Wenn jemand von hinten ankommt, mir die Augen zuhält und ich erraten muss, welcher von den 150 Jungs das wohl sein könnte, ist das schwierig zu meistern, aber mittlerweile teilweise sogar ganz gut machbar. Wenn aber ein blinder Junge bei einem Sehtest Buchstaben vorlesen soll, ist das unmöglich.

In den letzten Wochen habe ich meinen Augenmerk im Projekt auf Bildung und Gesundheit der Jungs gelegt. Es fängt damit an, dass mein Tagesablauf jetzt so strukturiert ist, dass ich die Jungen die zur Schule gehen, unterrichte. Den 6-Klässlern, die nicht lesen können bringe ich die morgens eine Stunde das Lesen bei. Danach unterrichte ich in der 8.Klasse. Nachmittags habe ich mit der 5. Klasse das Vergnügen. Viele der Jungs sind durch die meisten der Examen am Schuljahresende durchgefallen und bekommen nun morgens im Heim Unterricht, da sie in der Schule nicht mitkommen. Wenn die Regierung die Erlaubnis erteilt, dass ein Junge zur Schule gehen darf, dann ordnen sie dem Jungen seines Alters nach in eine Klasse ein, die aber fast nie seinem Wissensstandard entspricht. Die Lücken werden immer größer und die Jungs immer unmotivierter noch zu lernen. Das versuche ich morgens im Englischunterricht aufzuholen. Manche sind mehr, manche weniger willig etwas zu lernen. Aber egal welche Klasse, ich unterrichte bei allen das gleiche Level. Jeden Samstag schreiben wir einen Test und der Beste bekommt einen Preis. Die Jungs tragen sich beim Sicherheitsmann am Tor im Buch ein, dass sie zur Schule gehen, aber ich bin mir sicher, dass viele der Jungs auf dem Schulweg einen anderen Weg einschlagen und den Tag nicht in der Schule verbringen. Es kommt auch manchmal vor, dass die Jungs versuchen von der Schule wegzulaufen. Wir holen die Kleinen aus der Grundschule manchmal ab. Die große Frage, die sich also stellt: Wie kann man die Jungs motivieren etwas zu lernen? Wie bringt man ihnen Ausdauervermögen bei? Und wie macht man ihnen begreiflich, dass Bildung essenziell ist? Dass sie dafür auch mal auf die Zähne beißen müssen, wenn sie ein Fach oder einen Lehrer nicht mögen.

Das andere große Thema, was das Fundament für ein geregeltes Leben bildet, ist Gesundheit:

Kleinere Probleme sind z.B. Läuse, die fast jeder Junge hat. Das haben wir gesehen, als wir die Haare geschnitten haben. Denn natürlich gehen die Jungs nicht zum Frisör. Das Schneiden übernehmen die älteren Jungs und teilweise auch wir. Ich habe vorher noch nie in meinem Leben jemandem die Haare geschnitten. Das hat man vielleicht auch bei den ersten Versuchen ein wenig gesehen. Aber zu meine Verteidigung kann ich sagen, dass ich nur eine Bastelschere benutzen konnte. Mit jedem Mal wurde es aber besser und viele kamen zu mir, die von „Didi“ (große Schwester) einen neuen Haarschnitt haben wollten.

Das erste Mal Haare schneiden in meinem Leben

Das erste Mal Haare schneiden in meinem Leben

 

Da ist ein Haarschnitt auch mal dringend nötig

Da ist ein Haarschnitt auch mal dringend nötig

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Es gibt aber auch größere Probleme. Viele der Jungen haben Zahnprobleme. Karies ist nicht selten der Fall. Die Jungs finden es nicht schlimm, dass sie einem anderen Jungen ihre Zahnbürste leihen, wenn der seine gerade nicht findet oder verloren hat. Die Zahnbürsten stehen auch nicht in einem Behälter im Bad, wie es in Deutschland der Fall wäre. Nein, sie liegen unter den Kopfkissen, auf dem Fußboden oder in den Schließfächern zwischen ungewaschener Kleidung. Um das Bewusstsein für gesunde Zähne bei den Jungs zu stärken, haben wir Sonntag Morgen in verschiedenen Gruppen erklärt und vorgemacht, wie man richtig und effektiv Zähne putzt und Bilder von Zahnkrankheiten gezeigt, worauf sie gesehen haben, was passiert, wenn man die Zähne nicht putzt.

Igitt!!!

Igitt!!!

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Bitte genau zusehen!

Bitte genau zusehen!

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Daraufhin waren alle sehr geschockt und haben ihre Gesichter angeekelt abgewendet. Allerdings haben sich manche auch in den Bildern traurigerweise wiedergefunden.

Da musste ich noch ein bisschen nachhelfen

Da musste ich noch ein bisschen nachhelfen

Ganz vorbildlich

Ganz vorbildlich

 

Sie sind noch keine Experten im Zähne putzen

Wir wollen so bald wie möglich einen Zahnbürstenbehälter für alle Zahnbürsten anbringen, wo sie dieses wichtige Utensil hygienisch lagern können. Wir müssen auch demnächst dem Zahnarzt mit ein paar Jungs mal einen Besuch abstatten.

Mit Arztbesuchen haben wir mittlerweile schon ein bisschen Erfahrung, denn mit drei Jungen sind wir in das „AIIMS Hospital“ – dem größten Krankenhaus Indiens- gegangen.

Rakesh, Shankar und Naresh

Diese drei Jungs haben erhebliche Einschränkungen durch ihre Augen. Rakesh hat vor 4 Jahren auf der Straße einen Glassplitter ins Auge bekommen und konnte aber erst nach einem Tag ins Krankenhaus gebracht werden, weil seine Eltern nicht zu Hause waren. Im Krankenhaus musste er dann nochmal 2 Tage warten. Als das Auge dann operiert wurde, war es bereits zu spät und jetzt ist er blind auf seinem linken Auge. Es gibt keine Heilung, da der Sehnerv beschädigt ist. Shankar ist durch eine genetische Erbkranheit nicht in der Lage gut zu sehen. Er kann nur das erkennen, was sehr nah dran ist. Von Tag zu Tag verschlimmert sich sein Zustand. Dazu kommt ein extremes Schielen. Bei ihm hat es auch Auswirkungen auf sein gesitigen Zustand. Eigentlich ist er ein total intelligenter Junge, der sich Sachen schnell merken kann und interessiert ist immer etwas neues zu lernen. Aber diese unheilbare Auegnkrankheit nimmt ihn und seinen jüngeren Bruder sehr mit. Hinzu kommt noch, dass die beiden denke, dass ihre Mutter Shankar im Alter von 2 Jahren bei einem Streit gegen eine Wand geworfen hat und die Augenprobleme dadurch kommen (Das wurde den beiden so erzählt und Shankar ist auch der Meinung, dass er sich an den Vorfall erinnern kann) Der Arzt hat allerings widerlegt, dass es sich so zugetragen hat. In zwei Jahren wird Shankar erblinden. Es ist bisher keine Therapie zur Heilung bekannt. Es gibt nur ein paar Methoden, die den Erblindungsprozess verlangsamen. Naresh kann auf einem Auge nicht sehen, was an einer defekten Linse (ebenfalls durch einen Unfall verursacht) liegt. Er wird am 20.5. eine Augenoperation haben. Wir wissen aber noch nicht, wie erfolgreich diese OP sein wird, da bei ihm der Unfall schon länger als 5 Jahre her ist. Für diese OP suche ich momentan noch nach Spenden. Wir haben die Jungs ins Krankenhaus gebracht, weil wir bis zu diesem Zeitpunkt von keinem der drei eine konkrete Diagnose vorlag und keine Aussage über mögliche Behandlungen. Die Jungs waren zwar schon alle im Krankenhaus, allerdings konnten wir darüber keine Berichte in ihren Akten finden. Somit wollten wir alles in unserer Macht stehende tun, um eine mögliche Verbesserung für die Augen der Jungs zu erreichen und vorrangig herauszufinden, was eigentlich das Problem mit ihren Augen ist. Für Naresh war auch schon eine OP 2013 angesetzt, vor der er aber aus dem Krankenhaus geflohen ist. Wir müssen weiterhin versuchen etwas gegen den Schmerz zu unternehmen, dem die beiden Jungs mit dem unheilbaren Problem jede Nacht ausgesetzt sind. Ein Krankenhausbesuch in einem indischen Krankenhaus ist ganz anders als in Deutschland. Vor allem im größten staatlichen Krankenhaus Indiens, wo die Behandlungen die Bevölkerung nichts kosten. Das heißt: Es sind tausende von Menschen dort.

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Im Untersuchungsraum

Im Untersuchungsraum

Davor warten auch noch genug Menschen

Davor warten auch noch genug Menschen

 

Ohne Termin kann einfach jeder kommen, was aber auch zur Folge hat, dass viele wartend vor dem Krankenhaus sitzen. Es gibt keine Möglichkeit mit dem Arzt allein zu sprechen, denn immer stehen noch viele andere Menschen, die behandelt werden wollen, in dem öffentlich zugänglichen Raum. Und es wird kein Bericht über den Krankenhausbesuch erstellt. Wir wissen nicht einmal den Namen des Arztes. Wir konnten uns aus dem verwirrenden Gekritzel aus Abkürzungen und Zahlen nichts entnehmen. Genervt ist er unserer Bitte nachgekommen, die Diagnose noch einmal in Sätzen aufzuschreiben. Daraus haben wir dann einen Bericht erstellt und versucht alle weiteren Infos (z.B. über durchgeführte Tests) zusammen zu tragen.

Zwischendurch haben die Jungs ein Eis bekommen- wie sie sich darüber gefreut haben sich eins aussuchen zu dürfen!

Zwischendurch haben die Jungs ein Eis bekommen- wie sie sich darüber gefreut haben sich eins aussuchen zu dürfen!

 

Auch etwas richtiges zu essen gab es, frisch auf der Straße zubereitet

Auch etwas richtiges zu essen gab es, frisch auf der Straße zubereitet

Dann ging es mit dem Bus zurück

Dann ging es mit dem Bus zurück

Auch wenn es sehr chaotisch war und die Prognosen nicht wie erhofft, werden wir mit vereinten Kräften um ein Wunder beten.