch die Botschaft der Hoffnung und der Liebe, die in die Welt kommt. Und wenn eben auch vieles dieses Jahr anders und ungewohnt verlaufen ist, so ist es allein diese Freude darüber, die Weihnachten ausmacht. Nichtsdestotrotz freue ich mich schon aufs nächste Jahr 😊

Jetzt wünsche ich dir, der du dies gerade liest, ein frohes, friedliches, fettes Weihnachtsfest und ich kann dich nur bestärken darüber nachzudenken, was Weihnachten eigentlich für dich ist und was du dafür brauchst!  

Frohe Weihnachten!

Ach ja, meine Grundschulkinder wollen euch auch noch was sagen:

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