Irgendwo in meinem Kopf wusste ich, dass unvorstellbar viele Menschen auf dieser Welt ein unglaublich armes Leben führen und auch, dass Männer, Frauen und Kinder ausgebeutet werden. Aber die Betonung liegt auf wissen, nicht auf sehen! Ich war noch nie in meinem ganzen Leben so froh in Deutschland aufgewachsen zu sein, wie am Montag.

Mit dem Jeep durch den Staub

Mit dem Jeep durch den Staub

Die Salesianer haben 40 Kilometer von Delhi entfernt ein Projekt in Jakhar. Die Fahrt dorthin verbrachten wir in einem Jeep. Eine ganz andere Umgebung erwartete uns, als die, die wir aus Delhi gewöhnt sind: Naturbelassen. Ruhig und friedlich. Kein Müll auf den Straßen. Kein Verkehr. Eine fast schon verlassene Gegend. Die Behausungen sind nicht alle auf einem Fleck.

Die Menschen kommen an diesen Ort von November bis Juli (wenn die Monsunzeit einsetzt) als Arbeiter aus den ärmsten Staaten Indiens und bringen ihre Familie mit. Dort arbeiten sie in der prallen Sonne von früh morgens bis spät abends im Staub hockend und stellen Ziegelsteine her. 600 Türme sind auf dem ganzen Areal, in denen die Steine gebrannt werden.

Die Frauen müssen sich mit einer Hand ums Baby kümmern und mit der anderen arbeiten

Die Frauen müssen sich mit einer Hand ums Baby kümmern und mit der anderen arbeiten

Die Arbeit ist körperliche Schwerstarbeit, die vor allem auf den Rücken geht

Die Arbeit ist körperliche Schwerstarbeit, die vor allem auf den Rücken geht

Die "Backöfen" für die Steine

Die „Backöfen“ für die Steine

Der Bau-Boom in den Millionenstädten wird mit solchen Ziegelsteinen gedeckt und dafür werden tausende Arbeiter jedes Jahr nach Jakhar gelockt. Was sie nicht wissen: Wer Geld verdient, muss auch hohe Abgaben leisten. Körperliche Schwerstarbeit erfordert die Herstellung der „Bricks“ und 4 Rupees ist der Lohn pro Stück. (70 Rupees = 1€) Am Tag stellt ein Ehepaar zusammen 1000 bis 1200 Bricks her. Um sich am Anfang mit dem Nötigsten zu versorgen, bekommen die Arbeiter von den „Brickfieldbesitzern“ ein Darlehen, was sie aber zurückzahlen müssen zuzüglich 2% von ihrem monatlichen Einkommen als Zinsen. Das ist also ein Jahreszins von 24 %. Die Menschen sind ungebildet und machen sich darüber keine Gedanken, denn auf den ersten Blick ist das ja nicht viel. Aber sie müssen das Geld für Lebenshaltungskosten ausgeben und können am Ende des Jahres das Geld nicht zurückzahlen. Die Arbeitgeber fordern also ein, dass sie noch ein Jahr länger bleiben, bevor sie zurück in ihre Dörfer gehen. Dazu kommt, dass der Markt, auf dem die Menschen ihr Essen kaufen müssen, die dreifachen Preise verlangt, als ein Markt in der nächsten Stadt. Aber die Familien haben keine andere Möglichkeit, denn die anderen Märkte sind weiter weg und die Zeit brauchen sie um Geld zu verdienen und nicht zum Markt zu laufen. Die Eltern sind bestrebt, dass alle Familienmitglieder mitarbeiten! Dazu gehören auch die Kleinsten. Sie sind auf das Geld angewiesen, aber die Arbeitsbedingungen für Kinder sind einfach zu hart! Die Älteren (ab 12 Jahren) arbeiten tatsächlich oft im vollen Pensum mit, genau wie schwangere Frauen, bei Höchsttemperaturen von 48 Grad.

Kinder müssen auch mit anpacken

Kinder müssen auch mit anpacken

Das Baby muss abgelegt werden, weil es bei der Arbeit behindert

Das Baby muss abgelegt werden, weil es bei der Arbeit behindert

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Um zu verhindern, dass die kleinen Kinder mitarbeiten müssen, haben die Salesianer vor 3 Jahren ein Projekt vor Ort eingerichtet, eine Art Kindertagesstätte. Jeden Morgen sammelt ein Schulbus die Kinder im Alter von 1 bis 12 Jahren ein und bringt sie dort hin. Sie bekommen gutes Essen, können sich auf dem Spielplatz austoben und es stehen 5 Lehrerinnen für Unterricht, sowie ein Sozialarbeiter zur seelischen Betreuung zur Verfügung.

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Die Kinder haben für unser Willkommen ein Programm vorbereitet

Die Kinder haben für unser Willkommen ein Programm vorbereitet

Die Kinder beim Mittagsgebet

Die Kinder beim Mittagsgebet

Mmh! Endlich Mittagessen

Mmh! Endlich Mittagessen

Danach muss natürlich jeder seinen Teller wieder rdentlich abspülen

Danach muss natürlich jeder seinen Teller wieder rdentlich abspülen

In 3 Gebäuden und einem super schönen Außengelände, verbringen die Kinder den Tag und werden abends wieder zurück gebracht. Dass die Kinder einen ganz anderen Lebensstandard haben, als die Kinder in unserem Projekt, fällt sofort auf. Das Ziel von dem Jungsheim in Delhi, wo wir arbeiten, ist die Straßenjungs in die Gesellschaft zurück zu integrieren und daher wird sich wenigstens bemüht, dass sie einigermaßen sauber sind, was natürlich oft nicht klappt.

Der Spielplatz des Projektes hat alles, was ein Kinderherz begehrt

Der Spielplatz des Projektes hat alles, was ein Kinderherz begehrt

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Die Haare lassen sich wohl nicht mehr kämmen

Die Haare lassen sich wohl nicht mehr kämmen

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Die Kinder werden abends wieder nach Hause gebracht

Die Kinder werden abends wieder nach Hause gebracht

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Aber die Kinder in Jakhar haben total verfilzte und staubige Haare und laufen barfuß zwischen den Millionen von Bricks im Dreck herum.Die Zahl der Kinder, die über den Tag kommen, variiert von 100 bis 200 Kindern. Vor allem im Winter kommen mehr, wenn sie bei Minusgraden in ihren Behausungen frieren. Außer Feuer gibt es nichts um sich zu wärmen, aber die Häuser kann man auch nicht Häuser nennen. In Niedrigen Einraum-Häusern wohnt eine ganze Familie. Ein Wellblech ersetzt die Tür und überall tummeln sich Fliegen. In dem dunklen Raum gibt es nichts, außer einen kalten Steinboden und ein paar einzelne Sachen wie Decken oder Kochutensilien.

Wir haben die Behausungen der Arbeiter "besichtigt"

Wir haben die Behausungen der Arbeiter „besichtigt“

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Den Salesianern liegt es aber auch am Herzen mit den Eltern in Kontakt zu stehen und diese davon zu überzeugen ihre Kinder zur Schule zu schicken, weil das die Grundlage für ihre Zukunft ist. Aber die Eltern lehnen oft ab, weil sie die Kinder als Arbeitskraft brauchen. Auch medizinische Versorgung steht ganz oben auf der Agenda und deshalb kümmern sie sich z.B. um Krankenhausbesuche. Vielleicht können die Bilder einen kleinen Eindruck wiedergeben, von dem, was ich gesehen habe.

Wieder einmal musste ich feststellen, dass wir im Überfluss leben und unsere Gesellschaft einen Blick dafür bekommen muss, wie man anderen helfen kann. Janina und ich wollen vor Ort helfen, in dem wir in der zweiten Hälfte unseres FSJs in diesem Projekt für längere Zeit verbringen und dort mit den Kindern Programm, wie in unserem Jungsheim in Delhi machen.

Ich hoffe, dass dieser Bericht euch wieder daran erinnert hat, wie gut es uns in Deutschland wirklich geht. Seid dankbar dafür! Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit habe mit den Kindern hier meine Zeit zu teilen und ihnen eine Freude zu bereiten. Sie bereiten mir auch jeden Tag eine Freude, wenn die mich anlächeln, an die Hand nehmen oder mich umarmen.

Liebe Grüße

Alinde