Als Kind konnte ich nie einschlafen, bevor meine Mutter nicht an meinem Bett war und „Gute Nacht“ gesagt hat. Wie wir zumindest versuchen können eine weibliche Bezugsperson für die Jungs zu sein, merken wir jeden Sonntag Abend. Nach dem Abendbrot gehen wir an diesem Tag nochmal ins gegenüberliegende Gebäude, um mit den Jungs die letzte Stunde zu verbringen, bis zumindest die Kleinen schlafen gehen.

Der Schlafsaal der Jüngeren

Wir sind es gewöhnt, dass die Jungs herum wuseln und toben. Doch am Abend machen es sich alle Jungs nach dem Abendbrot gemütlich und liegen auf Decken, die auf dem Fußboden ausgebreitet sind. Wir legen uns zu ihnen und das ist die einzige Zeit am Tag, wo wir mit ihnen zusammen mal ausspannen können. Ein kleiner Junge auf meinem Schoß, ein anderer, der dich links neben mir unter der Decke verkriecht und rechts neben mir legt ein dritter seinen Kopf auf meine Schulter. Es wurde mir auch ein Schlafplatz auf dem Schoß des Jungen hinter mir angeboten. Ein typischer Bollywood-Movie (natürlich auf Hindi, weshalb ich nicht viel verstehe). Die Tanz-Szenen werden übersprungen, denn die kostbare TV-Time darf nicht verschwendet werden. Action ist das, was sie sehen wollen. Viele von den kleinen Jungs schlafen vorm Fernseher schon ein, bevor sie 21:30 ins Bett geschickt werden. Die Kleinsten nehme ich dann bei der Hand oder trage sie auf meinem Arm. Im Schlafsaal zwei Etagen weiter oben angekommen, sucht sich jeder ein Bett. Das System habe ich noch nicht so ganz verstanden, denn anscheinend haben ein paar Jungen ihr eigenes Bett, aber andere müssen jeden Abend aufs Neue auf Bettsuche gehen. Zur Zeit sind relativ viele Jungs von Windpocken betroffen und schlafen daher im Krankenzimmer. Dann ist die Bettauswahl etwas größer. Aber trotzdem schaut ein 5-jähriger Junge mich mit seinen großen Augen an und sagt: „Didi, ich habe kein Bett“. Ein anderer bereitet sich sein Bettlager auf dem Boden unter dem Bett seines besten Freundes. Ein dritter versucht sein Bett zu verrücken, weil er in der Ecke hinten Angst vor Geistern hat. Ein Vierter bittet mich, ihm zu helfen, sein Bett mit Decken zu beziehen. Unter den Kopfkissen kommen Zahnbürsten, Notizbücher, Stifte zum Vorschein. Wir kontrollieren jeden Tag die kleinen Schränke der Jungs, dass sie keine nasse Kleidung dort verstauen, dass alles ordentlich zussamengelegt ist und dass sauber sind (Die Jungs waschen ihre Kleidung selbst mit der Hand und diese wird dadurch nicht wirklich sauber)

Im Schlafsaal werden auch Hausaufgaben gemacht und wir achten darauf, dass die Jungs jeden Tag ihre Schränke aufräumen

Im Schlafsaal werden auch Hausaufgaben gemacht und die Schränke aufgeräumt

Dann versuchen wir sie noch dazu zu bewegen, Zähne zu putzen. Denn, wenn überhaupt putzen sie am Morgen, doch da auf die Zahnhygiene wird nicht wirklich geachtet und kein Wert darauf gelegt. Dementsprechend haben die Kinder auch schon öfters mal schwarze Zähne. Nach anfänglicher Verwirrung und Protest bei den Jungs, sind dann doch die meisten mit ihrer Zahnbürste gekommen. Auch wenn das Wasser um diese Jahreszeit extrem kalt ist und damit sich natürlich keiner gern die Zähne putzen möchte. Ob die Kinder nachts auch so frieren, wie ich, weiß ich nicht. Aber ich vermute nicht. Denn wer tagsüber bei diesen Temperaturen noch barfuß herumläuft, friert wahrscheninlich nicht. Man kann sich vielleicht nicht vorstellen, dass es in Indien (abgesehen vom Himalaya) so kalt werden kann. Aber es ist immer ein lustiges Bild, wenn sich die Jungs dicke Jacken anziehen, einen Schal um ihren Kopf binden, aber kurze Hosen tragen und keine Schuhe tragen, weil sie sie mal wieder verlegt haben.

(Zumal ich selbst mir noch einige Kg warme Kleidung aus Deutschland habe schicken lassen) Die Räume sind leider nicht geheizt, wie in Deutschland, also ist es jetzt draußen manchmal wärmer als in den Gebäuden, sodass ich mit Winterjacke, Mütze und Handschuhen in meinem Zimmer sitze. Die Jungs decken sich auch manchmal mit 5 Decken ein. Alle liegen schließlich in ihren Betten, die großen Brüder helfen noch ihren jüngeren Geschwistern ihr Nachtlager zu richten, ein paar sind so erschöpft, dass sie schon schlafen, andere haben noch nicht genug vom Tag und malen ein Bild. Wir sagen jedem „Gute Nacht, schlaf gut und bis morgen“, streichen ihnen nochmal über den Kopf, decken sie richtig zu und manchmal halten sie unsere Hand noch lang fest, weil sie uns nicht gehen lassen wollen. Dann kommen wir die Treppe herunter und besuchen nochmal das Nachtlager der Jungen in der „Study Hall“, die kein Bett im Schlafsaal haben. Das sind all die, die neu sind oder bei denen klar ist, dass sie nicht lang im Projekt bleiben werden. Dort sind auf der einen Seite Decken auf dem Fußboden ausgebreitet und dort schlafen Jungs im Alter von 3-20 Jahren. Im gleichen Raum machen die Älteren noch ihre Hausaufgaben. Wir freuen uns auf jeden Sonntag Abend, weil es mit die schönste Zeit in der Woche ist, wenn wir nicht nur Lehrer im Unterricht sind oder irgendwelche Anweisungen beim Basteln geben, sondern weil wir dann auch unsere „Didi-Rolle“ richtig wahrnehmen können, was soviel wie große Schwester heißt.

Die Kleidung wird auf dem Dach zum Trockennen aufgehangen

Die Kleidung wird auf dem Dach zum Trockennen aufgehangen