Neues Schuljahr, Neues Glück

Oder eher Pech gehabt?

Seit dem neuen Schuljahr unterrichten Vroni und ich getrennt und haben beide unsere eigenen Klassen. Ich habe mir die zweite und dritte Klasse ausgesucht. Dass die Zweite riesig und die Dritte unglaublich quirlig und frech ist, wusste ich zu Beginn des Schuljahres noch nicht…

In der zweiten Klasse unterrichte ich 45 SchülerInnen, die alle nahezu kein Englisch verstehen. Wenn ich sie frage, wie sie heißen, so können sie mir noch antworten. Dazu stehen sie – wie sie es gelernt haben – auf und murmeln recht schnell und undeutlich „My name is [indischer Vorname, indischer Nachname]“. Meistens hilft mir das auch nicht weiter… Frage ich sie nach ihrem Alter, so schauen sie mich mit ihren großen, braunen – ja fast schwarzen – Kinderaugen fragend an. Während des Unterrichts kommt es auch häufiger vor, dass mich die Kleinen irgendetwas auf Khasi fragen. Ab und zu erzählen sie mir sogar einen ganzen Roman auf ihrer Muttersprache. Solange sie keine Antwort erwarten, ist das auch kein Problem für mich – denn ich höre gerne zu.

Das mit der Sprache ist so eine Sache. Das mit der Größe der Klasse eine Andere. Bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen alle Namen zu lernen. Bei fast 50 kleinen Kindern mit derselben Haar- und Hautfarbe, sowie der gleichen Schuluniform auch kein Wunder. Aber mit der Zeit wird es schon. Zumindest die „Störenfriede“ kenne ich inzwischen alle bei Namen. 😉

In der dritten Klasse sieht es ein wenig anders aus: Es sind „nur“ 40 SchülerInnen. Ich finde, dass bei so einer großen Anzahl wirklich jede(r) Einzelne einen Unterschied macht. Sind beispielsweise fünf Personen zeitgleich abwesend und somit 35 im Raum, merkt man tatsächlich schon einen Unterschied. – Kaum zu glauben, aber wahr!

Um Euch einen Überblick über meinen neuen Schulalltag (wenn man es denn Alltag nennen möchte) zu verschaffen, möchte ich einfach kurz berichten:

Täglich unterrichte ich die beiden eben erwähnten Klassen in „Drawing“ und/oder „Handwriting“. Für „Drawing“, das inetwas so wie Kunst in der Grundschule ist, gibt es seit diesem Schuljahr neue Bücher. Auf 40 Seiten dürfen die Kinder nicht nur aus- oder abmalen, sondern auch basteln, kleben, falten und schneiden. Es sind sehr viele kreative Projekte dabei. Beispielsweise durften die DrittklässlerInnen eine Schnur in gleich lange Stücke schneiden, die sie dann als Saiten einer gemalten Gitarre aufgeklebt haben. Aus mehreren bunten Papierschnipseln haben sie einen bunten Vogel im Mosaikstil zusammengesetzt. Die ZweitklässlerInnen haben voller Begeisterung kleine, runde Spiegel auf eine selbst designte Sari-Borte aus Papier geklebt.

Vroni und ich haben für das neue Schuljahr einige Materialien besorgt. Diese erleichtern nicht nur uns den Unterricht enorm, sondern bereiten v.a. den Kindern eine große Freude. So habe ich zum Beispiel letzte Woche mit der zweiten Klasse einen Regenbogen mit Wasserfarben gemalt. Es ist unglaublich, wie sehr sich gerade die Kleinen darüber freuen. Viele von ihnen hatten noch nie einen Pinsel in der Hand. Mit dem Begriff „water-colours“ konnten nur Wenige etwas anfangen. Aber wie erkläre ich ihnen am schlausten, wie das Malen mit Wasserfarben funktioniert, wenn sie mich nicht verstehen? Wie erkläre ich überhaupt irgendwas?

Inzwischen ist meine Unterrichtstaktik folgende: Ich mache vor. – Sie machen nach. So einfach ist das. Oder doch eher schwer? Man muss ganz schön viele Sachen bedenken, denn die Kinder sind wie ein Spiegelbild:

Bin ich gut drauf, so sind auch sie fröhlich. Habe ich einen schlechten Tag, so haben auch sie oft keine Lust und stören. Schreibe oder zeichne ich etwas an die Tafel, so wird es exakt genau so übernommen. Irgendwie ist das – zumindest manchmal – lustig. Allerdings ist es oft auch schwierig: Ich kann sie nicht nur mit Worten loben bzw. schimpfen oder mein Handeln erklären. Ich kann ihnen nicht sagen, was Hausaufgabe ist, da sie kein Englisch verstehen. Ich kann es auch nicht anschreiben, da sie noch nicht lesen können. (Die Lösung ist einfach, keine Hausaufgabe zu geben… 😉 ) Als ich sie das letzte Mal doch etwas Daheim fertig zeichnen lassen wollte, habe ich eine Lehrerinn um Unterstützung gebeten. Sie hat dann für mich übersetzt. Mit der Zeit habe ich so meine Mittel und Wege gefunden.

Handwriting-Lesson“ bedeutet so viel wie Schönschriftunterricht. Auch in diesem Fach gibt es ein Schulbuch mit netten Geschichten und Gedichten sowie Gebeten zum Abschreiben. Allerdings versuche ich den Unterricht etwas kreativer zu gestalten und mache – soweit möglich – auch Lückentexte, Kreuzworträtsel oder das ACB. U.a. die Zahlen und meine Regeln für den Unterricht habe ich sie schon abschreiben lassen. Machen die Kinder es besonders gut, haben all ihre Unterrichtsmaterialien dabei und gegebenen Falls auch ihre Hausaufgabe gemacht, so erhalten sie einen Sticker. „If I have five sticker, I will get sweets“, hat gestern eine meiner Schülerinnen stolz einem älteren Mädchen erklärt. Genauso ist es. Es freut mich zu sehen, wie ich mit so einfach Mitteln nicht nur Disziplin erreichen, sondern auch Freude bereiten kann. Sind sie alle brav und ruhig, wird in den letzten fünf Minuten oft noch ein kurzes Spiel gespielt oder ein Actionsong gesungen.

Zwei Schülerinnen aus der zweiten Klasse im Handwritingunterricht

 

Auch die Jungs der Zweiten machen mit! Los ging’s mit dem ABC in Schreibschrift.

 

Die erste Hälfte der zweiten Klasse der Auxilum Secondary School

 

Und die anderen 23…

Da wir für den Unterricht nichts ausdrucken oder kopieren können und nur eine Tafel mit Kreiden zur Verfügung haben, müssen wir oft kreativ werden, um den Unterricht möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Leider sind die Klassenzimmer winzig (siehe Bilder) und somit gibt es keine andere Möglichkeit, als die SchülerInnen alle in Reih und Glied geordnet zur Tafel schauend hinter ihren Tischen sitzen zu lassen. Das finde ich sehr schade. Es ist auch kein Wunder, dass es bei so vielen Kindern auf so engem Raum irgendwann eskaliert. Hierzu eine kurze, wahre Geschichte:

Es ist Mittwoch. Wie gewohnt warte ich auf den Gong zum Stundenwechsel, um in das Klassenzimmer der dritten Klasse zu gehen und Schönschriftunterricht zu geben. Schon von Weitem höre ich lautes Gebrüll. Ich gehe den Gang entlang und öffne die Türe zum Klassenzimmer. Was ich sehe schockiert mich: Die Drittklässler sind nicht nur unglaublich laut und nicht auf ihren Plätzen, sie schlagen sich auch gegenseitig. Einige singen lautstark, andere essen und verteilen dabei ihren ganzen Reis auf dem Boden. Als ich mich umblicke, fällt mir ein Junge auf, der auf dem Boden liegt. Es scheint als würde er weinen. Etwas verunsichert gehe ich auf ihn zu. (Die Kinder verarschen mich hier oft und tun nur so als ob sie weinen.) Doch der kleine Remi* weint wirklich. Es scheint, als hätte er starke Schmerzen, denn er zuckt immer wieder zusammen und schnappt nach Luft. Inzwischen hat sich mindestens die Hälfte der Klasse um ihn herum versammelt. Einige seiner MitschülerInnen zeigen auf ihn und lachen ihn aus. Andere treten ihn. Während ich versuche sie davon abzuhalten, auf ihre Plätze zu scheuchen und den Jungen zu fragen, was konkret ihm fehlt, hält mir Wanphai* seinen blutenden Finger entgegen. Der Fingernagel ist definitiv nicht mehr dort, wo er sein sollte. Er steht zu Hälfte ab. “Das ist alles nur ein Albtraum, gleich wache ich auf“, denke ich. Aber nichts geschieht. Das Geschrei der Kinder holt mich in die Wirklichkeit zurück. Was soll ich tun? Was macht man denn in so einer Situation? Ich denke an meine Jungendleiterausbildung und den Erste-Hilfe-Kurs. Was hätten wir Leiter in anderen Jugendgruppen oder im Zirkus gemacht? Sofort fällt mir ein großer Unterschied auf: WIR Leiter. Es wären immer mehrere da gewesen, auf die man in einer solchen Situation die unterschiedlichen Aufgaben aufteilen hätte können. Eine(r) würde sich um Remi kümmern, ein(e) andere(r) um Wanphai. Mindestens Zwei würden versuchen die Klasse in den Griff zu bekommen. Ein(e) Weitere(r) würde der hauptverantwortlichen Person (Klassenlehrerin) Bescheid geben, bzw. Hilfe holen. Aber was mache ich allein? Intuitiv versuche ich Remi auf einer Sprache, die er zwar nicht versteht (aber egal) zu beruhigen und ihn zum gelichmäßigen Atmen zu bringen. Ansonsten erstickt er mir hier noch. Außerdem versuche ich ihn aus dem Klassenzimmer zu schaffen. Auf dem Gang begegnet mir glücklicherweise eine Lehrerin, die meine Notsituation erkennt und mir zu Hilfe eilt. Sie kümmert sich um Remi. Wanphai weint heftig. Wieder hält er mir seinen Finger unter die Nase. Dieser ist inzwischen schon leicht bläulich verfärbt. Na super, sowas liebe ich ja… Ich bringe ihn also ins Lehrerzimmer und bitte eine Don Bosco Schwester um Hilfe. Sie nimmt sich ihm an. Also zurück in die Klasse. Ich nehme all meinen Mut zusammen und atme noch einmal tief durch. Als ich in die Klasse trete, passiert erstmal gar nichts, denn die Kinder sind so beschäftigt, dass sie mich gar nicht wahrnehmen. Erst jetzt bemerke ich, womit sie beschäftigt sind: Dem Zerlegen meiner Tasche und allen Unterrichtsmaterialien, die ich darin verstaut hatte. Na toll, wieso habe ich nicht daran gedacht, sie mitzunehmen? Zum Glück hatte ich vorrausschauender Weise keine Wertsachen darin und es ist kein ernsthafter Schaden entstanden. Trotzdem bin ich sauer. Ich suche meine Sachen zusammen und beginne den Unterricht mit einer Standpauke. Auch wenn sie nicht jedes meiner Worte verstehen, so verstehen sie doch, wie wütend ich bin und auch, dass es so nicht geht. Zum Glück machen sie deshalb – zumindest einigermaßen – das, was ich sage.

Anscheinend wurde Remi von dem Ältesten der Klasse so heftig auf die Brust geschlagen, dass er nicht mehr normal atmen konnte. Er wurde ins Krankenhaus gebracht. Wanphais Hand wurde beim Zuschlagen einer Tür durch einen Mitschüler darin eingeklemmt. Sein Finger wurde von der Schwester verbunden. Für die Zukunft habe ich mir zeigen lassen, wo sich ein Erste Hilfe Kasten befindet. Außerdem habe ich selber Pflaster eigesteckt. Der Grund für diese Eskalation war übrigens folgender: Die Klassenlehrerin war an diesem Tag ungemeldet abwesend. Deswegen waren die SchülerInnen die ersten drei Schulstunden ganz alleine und unbeschäftigt in ihrem Klassenzimmer.

Ab und zu ist es schwierig für mich, nicht die Motivation zu verlieren, an die Kinder zu glauben. Gerade nach so einer Unterrichtsstunde frage ich mich oft, warum ich hier bin. Warum ich ihnen freiwillig helfen will, auch wenn sie diese Hilfe gar nicht akzeptieren wollen. Aber gerade das ist die Herausforderung in diesem Jahr: Nicht die Motivation zu verlieren. Auch nach einem schlechten Tag weiterzumachen. Es sich als Aufgabe zu machen, die Kinder zum freiwilligen Lernen zu überreden. Ob mit Worten oder mit Mimik, Gestik und dem HEREZEN ist dabei ganz egal.

Immer wieder rufe ich mir dabei folgenden Satz ins Gedächtnis:

„Diese Kinder sind Edelsteine, die auf der Straße liegen. Sie müssen nur aufgehoben werden, und schon leuchten sie.“ – Don Bosco

Als Don Bosco Volunteer sollte ich genau das tun: Die Edelsteine aufheben. Jedes einzelne Kind hat seine Chance verdient. Denn ich kenne ihre Vergangenheit und ihre Geschichten nicht. Ich sollte mir die Zeit nehmen, diese rauszufinden und sie auf ihrem Weg unterstützen. Meist haben sie es nicht so leicht Zuhause. Die Verhältnisse sind andere als in Deutschland… Und was gibt es für eine größere Belohnung als Kinder, die mit leuchtenden Augen und einem breiten Grinsen im Gesicht auf mich zu rennen, sich streiten, wer an meiner Hand gehen darf, wer neben mir stehen darf?

Meine absoluten Lieblingsunterrichtsstunden sind die „Games-Lessons“. Gemeinsam mit Vroni spielen wir mit der zweiten – vierten Klasse draußen im Pausenhof unterschiedliche Spiele. Mit neuer Motivation vom Zwischenseminar gehen wir die „Spielestunde“ meist mit viel Energie und Power an. Es ist schön zu sehen, wie schnell sie sich auf die Kinder überträgt. Die letzten Male haben wir einen Staffellauf gemacht. Vorwärts, rückwärts und seitwärts, aber auch einbeinig hüpfend sind die Kleinen auf mich zugelaufen, um meine Hand abzuklatschen und möglichst schnell wieder zurück zu rennen. Als ich nur in die Hocke gegangen bin, um ihnen zu zeigen, wie sie als Frosch springen sollen, sind sie alle schon von allein losgehüpft – ich musste es gar nicht mehr vormachen. Vroni und ich mussten einfach nur Grinsen. 😀

Wie letztes Schuljahr gebe ich auch wieder Computerunterricht. Allerdings nur noch einmal täglich für die Klasse Zehn B. Auch wenn es garantiert nicht meine Lieblingsstunden werden, so macht es mir doch meist Spaß – sofern Strom vorhanden ist und ich nicht spontan Theorieunterricht geben muss… Trotzdem bin ich froh, dass Vroni dieses Schuljahr mehr Computerunterricht gibt und ich meine kleinen Frechdachse habe.

Abends mache ich jetzt nicht mehr „nur“ die Aufsicht der eineinhalbstündigen Study Time, sondern gebe den kleineren Mädels (1.-6. Klasse) einzeln jeweils 30 Minuten Nachhilfe. Das ist definitiv produktiver und sinnvoller, aber auch anstrengender. Meistens brauchen sie Hilfe im Fach Englisch (Aussprache, Rechtschreibung und Buchstabieren), aber auch in Mathe. Häufig frage ich sie zusätzlich in anderen Fächern ab. Das fordert viel Geduld. V.a. wenn ich dreimal hintereinander das Gleiche erkläre bzw. abfrage. Aber es ist auch total schön, die ersten Fortschritte zu beobachten. Bei einer Zweitklässlerin, die ich in letzter Zeit täglich unterrichtet habe, merke ich inzwischen eine deutliche Verbesserung. Das macht mich glücklich und auch ein wenig stolz.

Die Zeit hier in Indien ist definitiv eine Erfahrung für’s Leben. In meinem Fall ist es auch ein ganz gutes Praktikum, denn ich bin mir inzwischen sicher, dass ich Grundschullehramt studieren möchte. Ich habe einen guten Einblick ins „Lehrer-Sein“ bekommen und weiß, wie viel Vor- und Nachbereitung hinter jeder einzelnen Schulstunde steckt – eine Menge. Auch, wenn es ab und zu nicht ganz einfach ist, weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war hierher zu kommen. Und das Leben ist nun mal ein ständiges Up- und Down. Das wird sich auch in Deutschland nicht ändern.

In drei Tagen sehe ich meine Familie endlich wieder. Darauf freue ich mich wirklich schon riesig!

Ganz liebe Grüße

 

*die Namen wurden aus Datenschutzgründen geändert

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  1. Avatar

    Roland Krammer

    Wir freuen uns auch schon sehr!
    Bis bald…
    Roland, Margit und Irina

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