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Puzzle dir dein Leben! – Danke sagen

Das werde ich doch nie wieder brauchen! Was soll der Quatsch? Wieso soll ich so etwas lernen?

Seid ehrlich. Ihr alle erkennt euch in diesem Satz wieder. Ihr alle hattet diesen Gedanken schon einmal. Im Matheunterricht, bei der Deutschlektüre, beim Thema Musiktheorie oder Kurzgeschichteninterpretation. Allein schon dieses Wort. Kurzgeschichteninterpretation. Da kann ja nix Sinnvolles rauskommen. Oder?

Ich möchte in diesem Beitrag etwas tun, welches für mich vor zwei Monaten schwer möglich, vor einem Jahr undenkbar gewesen wäre. Ich möchte Danke sagen. Danke an Jeden und Alle, die mir in meinem Leben (trotz mangelnder Motivation) versucht haben, etwas beizubringen. Selbst wenn sich dieses Etwas „Hypothesentest“ nennt.  Der Grund für die Entstehung dieses Eintrages ist ähnlich unbegreiflich. Er nennt sich „Puzzle„.

Hä? Wie? Wieso Puzzle. Jeder kann puzzeln!

Na dann mal los. Erklär mal wie das geht! Wie geht puzzeln? Kann das wirklich jeder? Ist puzzeln etwas, was man mit dem Älter werden lernt? Kann man das einfach irgendwann? Oder gibt es da Erinnerungen, die man irgendwo in einer verstaubten Schublade seines Gehirnes verstaut hat.

Eine verstaubte Erinnerung

Ich sitze mit meiner Mama auf dem Wohnzimmerboden. Vor uns ein Pferdepuzzle mit 100 Teilen. Ich lege jedes Teil auf den Deckel des Puzzles um den richtigen Platz zu finden. Sie ermutigt mich immer wieder, es weiter zu versuchen, Geduld zu haben, ohne Gewalt Teile aneinander zu legen. Nein. Ich konnte nicht irgendwann einfach puzzeln. Was nun aber, wenn man solche Erinnerungen nicht haben kann, wenn man mit 18 Jahren das erste Mal ein Puzzleteil in seinen Fingern hielte.

Eine polierte Erinnerung

Es ist Dienstagnachmittag, der Regen fällt aufs Dach des „Maison de l’Espérance“. Ich sitze mit einigen Schülern im Essensraum. Einige spielen Uno. An einem Tisch sitzen ein junger Mann und ein Mädchen. Vor Ihnen in einer Schachtel, die 50 Teile eines Puzzles. Eine Klassenzimmerszene ist auf dem Deckel der Schachtel abgebildet. Eine Klassenzimmerszene mit hellhäutigen Kindern, Globus, großer Tafel und Schnee vor dem Fenster. Alles Dinge, die man hier schwer finden kann. Ich beschließe mich zu den Beiden Jugendlichen zu setzen und beginne die Randteile aus der Schachtel zu fischen. Malick* schaut mich leicht verwirrt an und greift weiter scheinbar wahllos einzelne Teile aus der Schachtel. Nach wenigen Minuten steht er auf. Ich sammle weiter.

„Willst du nicht mitmachen?“ frage ich Prisca*, die die ganze Zeit intressiert, doch tatenlos neben mir sitzt. „Ich kenne das Spiel nicht. Kannst du mir erklären, was man machen muss?“ Ich halte Inne, schaue die 19jährige verwundert an. „Kennst du das nicht?“ „Nein.“ „Das ist ein Puzzle, ich weiß nicht so genau wie ich dir da etwas erklären kann. Wenn man all diese Teile richtig aneinander setzt, ensteht das Bild vom Deckel.“ Sie schaut mir weiter dabei zu, wie ich systematisch versuche Puzzleteile aneinander zu setzen. Der Rand ist fertig. „Kannst du das ganze Bild machen?“ „Ja, schon. Ich weiß nur nicht ob die Zeit noch reicht“ Entgegne ich mit einem Blick auf die Uhr. Noch zwanzig Minuten. Also noch ein wenig schneller puzzlen. Malick* kommt wieder, stellt sich daneben und beobachtet mich ebenfalls. „Fertig!“, grinse ich die Beiden einige Minuten später an. Große Augen. Kurzer Dialog auf der Regionalsprache Fon. „Wie hast du das gemacht? War das Magie? Hast du das Spiel produziert? „. „Ok, ich will das auch probieren. Bringst du mir das bei?“ Also wird das Puzzle wieder auseinander genommen und zurück in die Schachtel gelegt. Wahlloses Greifen von Puzzleteilen. Eines ist blauer Himmel, auf dem Anderen sieht man eine Nase. Trotzdem versucht Prisca* mit Enthusiasmus und ein wenig Gewalt die beiden Teile zu verbinden. Erfreut schaut sie die Verbindung an und greift nach dem Nächsten „Nein, warte kurz. Schau dir die Teile nochmal genau an. Passen sie wirklich aneinander?“ frage ich.  Malick* setzt sich zu uns. Ab jetzt also Teamwork. Ich suche ein passendes Teil aus der Schachtel und drücke es einem der Beiden in die Hand.

„Hier, schau mal wie das dran passt… Doch du findest das,Schau nochmal genau. Nein, warte. Nicht mit Gewalt. Was sieht man hier genau drauf. Ja, genau. Und wo passt das jetzt hin? Ja genau. Warte kurz, schau nochmal kurz hin. Passt die Nase wirklich an den Arm? Richtig, drehen. Passt es so? Genau, also nochmal weiterdrehen. Ja! Sehr gut! “  Teil für Teil arbeiten wir uns so voran. Bei jedem kleinen Erfolg fliegt ein kleines Grinsen über Priscas* Lippen. Die Zeit ist vorbei. Ich stehe auf. Die Beiden versuchen noch ein wenig alleine weiter zu machen.

Was sie mir gezeigt haben…

Es ist ganz egal, wie viel Erfolg sie dabei haben. Darum geht es in diesem Moment nicht. Es geht darum, was sie davon mitnehmen können. Geduld, systematisches Vorgehen, kleine Erfolge. Dinge, mit denen ich als kleines Kind beim Puzzeln zu kämpfen hatte. Dinge, die die Schule in mir weiterentwickelt und ausgebildet hat. Dieser eine kleine Nachmittag hat mir eine Sache ganz deutlich gezeigt. Aber auch sonst begegnet mir diese eine Tatsache immer wieder. Die Tatsache, dass ich in meiner Schulzeit unglaublich viel mehr gelernt habe, als ich dachte gelernt zu haben.

Der Umgang mit Mitmenschen, der Wille etwas Durchzuziehen, ein Gedächtnis für unnötiges und nötiges, Kreativität, Planung und Organisation, der Umgang mit Computern und eben systematische Lösungsfindung. Ich möchte mit diesen Zeile weder Mitleid noch Arroganz generieren. Beide Emotionen sind hier völlig fehl am Platz. Auch will ich hier keinerlei Vorurteile Stärken zum Bildungsstandart junger Menschen! (Ich kenne auch junge Beniner*innen, die Integralrechnung problemlos anwenden können oder mir die Staaten Afrikas aufzählen….). Es geht hier lediglich darum, auf das vermeindlich Selbstverständliche aufmerksam zu machen, welches mir in meinem Leben hier begegnet und zu appellieren daran, sich bewusst darüber und dankbar dafür zu sein. Denn:

Nein, man kann nicht einfach irgendwann puzzlen. Nein, man kann nicht einfach irgendwann lesen und rechnen, eine Schere benutzen, einkaufen, zeichnen, basteln, Spiele anleiten, schwimmen, vor Menschen reden oder einen gewissen Grundstock an Allgemeinwissen haben (und Grundstock heißt wirklich Grundstock: Der höchste Berg der Erde liegt nicht in Deutschland, das größte Tier der Erde ist nicht der Elefant und die Welt hat mehr als 24 Länder).

Für all diese Dinge möchte ich deshalb meiner Schule danken.  Meinen Eltern danken. Meinen Freunden danken. Ich lerne gerade, dass sehr wenige Dinge in meinem Leben selbstverständlich sind. Deutlich weniger als ich dachte. Danke, dass ihr sie mir möglich gemacht habt und möglich macht.

Also, kramt eure alten Erinnerungen raus. Überlegt mal, was ihr mal gelernt habt aber euch heute so vorkommt als hättet ihr es schon immer gekonnt. Sagt mal wieder Danke zu den Menschen, denen ihr dieses Können zu verdanken habt.

Liebe, nachdenkliche Grüße, die sich so langsam an den Dauerschweißfilm auf der Haut gewöhnen.

Eure Annika

Ich, am Blog schreiben

PS: Im nächsten Eintrag gibt’s dafür umso mehr Fotos, versprochen!

*Namen geändert

 

 

 

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