Benni in Indien

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anders sein

Wer ich bin?

Ich bin ein Mensch, hab 2 Arme und 2 Beine, 5l Blut, hab über 200 Knochen und Billionen an Zellen. Ganz „normal“, selbst in Indien? Nicht ganz, wegen einem Wert, in meinem Körper, falle ich aus dem Raster. Es ist die Menge meines Melanins in meiner Haut. Melanine sind Farbpigmente, die Haut-, Augen- und Haarfarbe bestimmen. … Ja und? Ist doch auch nur ein Wert, nur eine Zahl, ist doch auch nur ein etwas anderes Aussehen, doch hinter dem Thema „Hautfarbe“ steckt gesellschaftlich so unglaublich viel mehr, mehr als bei jedem anderen Körpermerkmal. Ich bin hier also keineswegs „normal“ – ich bin anders, für manche komisch, für manche Faszination und Attraktion … und ich kann noch nicht mal was dafür.

Weiß sein

„Wow, du bist so WEIß! Kannst du mir die Farbe geben? Ich möchte sie auch haben.“, sagt man mir und hält mal staunend, mal lachend seinen Unterarm neben meinen und bewundert den Kontrast. „This is why?“, fragt man dann manchmal. Hier folgen die Theorien, die von Grund-, Highschoolschülern und Collegestudenten zu meinem Aussehen aufgestellt wurden:

  • In Deutschland habt ihr besonderes Wasser, mit dem ihr duscht, und besondere Seife. Deswegen bist du so weiß!
  • In Deutschland gibt es so wenig Sonne, darum werdet ihr nicht braun! Deswegen bist du so weiß!
  • In Deutschland trinkt ihr so viel Milch. Deswegen bist du so weiß!
  • In Deutschland habt ihr alle eine Creme, mit der ihr euch eincremt! Deswegen bist du so weiß!
  • Ihr Deutschen esst ja nur weiße Dinge wie Reis, Milch und Dossa, deswegen seid ihr auch so weiß!

Das sind die häufigsten Theorien, aber ganz ehrlich, wem kann man es verdenken, der bisher nur „Gleichpigmentierten“ begegnet ist, seine Hautfarbe als absolut normal empfindet und nun plötzlich einem begegnet, der so komplett anders ausschaut? Zu erklären, dass es Genetik, Evolution und Chemie ist, die mich so aussehen lassen, ist dann schwierig und führt meist zu nichts als Verwirrung.

Ich bekomme die unterschiedlichsten Reaktionen, wenn ich so durch Vilathikulam oder Martandampatti laufe auf den Gesichtern der Leute zu sehen: der „kleinste gemeinsame Nenner“ ist großes Interesse. Blicke werden dir zu-, entgegen- und hinterher geworfen. Mal staunend, mal skeptisch, mal irritiert. Bei Kindern schaut das ein wenig anders aus. Täglich fahren hier die Schulbusse vorbei und kleine Hände werden aus den Fenstern gestreckt, um zu winken 😊. Man muss aber auch erstmal kapieren, dass „der Weiße“ auch nicht beißt. Als sich einmal, eine Familie neben mich in den Bus gesetzt hat, hat die Tochter bei meinem Anblick beinahe zu Weinen angefangen… „You look like a ghost to him!“, so wurde mir einmal das entsetzte Gesicht eines Jungen gedeutet, als er mich erblickt hat.

Ich frage mich manchmal, welcher Typ ich wohl wäre. Klar, in der pluralistischen, (mehrheitlich) weltoffenen deutschen Gesellschaft kann ich mich nicht an solche Situationen erinnern, aber angenommen ich wohne in einem Dorf, mit gerade mal 27 Familien, komme weder als Kind, noch als Erwachsener wahnsinnig viel in meinem eigenen Land herum. Und dann, vom einen Tag auf den anderen, kommt jemand daher, der so ganz anders aussieht? Wie würdest du reagieren? Ängstlich? Offen & interessiert? Skeptisch?

Selfiemotiv/Attraktion sein

„Hi, but first let me take a selfie!“ – ich habe noch nie soo viele Selfies gemacht, wie in den letzten 7 Monaten. Wenn man irgendwo vor allem mit Jugendlichen, die ein Smartphone in der Hosentasche haben, ist, sei es hier im Park (der Spot in Vilathikulam, wo man mit seinen Kumpels abhängt), oder manchmal auch einfach so auf der Straße, kommt (meistens sehr schüchtern) jemand auf dich zu und fragt, ob er mit dir ein Selfie machen darf. Ich möchte gar nicht wissen, in welchen Whatsapp-Status-Meldungen und in welchen Facebook-Posts ich schon unter dem #foreigner aufgetaucht bin. Tatsächlich wurden wir nach dem Pongalfest im Fluss von Leuten, die nicht dort waren, auf die Leute angesprochen, die ein Selfie mit uns gemacht haben. An diesem Fest wurde mir echt klar, wie sich berühmt Persönlichkeiten fühlen müssen: Man wird zur Attraktion erhoben, auch wenn man das gar nicht will, auch wenn man einfach auch nur hier sein möchte und mit den Leuten feiern will. Trotzdem folgen dir die Blicke, zeigen Finger auf dich und und und.

„Benni brother! Da kommt mein Bus. Stell dich her, jongliere, spiele mit mir Volleyball! Das beeindruckt die Mädels bestimmt. Morgen werden alle fragen, wer das ist. Mein Kumpel aus Deutschland 😉“ – eine häufige Situation, wenn die Schulbusse am Hostel vorbeifahren.

Westlich sein

Ebenso besonders ist es, aus einem westlich geprägten Land wie Deutschland zu kommen. Was bedeutet denn westlich? Zum einen auf jeden Fall globaler und offener. Oft wird bestaunt: „Was? Du bist erst 19? Und dann fährst du schon alleine ohne deine Eltern nach Indien? Mit 18 dürfen junge Leute hier gerade mal aus dem Haus oder aus dem Dorf raus, um zu studieren…“.

Letztlich bin ich auch nur ein Produkt dieser Weltordnung, die durch die Geschichte des Kolonialismus geprägt wurde. Der Westen, der viele Probleme in Entwicklungs- und Schwellenländern durch seine Wirtschafts- und Militärpolitik mitverursacht hat und immer noch tut, schickt seine Hilfe. Warum bin ich es, der Unterricht gibt? Warum bin ich es, der beinahe Gleichaltrigen sagen darf, wann sie zu lernen haben und wann sie spielen dürfen? Warum bin ich es, der hier mehr als Touri in meinem Urlaub besichtigen kann, als viele Inder jemals sehen werden? Warum bin ich in keinem solchen Hostel aufgewachsen? Der einzige Grund dafür ist doch, dass ich in Deutschland und in meiner Familie geboren wurde. Und wenn man sich diese Gedanken macht, merkt man, wie vorherbestimmt, ein Leben sein kann. Je nachdem, wo du hineingeboren wirst, hast du im Leben mehr Chancen, hast du Vorteile … oder, so hart das klingt, eben nicht oder zumindest weniger.

Christ sein

Mit 6% christlicher Bevölkerung in Tamil Nadu lebt man schlichtweg in einer Minderheit, die selbst nur zum Teil akzeptiert wird. Bisher habe ich noch nichts Negatives mitgekriegt, aber es gibt in Indien, auch ganz lokal hier in Vilathikulam, die sog. RSS, eine radikal-hinduistische Organisation, die sich auch als christenfeindlich äußern: „Die Nicht-Hindus, besonders die Moslems und Christen sind Feinde von allem, was Hindu ist, und müssen daher als Bedrohung behandelt werden“ – Goyal, Des Raj. Vielen christlichen Organisationen wird das Leben schwer gemacht. Zum Glück ist VEMBU so strukturiert, dass es offen zeigt, dass es nicht missionieren, nicht konvertieren will, sondern alle Gruppen/Religionen gesellschaftlich stärken will.

Hoher Erkennungswert

Hautfarbe macht aber auch vieles einfacher: unsere Grundschulkinder sind so begeistert uns zu sehen. Auch muss ich dem Buskassierer inzwischen nicht mehr mein Ziel nennen, sondern er reicht mir gleich den bill über die 7 Rupees nach Martandampatti. Auch die Shopbesitzer kennen uns mittlerweile und manchmal bekomme ich im Stoffladen schon einen kleinen „discount“ (manchmal passiert aber auch das Gegenteil, dass man um ein paar Rupees betrogen wird…aber eher selten 😊)

Gesprächspartner und -objekt sein

Viele Inder sind sehr schüchtern, manche haben sogar Angst, mit mir uns zu reden, bzw. uns anzusprechen. So kam es schon mehrfach zu folgenden Situationen:

  1. Eine Gruppe Jungs steht verstohlen ein paar Meter neben uns und versucht sich kräftig grübelnd an ihre Englisch-Stunde zu erinnern, um fragen zu können, wie wir heißen und woher wir kommen. Mittlerweile kenne ich die entscheidenden Fragen aber auch schon auf Tamil oder rate die Antwort, die sie gerade hören wollen 😊
  2. Gerade wenn man nicht alleine unterwegs ist, passiert es häufig, dass dein indischer Begleiter zuerst angesprochen wird. „Wer ist das denn?“, muss die Frage wohl lauten. Spätestens wenn „Germany!“ fällt, weiß man mal wieder, dass es um einen selbst geht. Manchmal fühlt man sich so eher als (Gesprächs-)Objekt, als als (Gesprächs-)Partner, wobei mir letzteres deutlich lieber ist.

Ich glaube, diese Erfahrungen, die ich hier tagtäglich sammeln kann, verändern, wie ich damit umgehe, im und auch mal nicht im Durchschnitt zu liegen, nicht unbedingt in der Mehrheit zu sein.

Denke also auch mal nach, wie du anderen Leuten begegnest, wie du sie anschaust, wie du ganz spontan über sie denkst, und versuche die Situation deines Gegenübers zu verstehen.


Neben diesen Langzeiterlebnissen ist auch vieles andere seit dem Partymonat Januar geschehen:

  • Der Februar war für uns nur sehr kurz, denn wir hatten Halbzeitpause und -besprechung. Wir sind nämlich 26 Stunden Zug nach Hyderabad gefahren, um die anderen Indien-Volos zu sehen, sich auszutauschen und Energie zu tanken für die zweite Hälfte. An diese tolle Zeit im Provincial House von Hyderabad, hängten wir noch einen Zwischenstop, der für uns Südlander auf dem Weg lag: paar Tage in Bengaluru und damit in einer auffallend grünen, geordneten und teilweise reichen Stadt.
  • Unter der Woche läuft mittlerweile alles wie gewohnt: wir gehen in unsere beiden Grundschulen (nach Kattalampatti und nach Martandampatti) und machen viele Spiele und bringen den Kids neue Vokabeln bei.
  • An den Wochenenden ist eigentlich immer etwas los und wir nehmen an allerhand programs und Feiern teil. So war ich mit 70 Grundschulkindern, die alle noch nicht sehr viel mehr außerhalb ihres Dorfes gesehen haben, auf einem Schulausflug in Trichy und konnte dort ihren und meinen Horizont und vor allem die Bindung zu den Kids erweitern. So haben wir mit 800 Frauen den women’s day gefeiert mit einer Demo gegen sexuelle Gewalt und einem programm mit vielen emanzipierten Frauen. So waren wir beim Annual Day in Sayalgudi (der benachbarten Don Bosco – Einrichtungen) und saßen als Ehrengäste in der ersten Reihe.
  • Wir merken aber auch, wie die Zeit vergeht, denn unsere Hostel boys schreiben schon ihr final exams, bzw. sind schon fertig. Manche von ihnen sind schon zu Hause in ihren Dörfern und genießen ihre Ferien. Einige werden auch nächstes Jahr nicht zurück kommen, weil sie auf eine andere Schule oder aufs College gehen. Ich bin auf jeden Fall froh, diese Menschen ein Stück auf ihrem Lebensweg begleitet zu haben und es ist schön zu sehen, wie sie nun eigene Wege in ihre eigene Zukunft gehen.
  • Mittlerweile wird es merklich heißer. Die 40°C-Marke haben wir schon geknackt und man freut sich immer wieder über den Ventilator in unserem Zimmer. Im Mai wird es noch heißer werden.

 

 Viele Grüße nach Deutschland!

© 2019 Benni in Indien. Alle Rechte vorbehalten.

Thema von Anders Norén.