In Zeiten, in denen „Fridays for Future“ und „Extinction Rebellion“ Ortsgruppen in allen deutschen und europäischen Großstädten haben, in denen selbst hauchdünne Tüten an der Gemüsetheke im Discounter einen Cent kosten und in der schon bald Plastikstrohhalme und -besteck aus den europäischen Regalen verbannt werden sollen, in dieser Zeit komme ich nicht daran vorbei euch mal wieder von Cotonou zu erzählen. Euch zu konfrontieren mit anderen Prioritäten und Meinungen, ohne jemand anderem die Seine absprechen zu wollen.

In Artikeln ließt man immer wieder folgende Schlagzeilen:

Tansania verbietet Plastiktüten nach Kenia und Ruanda

Ruanda – Land ohne Plastik

Afrika als Vorreiter im Kampf gegen Plastikmüll

Und nach kurzem Recherchieren: Tatsächlich! Auch in Benin gibt es seit Mitte 2018 Gesetze und Maßnahmen scheinbar gegen die Nutzung und Produktion von Plastiktüten. Ich kenne Cotonou nicht vor diesem Gesetz. Ich schreibe, was ich heute, ein Jahr später sehe. Und von einem Verbot von Plastiktüten spüre ich auch mit Gesetz wenig.

Ich stehe an einer Straßenkreuzung in Cotonou.

Es könnte jede sein. Links von mir ein kleiner Essensstand mit einem großen Behälter aus Plastik zum warmhalten des Reisgerichtes. Ein junger Mann kommt und zahlt für umgerechnet etwa 50ct einen guten Teller Reis.

Die Verkäuferin schöpft ihn mit einem großen Plastiklöffel den Reis in eine kleine, schwarze Plastiktüte, Knoten drauf, fertig. Er nimmt sie entgegen und setzt sich einige Meter weiter auf eine kleine Mauer, holt seinen dicken Plastikteller raus, knotet die Tüte auf und spannt sie über den Tellerrand, jetzt wird gegessen, spülen nicht nötig.

Vor mir überquert ein junges Mädchen die Straße. Auf ihrem Kopf eine große Plastikschüssel. Darin ein Haufen Wasser, eingeschweißt zu je 0,5l in dünner Plastikfolie. Vor mir vor dem Bordstein zähle ich mindestens 10 dieser leeren Tütchen auf dem Boden.

Hinter mir laufen zwei weitere junge Mädchen entlang. beide mit einem großen, durchsichtigen Plastikeimer auf dem Kopf. Im einen sieht man süßes Teiggebäck, im anderen transparente, verknotete Plastiktütchen mit einem roten Getränk darin. An den Eimern hängen kleine, schwarze Plastiktüten zum verpacken der Ware. Ein Mann winkt die Eine zu sich, sie stellt den Eimer auf dem Boden ab und verkauft ihm eines der gekühlten Getränke. Er beißt in eine der Ecken und zieht in wenigen Sekunden den süßen Saft aus der Tüte. Sobald sie leer ist wird sie fallen gelassen, er geht wieder seinen Geschäften nach.

Auf der anderen Straßenseite steht vor einem kleinen Geschäft eine Glasvitrine. Darin; Stapel von sauber gefalteten, bunten Stoffen. Ich gehe hinüber und sehe sofort einen schönen, verhandle kurz mit der Verkäuferin und kaufe Ihn. Verpackt wird er in einer etwas größeren, schwarzen Plastiktüte.

Was soll diese kurze Beschreibung bringen?

Sie soll zeigen, Plastik und Plastiktüten sind allgegenwärtig in meinem Alltag. Ohne sie würde die Wirtschaft auf den Straßen und Märkten Cotonous wohl erheblich erschwert werden. Meine gewagte These ist die folgende:

Die Wirtschaft auf Cotonous Straßen kann ohne Plastikverpackungen und Plastiktüten nicht existieren.

Einer der Hauptgründe vermutlich: Die Alternativen fehlen oder sind zu teuer.

Eine der Hauptkonsequenzen: verdreckte Straßen, Müllhalden zwischen den Häusern, Plastiktütchen, die nicht nur Abwasserkanäle verstopfen und natürlich eine wahnsinnig hohe Nachfrage nach Plastiktüten.

Doch welche Alternativen machen es anderen Regionen der Welt möglich, immer mehr auf diese Plastikverpackungen zu verzichten bzw. verzichten zu wollen und den damit enstehenden Müll zu reduzieren?

  1. Flächendeckende Müllabfuhr
    • Ja. Es gibt auch hier Müllabfuhr. in den reicheren Vierteln. Denn warum was zahlen dafür, dass du eine Mülltonne bekommst und eine nicht sehr zuverlässige Müllabfihr. Konsequenz: Jeder Häuserblock hat seine eigene Müllverbrennungsanlage, die kleinen Müllhalden werden einfach immer mal wieder angezündet.
  2. trinkbares Leitungswasser und flächendeckende Wasseranschlüsse 
    • nicht wenige Häuser holen ihr Wasser aus Brunnen, aber auch im Wasser aus der Leitung kann der ein oder andere Typhuserreger auf dich warten.
  3. Nutzung wiederverwertbarer Beutel und Plastikboxen
    • Tja, das wäre etwas, das sich vermutlich ohne großen Aufwand ändern ließe. Denn Plastikboxen gibt es genug und auch biologisch abbaubare Plastiktüten erhält man im Supermarkt. Doch so wie es jetzt ist, ist es nunmal einfach praktischer, wenn man den ganzen Tag auf den Straßen unterwegs ist.
Wer also produziert den Müll?

Körbe junger Marktverkäuferinnen. Die kleinen Häufchen werden beim Verkauf in eine der bereit liegenden, blauen Plastiktüten verpackt.

Der meiste Plastiktütenmüll wird meiner Einschätzung nach auf dem großen Markt in Cotonou produziert. Wo jeden tag über 1,5 Millionen Menschen ihre Verkäufe abwickeln, kommen viele Plastiktüten zusammen. Wer auf dem Markt unterwegs ist, ist nicht reich, hat häufig keine höhere Bildung und Prioritäten, die weit vor Umweltschutz zu werten sind.

Die 13jährige Estelle ist eine der jungen Verkäuferinnen auf dem Markt. Sie ist den ganzen Tag unterwegs, trägt einen schweren Korb auf ihrem Kopf. Noch mehr mit sich herumtragen? Nein danke! Sie ist angewiesen auf Wasser, dessen Verpackung sie nicht länger mit sich herumtragen muss, auf Essen, bei dem sie nicht danach schauen muss, was sie mit dem Teller anstellt. Abgesehen von diesen einfachen Gründen für Essen in Tüten, hat Estelle noch nie etwas von Gründen für Klimaerwärmung gehört, und wenn doch, dann sofort wieder vergessen. Sie denkt von Tag zu Tag. Nicht an Klimaerwärmung und Auswirkungen von Mikroplastik.

Mit diesem Beispiel möchte ich meine Plastikthematik schließen. Es ist sehr schwer, dieses Thema in Worte zu fassen, seine Gründe zu finden. Es gäbe noch so viel, was ich dazu sagen könnte, doch es reicht. Fast:

Ohne Plastiktüten können die wundervolle Kultur der Straßenstände, das sehr, sehr praktische „Wasser to go“ und die überragend guten, roten Bisapsäfte in dieser wundervollen Stadt derzeit nicht leben.