Benin Begegnen

BUNTerwegs im Westen Afrikas

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Weiß ist auch nur eine Art von Schwarz

Wenn man genau hinschaut, sieht man die Röcke im Abendwind schwingen. Ansonsten gleichen sie sich. Die Schatten vier junger Mädchen wandern nebeneinander, Hand in Hand durch die Abenddämmerung. Man hört ein Lachen, einer der Schatten beginnt freudig zu hüpfen. Die Anderen machen es ihm nach. Schwestern?Sie werden schneller. Hüpfend treten sie ins Licht einer Straßenlaterne. Sein Blick wandert von den Schatten zu den Mädchen. Alle tragen bunte Kleidchen und Flipflops. Sie scheinen sich gut zu verstehen, haben Spaß miteinander. Machen keinen Unterschied zwischen sich.  Doch die Haut zweier Mädchen leuchtet im Licht der Laterne.

Manchmal vergesse ich in meinem Alltag, dass ich anders aussehe. Dann schaut man nach unten und sieht da zwei weiße Füße unter seinem Kleid herausschauen. Und dennoch sind wir alle gleich. Wir haben die selben Gedanken, die selben Gesprächsthemen, verfolgen die selben Ziele.  Warum sollte es auch anders sein? Wir leben auf einem Planeten, haben den gleichen Glauben, schauen in den gleichen Sternenhimmel.

Ich habe keine besondere Tat vollbracht, die es mir ermöglicht, mit meinen gerade einmal 19 Jahren auf der anderen Seite der Welt zu stehen. Es ist nicht mein Verdienst, dass ich das Glück hatte in Europa geboren zu werden, welches es mir ermöglichte, zur Schule zu gehen, Abitur zu machen und meinen Traum vom Freiwilligendienst in Afrika verwirklichen zu können.

Und trotzdem ist es gerade dieses Glück, was mich zu etwas Anderem macht, in dieser wundervollen Welt Benins.

Bist du stolz auf deine Hautfarbe?, hat mich einmal ein Jugendlicher gefragt. Nein, warum sollte ich stolz sein?, antwortete ich. Naja, du bist hier etwas Besonderes, du fällst überall auf.

Ja. Ich falle hier überall auf.

„Yovo,yovo, Bon soir, ca va bien, merci!“

Wir treten auf die Straße. Unsere Röcke schwingen im Abendwind. Unsere Schatten wandern vor uns auf dem Boden entlang, sind uns immer einen Schritt voraus. Moufidath* sagt etwas auf Fonbé, der mir noch sehr unbekannten Regionalsprache. Jocelyne* muss lachen und beginnt zu hüpfen. Wir anderen machen es ihr nach. Wir treten ins Licht einer Straßenlaterne, meine Haut scheint zu leuchten. Von der Seite hören wir ein freudiges „Yovo, yovo, bon soir…“ Wir wurden entdeckt.  Dazu wäre das Licht der Straßenlaterne allerdings nicht nötig gewesen. Ich habe das Gefühl, selbst in völliger Dunkelheit neben der Haut der einheimischen Jugendlichen wie ein Leuchtturm zu wirken. („Yovo“. Das sind wir.“Weiße“. Ich glaube es ist unmöglich, als hellhäutiger Mensch bei einem Besuch in Cotonou, diese Fonbé-Vokabel Nicht zu lernen. Man hört sie immer. Überall.) Drei kleine Kinder kommen vom Straßenrand freudig auf uns zu gelaufen. „…ca va bien, merci“. Ein kleines Lied, welches die Kinder hier bereits im Kindergarten zur Begrüßung eines „Yovo“ lernen. Ich begrüße die Kinder kurz, lache mit Ihnen, gebe jedem kurz die Hand und wünsche Ihnen einen schönen Abend. Drei Weitere winken mir erfreut vom Straßenrand zu: Yovo, yovo, bon soir.

Unser allabendliches Abendrot über der Stadt in seiner späten Phase

So ist er. Mein Alltag, wenn ich Hellhäutige durch die Straßen Cotonous wandele. In den ersten Wochen dachte ich, ich würde mich nie daran gewöhnen. Habe es genossen zu Hause in der WG zu sein, wo die sind, die so sind wie ich. Es ist mir nicht leicht gefallen, als Besonderheit. Doch man gewöhnt sich schneller als man denkt.

Inzwischen ist es schön, immer ein freundliches Nicken der Verkäuferin auf der Straße zu erhalten, wenn man sie anschaut und bemerkt, dass sie mir mit ihrem Blick folgt. Immer ein freundliches Grinsen und die Frage nach meiner Gesundheit, oder auch meiner Handynummer vom Motorradfahrer auf dem Motorrad neben mir zu bekommen, wenn ich Ihn anschaue und bemerke, dass er mir mit seinem Blick folgt, statt auf die Straße zu schauen. Oder auch selbst breit zu grinsen, wenn ein kleiner Junge einen sieht, in der Bewegung inne hält und einen mit offenem Mund anstarrt, als sei man ein Allien.

Und trotz dieses Anders-Aussehens, Anders-Sprechens und Anders-Tanzens, ist es Innen drin, doch kein Anders-Sein. Unsere Sprache erinnert hier an Vogelgezwitscher, unsere sichtbaren Venen an den Handgelenken und der Fakt, dass unsere Haut rot werden kann, sind sowieso ein unbegreifliches Phänomen, mein Nachname ist unaussprechlich (Danke Papa!)  und wurde von den Jugendlichen daher nun geändert zu „Anicka Holala“ und unsere farbigen Iris stoßen immer wieder auf Begeisterung. Aber wenn es darum geht, unsere Träume zu verwirklichen, unsere Jugend zu leben, zu tanzen, zu singen, zu spielen, so stoße ich jeden Tag auf Parallelen. Denn auch Weiß ist nur ein Nuance von Schwarz.


Ich hoffe, euch Allen geht es im für meine Verhältnisse eiszeitlichen Europa gut.

Unsere deutsche WG hier in Cotonou steigt derzeit ein in die wohl weihnachtlichste Vorweihnachtszeit, die ihre Bewohner je hatten. Mitte November!  Bei 30 Grad und wo echte Tannen nur auf Fotos existieren!

Die Zeit vergeht wie im Flug. Daher möchte ich einen letzten Gedanken zum Schluss nun noch loswerden. Das kommende Wochenende ist Info-Seminar in Benediktbeuern. Das Seminar für alle Bewerber*innen für einen internationalen Freiwilligendienst 2019/20 mit Don Bosco Volunteers. Dort hat für mich vor einem Jahr alles angefangen, und dort sitzen vermutlich schon in wenigen Tagen unsere Nachbewohner dieser wundervollen WG. Unglaublich. Ich wünsche euch, sowie allen anwesenden ehemaligen Volontären ein schönes Wochenende.

Liebe Grüße

Annika

PS: Vielen Dank an alle, die mir bereits etwas gespendet haben! Ich freue mich sehr, dass ihr mich und mein Projekt mit euren Spenden unterstützen möchtet! Erinnerung: In wenigen Tagen endet meine Weihnachtsaktion. Was das ist, findet ihr in meinem letzten Eintrag. Also auf gehts! Jetzt spenden, jetzt unterstützen, jetzt Post bekommen.

 

*Namen geändert

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Thema von Anders Norén.